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TAGEBUCH

Protest auf dünnem Boden

Harald Peters

Die Geschichte wird er nicht mehr los. Vor zwölf Jahren veröffentlichte der damals als aufstrebend geltende jamaikanische Dancehall-Sänger Buju Banton den Titel "Boom Bye Bye" und hatte damit prompt einen internationalen Hit. Dass er in seinem stimmungsvollen Lied schmissig zur Ermordung von Schwulen aufrief, fiel der internationalen Öffentlichkeit leider erst mit einiger zeitlicher Verzögerung auf, doch als es auffiel, war sein Traum von der weltumspannenden Karriere jäh zerplatzt.

Banton zog sich schmollend zurück, erklärte sich zum Opfer einer fiesen Kampagne und erfand sich wenige Jahre später trotzig als rundum erleuchteter Rastafari neu. Statt sich von seinem Lied zu distanzieren, erklärte er in seinen nunmehr religiös verbrämten Interviews, dass Gott schon richten werde, was er als junger, ungestümer Mann noch selbst in die Hand nehmen wollte.

Gerade ist Buju Banton wieder einmal in Deutschland auf Tour - zumindest versucht er es, denn seine in Saarbrücken, Hamburg und Darmstadt geplanten Konzerte finden nach Protesten des deutschen Lesben- und Schwulenverbandes nicht statt. Auch die für den kommenden Mittwoch im Kesselhaus der Kulturbrauerei angesetzte Show steht auf der Kippe, wenn Banton sich nicht, wie gefordert, öffentlich für "Boom Bye Bye" entschuldigt und versichert, dass er den Titel nicht spielt.

Tatsächlich hat er den Titel aber schon seit Jahren nicht mehr in Deutschland gespielt, was zeigt, auf welch dünnem Boden sich der Protest bewegt. Er trifft zwar nicht den Falschen, aber die Richtigen trifft er auch nicht. Während man von Banton ständig verlangt, sich für ein altes Vergehen zu entschuldigen, produzieren seine sehr viel prominenteren Kollegen Beenie Man, T.O.K., Sizzla oder Capleton weitgehend unbehelligt ständig neue. Überhaupt hat beinahe jeder jamaikanische Dancehall-Star ein handfestes Schwulen-Hasser-Lied im Programm, was in der logischen Konsequenz dazu führen müsste, beherzt gegen jedes ihrer Konzerte zu vorzugehen.

Und so verständlich das alles sein mag, so problematisch ist es andererseits auch, weil Boykottaufrufe - gegen welche Musik aus welchen Gründen auch immer - meist deutlich über das Ziel hinausschießen. Der Lesben- und Schwulenverband wäre wohl besser beraten gewesen, gelassen auf den eigentlich altbekannten Sachverhalt hingewiesen, dass es sich bei Buju Banton um einen homophoben Spinner handelt - statt nun mit viel Tamtam die Muskeln spielen zu lassen, um das Konzert zu unterbinden. Denn wer Banton dann trotzdem noch sehen will, hat es wohl nicht anders gewollt.