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Spaziergang durch die Klavierwelt vor 1914

Jos van Immerseel spielte Debussy auf alten Erard-Flügeln

Jan Brachmann

Wenn man eine Katze über die Tasten trapsen ließe, würde man nichts hören. Die Mechanik eines Flügels aus dem Hause Erard ist so reguliert, dass der Anschlag immer mit einer bestimmten Kraft erfolgen muss, bevor der Hammer überhaupt die Saite berührt. Der belgische Pianist und Dirigent Jos van Immerseel, einer der prominentesten "Originalklang"-Verfechter, plauderte am Donnerstag im Kammermusiksaal der Philharmonie über zwei wunderbare Instrumente aus eigener Sammlung. Die Berliner Festspiele hatten ermöglicht, dass er einen großen Konzertflügel von 1886 und einen gestutzen Salonflügel von 1897 mitbringen konnte, um auf ihnen Musik von Claude Debussy zu spielen.

Ein Konzert mag man dieses Ereignis kaum nennen. Die Atmosphäre war gesellig, halb-privat. Da wurde man von einem Kunstsammler ins Haus gebeten, der gelöst und großzügig mit andern teilen wollte, was er hat und was er kann. Ein besonderes Ideal habe die Firma Erard noch bis zum Jahr 1914 kultiviert: einen perlenden, sprechenden Klang. Immerseel erläuterte dessen technische Voraussetzungen. Und so, wie man hörend in die Klavierwelt vor dem Ersten Weltkrieg eintrat, eröffnete sich einem gleich noch etwas: das Hinterland der Konzertmusik. Der fein sirrende Ton des Salonflügels, das bunte, halb schattierte Ausklingen der Saiten, das alles ließ eine Intimität handgemachter Musik in den Raum treten, wie sie heute nur noch kennt, wer für sich selbst musiziert.

Diesem Klangideal entspricht eine Geselligkeit, die von unseren eher anonymen Konzertsituationen kaum noch hergestellt werden kann. Erstaunlich war allerdings, wie viel Kraft zur Raumdefinition allein vom Instrument ausing. Der Kammermusiksaal hatte seinen Charakter völlig verändert; er war eigentlich kein öffentlicher Ort mehr, so wie die Musik selbst ihren Abstand zur individuellen Biografie des Zuhörers verkleinerte, zur sehr persönlichen Mitteilung wurde.

Sicher hat Debussy selbst auf Erard-Flügeln gespielt; aber auch Brahms benutzte zwischen 1889 und 1896 einen Erard während seiner Ferien in Bad Ischl. Der Klang eines solchen Instruments mit seinem deutlichen Unterschied von Anschlag und Ausschwingen der Saiten ist sehr belebt; er kommt manchmal dem Vibrato der menschlichen Stimme nahe. Diese ausdruckshafte, quasi subjektive Innigkeit steht Brahms gewiss näher als Debussy. Andererseits besitzt dieser Ton auch einen rein sinnlichen Eigenwert jenseits des Ausdruckshaften. Mit seiner geradezu tastbaren Fädigkeit erinnert er auch an Gobelins und macht Debussys Liebe für das Frankreich des 18. Jahrhunderts, die Musik Rameaus, die Bilder Watteaus, verblüffend plausibel. So brachte Immerseels Vortrag genussvoll die Kategorien ins Flackern, mit denen wir die Musik stillzustellen gewohnt sind.