BERLIN, 6. August. Noch vor fünf Jahren feierte er am Fuße des Zuckerhuts seinen Geburtstag mit einem einwöchigen Fest. Heute sitzt Ronald Biggs in einer Zelle im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh in London. Viele glauben, er sei längst tot. Stimmt aber nicht. Er wird am Sonntag 75 Jahre alt. Als Geschenk wünscht er sich nichts sehnlicher, als in Freiheit mit seinem Sohn ein kaltes Bier zu trinken.
Doch dazu wird es nicht kommen. Der schwer kranke Posträuber, einst der meistgesuchte Verbrecher Englands, bleibt hinter Gittern. Er hat Scotland Yard lange genug auf Trab gehalten. 35 Jahre war er auf der Flut und hat den Polizisten immer wieder ein Schnippchen zu schlagen. Seine Biografie liest sich wie ein unglaubwürdiger Krimi.
Der 8. August spielt darin eine zentrale Rolle. Denn der raffinierte Verbrecher kann an diesem Tag nicht nur seinen Geburtstag feiern, sondern auch das Jubiläum seinen größten Coups: 41 Jahre Postraub. Am Morgen des 8. August 1963 überfällt er gemeinsam mit 15 Komplizen den Zug Glasgow-London. Die maskierten Männer bringen die Eisenbahn zum Halten, indem sie kurz vor einer Brücke einfach das grüne Durchfahrlicht durch ein rotes ersetzen. Sie schlagen den Lokführer mit einer Schaufel nieder und kuppeln die letzten zehn Waggons ab. Dann fahren sie mit dem vorderen Zugteil davon, ohne dass die Passagiere hinten etwas bemerken. Insgesamt erbeutet die Bande 2,6 Millionen Pfund - damals etwa 28 Millionen Mark.
Das Glück scheint perfekt
Doch schon bald nach der Tat werden die Männer geschnappt und zu dreißig Jahren Haft verurteilt. Solange will Ronnie Biggs allerdings nicht bleiben. Der gelernte Zimmermann seilt sich kurzerhand mit einer Strickleiter an der Gefängnismauer ab und flieht. Eine Jagd rund um den Globus beginnt. Der Millionendieb setzt sich zunächst nach Frankreich ab - die Sheriffs sind ihm immer dicht auf den Fersen. In Paris unterzieht er sich einer Gesichtsoperation, bevor er weiterreist nach Australien. Dort gründet er eine Familie und lebt einige Jahre unbehelligt. Als 1969 einige Mitglieder der Räuberbande, die ebenfalls auf der Flucht waren, geschnappt werden, sieht der damals 40-Jährige plötzlich seinen eigenen Steckbrief im Fernsehen. Erneut muss er fliehen und reist über Panama nach Rio de Janeiro.
Dort verliebt er sich in die Brasilianerin Raimunda Rothen. Das Glück scheint perfekt - dann wird er festgenommen. Kommissar Jack Slipper, der Biggs schon um die halbe Welt gejagt hat, glaubt sich am Ziel: "Jetzt geht's heim, Ronnie." Doch am Ende ist der Polizist der Verlierer. Der Verbrecher darf nach brasilianischem Recht nicht ausgeliefert werden, weil seine 19-jährige Freundin von ihm schwanger ist. Da freut sich der Vater, und Jack Slipper fliegt alleine nach Hause. Als Rentner kommt er Jahre später noch einmal wieder, um mit Ronnie einen Schnaps zu trinken - "auf die alten Zeiten." Von der Beute aus dem Postraub ist da schon längst nichts mehr übrig. Um Geld zu verdienen, gibt Ronnie Biggs im Radio Tipps, wie Touristen sich vor Dieben schützen können. Außerdem macht er Werbung für Sicherheitsschlösser und posiert vor Schaulustigen mit einem Papagei auf der Schulter.
Im Alter von 71 Jahren ist der Verbrecher-Star so arm, dass sich eine gute ärztliche Versorgung in Brasilien nicht mehr leisten kann. Schwer krank entschließt er sich, nach London zurückzukehren. Seinen Flug sponsort die Boulevardzeitung Sun, die Ankunft wird live im Fernsehen übertragen.
In England gilt Ronnie Biggs als mutiger Taugenichts, für manche ist er sogar ein Held. Als er britischen Boden betritt, wird er dennoch sofort verhaftet - von mehr als 60 Polizisten. Seither sitzt er im Gefängnis. Als er Anfang diesen Jahres seinen vierten Schlaganfall erleidet, verlegen ihn die Behörden kurzzeitig in ein Krankenhaus. Zum Entsetzen vieler muss er dort Handschellen tragen und wird mit einer 1,80 Meter langen Eisenkette ans Bett gefesselt.
Freiheit für den kranken Mann
Sein Sohn Michael Biggs macht sich seit Jahren dafür stark, dass der greise Posträuber entlassen wird. 160 Webseiten gibt es allein in englischer Sprache, die die Freilassung des alten Mannes fordern. Die Hamburger Band Rauschangriff bringt zu seinem Geburtstag eine eigene Platte raus mit dem Titel: "Free Ronnie Biggs". Auch die Toten Hosen sorgten sich auf ihrer Homepage um die Gesundheit des Ausnahme-Briten. Schließlich haben sie, genau wie die Punkrockband Sex Pistols, gemeinsam mit Räuber Ronnie schon ein Platte aufgenommen. Man darf also gespannt sein auf weitere Ständchen, die der legendäre Biggs zu seinem Geburtstag bekommen wird.
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Eine filmreife Flucht // Am 8. August 1963 erbeuteten Ronnie Biggs und seine Komplizen bei einem Postraub umgerechnet 28 Millionen Mark.
Auf der Flucht vor Scotland Yard reist der Räuber um die halbe Welt.
Nach Auftritten mit verschiedenen Bands wird Ronnie Biggs zum Punkrock-Star. Er schreibt zudem zwei Bücher und veröffentlicht sie in den USA.
Die Posträuber-Story kennen viele aus der Verfilmung "Die Gentlemen bitten zur Kasse" mit Horst Tappert.
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Foto: Kess klaut und lebt es sich leichter: Ronnie Biggs im Jahr 1994, als er noch flüchtig war.
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Foto: Bei dem Postraub im Jahr 1963 erbeuten Biggs und seine Komplizen 2,6 Millionen Pfund - damals 28 Millionen Mark.