NAIROBI, im August. Die Angst hatte ihn nie losgelassen. Die Angst vor Polizeispitzeln, vor dem Gefängnis, vor einer Mordattacke. Der kenianische Schriftsteller Ngugi wa Thiong'o hatte abgeschlossen mit seinem Land, als er Anfang der achtziger Jahre endlich Asyl fand in London, später in den USA. Er ließ seine Frau Nyambura zurück. Er kam nicht zur Beerdigung seiner Mutter Wanjiku. Nie wieder wollte er den Boden seiner Heimat betreten, solange Kenia im Griff der korrupten Riege unter Präsident Daniel arap Moi war. Dann kam 2002 der friedliche Regimewechsel, und "Ngugi", wie ihn viele Kenianer liebevoll nennen, kündigte seine Heimkehr an.
Anderthalb Jahre lang beobachtete er aus der sicheren Ferne, was sich tat in Kenia. Dann reiste er vor drei Wochen tatsächlich heim. Zum ersten Mal nach 22 Jahren. Er küsste vor laufenden Fernsehkameras das Gras seines Grundstücks in Limuru. Er redete vor Studenten, gab Interviews und traf sich mit Politikern und Verlegern. Es war eine triumphale Heimkehr. Der 1938 geborene Ngugi wa Thiong'o gilt als der einflussreichste Schriftsteller Ostafrikas. Tausende Menschen jubelten ihm zu, wann immer er in der Öffentlichkeit auftrat.
"Sie wollten Geld"
Vergangene Woche dann passierte es. Der Heimkehrer wurde Opfer eines brutalen Raubüberfalls. Drei Männer prügelten mit Pistolen auf ihn ein, drückten Zigaretten auf seiner Stirn aus. Sie quetschten ihn unter einem Sessel ein und vergewaltigten seine zweite Frau Njeeri. All das geschah gegen Mitternacht in Ngugis streng bewachtem Appartement Nr. 71, Block C in den vornehmen Norfolk-Türmen, keine dreihundert Meter von der Polizeihauptwache entfernt. Die Wachhunde trugen Maulkörbe und konnten nicht anschlagen. Die zahlreichen Wachmänner dösten, statt Streife zu laufen.
Bis heute ist die Polizei nicht in der Lage zu sagen, wie die Täter sich Zutritt zu dem Grundstück verschafften. Außer ihren Pistolen trugen sie eine Machete und Messer bei sich. Sie wussten offenbar, wo Ngugi wohnte, sie wussten, dass er am selben Tag aus Kampala heimkehren wollte, wo er an der Makerere-Universität einen Vortrag gehalten hatte. "Sie wollten Geld", sagte die Polizei. Aber Ngugi hatte kaum Bargeld dabei, nur Kreditkarten. Eine Stunde lang dauerte der Horror, dann erst ließen die Täter von ihren Opfern ab und verschwanden mit Bargeld, Laptop und Schmuck, darunter Ngugis Ehering und Njeeris Ohrringe.
Das Land ist erschüttert. Die Menschen fragen sich: Wer steckt hinter der Tat? Nairobis Polizeichef Kin'ori Mwangi beeilte sich, jeden politischen Hintergrund der Tat auszuschließen. Doch die Verschwörungstheorien überschlagen sich. Eine alte Familienfehde könnte Hintergrund der Tat sein, mutmaßt die Polizei. Staatsministerin Beth Mugo machte Mitglieder der alten Moi-Regierung als Drahtzieher des Überfalls aus: "Die, die ihn aus dem Land getrieben haben, sind vielleicht nicht so glücklich über seine Rückkehr." "Sie wollten ihn erniedrigen und einschüchtern", sagte der Verleger Henry Chakava. "Normale Kriminelle foltern ihre Opfer nicht mit Zigaretten", pflichtet ihm Ngugis ältester Freund, der Historiker Maina Kinyatti, bei, "normale Gangster hätten ihn einfach umgebracht".
Ngugi ist einer der prominentesten Kenianer, der sich mit volkstümlichen Theaterstücken und weltweit beachteten Romanen ("Weine nicht, Kind") in die Herzen der Menschen schrieb. Das als subversiv geltende Theaterstück "Ich heirate dich, wann ich will" brachte ihn 1977 für ein Jahr ins Kamithi-Hochsicherheitsgefängnis in Nairobi. Ohne Prozess. Auf Anordnung des damaligen Vizepräsidenten Daniel arap Moi. Die Polizei versuchte damals, ihm ein Geständnis abzupressen. Es ging um Hochverrat und Verschwörung. Aber Ngugi wa Thiong'o gestand nichts. Später wurde er amnestiert, doch seinen Lehrstuhl erhielt der Literaturprofessor nicht zurück. Nachdem seine Theatergruppe 1982 verboten wurde, floh er.
Für Kenias neue Regierung bedeutet Ngugi war Thiong'os Heimkehr einen nicht zu überschätzenden Imagegewinn. Seine Rückkehr ist wie ein Gütesiegel für den bereits erzielten demokratischen Fortschritt im Land. Auch deshalb ist der Überfall auf den Schriftsteller ein so fatales Zeichen. Selbst wenn es sich um ein gewöhnliches Verbrechen handeln sollte. Es wird ganz einfach deutlich, dass die Dinge im Land noch längst nicht so entwickelt sind, wie es die Regierung gern hätte.
Suche nach Ruhe
Der Schriftsteller selbst hat nach dem Überfall um Ruhe gebeten, damit er und seine Frau sich von dem Schock erholen können. Vielleicht denkt er jetzt darüber nach, ob es richtig war, nach Kenia zurückzukommen. Oder ob es nicht besser gewesen wäre, seine Angst vor diesem Land zu behalten. Vor diesem Land, das seine Heimat ist.
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Foto: Ngugi wa Thiong'o gilt als bedeutendster Schriftsteller Ostafrikas.