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Dokumente der Zauberei

Nur Brecht fehlt: Die Akademie zeigt Entwürfe des Brecht-Bühnenbildners Teo Otto

Detlef Friedrich

Seine Bühnenbilder sind wie aus Blech und Drähten geschmiedet, wie geformt aus altem Papier und faulem Holz, nichts gäbe es, was nicht irgendwie zu gebrauchen, zu verzaubern wäre", schrieb Friedrich Dürrenmatt über die Arbeiten des Bühnenbildners Teo Otto. Auch Max Frisch, der andere Schweizer der deutschsprachigen Nachkriegsdramatik, dessen Stücke in Zürich fast immer in Teo Ottos Bühnenbildern uraufgeführt wurden, nannte die Skizzen und Entwürfe "Zauberei". "Dokumente der Zauberei wählte die Akademie der Künste jetzt zum Titel der kleinen Werkschau Teo Ottos, die bis zum 15. August im Studiofoyer am Hanseatenweg zu sehen ist. Otto wäre in diesem Jahr hundert geworden.

"Zauberei" ist eine Untertreibung. Die Zauberkünste des Meisters hießen Talent, Mut, Fleiß, Arbeitswut, Stehvermögen im Amt, Tapferkeit vor Regiekönigsthronen. Dürrenmatt sah (im Vorwort zu Teo Ottos Buch "Meine Szene" von 1965), wo Ottos Weltgefühl herkam: "Und als ich einmal durchs Ruhrgebiet fuhr, kam ich mir vor wie in einem Bühnenbild von ihm."

Teo Otto, 1904 in Remscheid geboren und 1968 in Remscheid begraben, war das Proletarische, das Aufrührerische, das Pietistische so nahe wie das Schwärmerische der Else Lasker-Schüler aus der Nachbarstadt Wuppertal. Teo Otto wurde 1927 in Berlin Bühnenbildner an der Kroll-Oper, 1930 Chefbühnenbildner am Preußischen Staatstheater. Im Januar 1933 machte er am Schillertheater das Bühnenbild für den "Faust" (Regie G. Lindemann), im Februar emigrierte er nach Zürich und lehnte später Goebbels Ansinnen ab, an das Preußische Staatstheater als Chefbühnenbildner zurückzukehren. Gustaf Gründgens nahm das Angebot, Intendant dieses Hauses zu werden, an.

Otto blieb ein Linker. Während seiner Exilzeit am Zürcher Schauspielhaus - in den Jahren zwischen 1933 und 1945 das bedeutendste Theater deutscher Zunge - stattete er mehr als dreißig Inszenierungen pro Spielzeit aus. Premieren fanden anfangs wöchentlich, später alle vierzehn Tage statt. Für die Uraufführung der "Mutter Courage" von Brecht standen zwei Wochen Produktionszeit zur Verfügung. Teo Otto entwarf und malte die Bühnenbilder der Uraufführungen des "Guten Menschen von Sezuan", des "Puntila", des "Galilei" von Brecht. Der "Courage"-Wagen, den Therese Giehse 1941 bei der Urauffrühung der "Mutter Courage" (Regie Leopold Lindtberg) in Zürich und später 1949 Helene Weigel in Berlin und 1965 Lotte Lenja in Recklinghausen zogen, machte ihn weltberühmt. Brecht war sein prägender Partner. Brecht spielt in dieser Ausstellung so gut wie keine Rolle.

Schwerpunkte sind die Arbeiten zu "Faust I" und "Faust II", Inszenierungen von Leopold Lindtberg für die Salzburger Festspiele 1961 und 1963. Otto brachte den Faust fünfzehnmal auf die Bühne. Sein Hamburger "Faust" 1957/58 mit Gustaf Gründgens ist der berühmteste. Skizzen und Figurinen zu "Juarez und Maximillian" (Salzburg, 1958), "Der Richter von Zalamea" (Wien, 1962) "Macbeth" (Wien und Salzburg, 1964) "Lulu" (Frankfurt, 1969) sind zu sehen. 800 Ausstattungen sind nachweisbar. Das sind, rechnet man die vierzig Arbeitsjahre, zwanzig Bühnenbilder lebenslang jedes Jahr. So produktiv ist heute niemand am Theater.

Die Akademie der Künste baut seit 1999 ein Teo-Otto-Archiv auf, das auf der Sammlung fußt, die Ottos letzte Frau ihr vor fünf Jahren übergab. Gusti Wolf sammelte die Zeichnungen und Entwürfe seit 1960. Gusti Wolf ist eine muntere dreiundneunzigjährige Burgschauspielerin, die Otto 1946 in Wien kennenlernte. Als sie kürzlich in Berlin war, erinnerte sie sich gern an ihre "schönen Berliner Jahre" vor 1945, wo sie an der Volksbühne spielte. Das Berlin von heute sei auch wieder schön, sagte sie.

Die Akademie der Künste, die ja das Brecht-Archiv im Hause hat, hätte die Teo-Otto-Ausstellung leicht wenigstens mit Hinweisen auf seine Brecht-Inszenierungen ergänzen können. Otto war 1949 dem Wunsch Brechts, fest an das Berliner Ensemble zu kommen, nicht gefolgt. Zusammen mit dem Regisseur Harry Buckwitz setzte er in den fünfziger Jahren in Frankfurt am Main, als es im Westen noch Mut brauchte, Brecht zu inszenieren, "Mutter Courage", "Kreidekreis", "Schweyk" und "Sezuan" durch. 1965, als im Westen die "Brecht-Hausse", die Verklassikerung Brechts, begann, bemerkte Otto ironisch, der Autor erleide nun "das Schicksal seiner ,Johanna der Schlachthöfe'", das "grandiose Ärgernis wird degradiert zum Bijou". Rüdes Geschäftstheater, entschärft, kulinarisch, zurechtgemacht. "Man hat seinen Zobel. Man fährt seinen Klassewagen, man hat seinen Picasso, man hat seinen Henry Moore, und man hat neuerdings seinen Bert Brecht."

Vom jungen Brecht schreibt Teo Otto: "Er sah aus wie ein gnadenloser Ideologe, und er war keiner. Eine Demonstration der Verfremdung. Dabei lächelten seine Augen listig und kritisch, und sein Gesicht drückte Melancholie aus. Wer gefährdet ist, ist zu allem fähig."

Vom späten Brecht schreibt er: "Es gab keine Aggression mehr. Es gab unendliche Einsichten. Was blieb, war der nicht mehr verwundbare, ungebundene Brecht." In einem Brief an Harry Buckwitz, den zur Eröffnung der Ausstellung der Schauspieler Horst Hiemer vorlas, spottete Otto, dass nach Brechts Tod sein Werk "der hohen Gesellschaftsschicht als ein sakraler Konsumartikel" gereicht werde, und zwar von seinen Freunden. Der "Galilei", den 1963 Giorgio Strehler in Mailand inszenierte, sei "marxistischer Gottesdienst".

Heiner Müller ist folgendermaßen mit Teo Otto verwickelt: Otto, der am Berliner Ensemble 1950 "Wassa Shelesnowa" ausgestattet hatte, sah, im Gegensatz zu Brecht, deutlich Parallelen zwischen Sozialismus und Nationalsozialismus, und entschied sich deshalb, "Zürich als Ausgangspunkt seiner Arbeit zu behalten". In dieser Zeit begann die SED die (auch gegen Brecht geführte) Kampagne "Gegen den Einfluß westlicher Dekadenz". Der Artikel in der Täglichen Rundschau, der unterstellte, in der zeitgenössischen Kunst der DDR würden die Figuren als "abscheuliche Ungeheuer" dargestellt, bezog sich ausdrücklich auf "das scheußliche Sammelwerk ,Nie wieder!' eines gewissen Teo Otto", zu dem Brecht das Vorwort geschrieben hatte. "Nie wieder" war ein gezeichnetes Anti-Kriegs-Tagebuch. Heiner Müller, damals 22, schrieb einen Leserbrief an die Tägliche Rundschau, worin er auseinandersetzte, warum die Arbeiten Teo Ottos nicht den Zielen des "sozialistischen Realismus entsprächen. Es fehle das "optimistische Hoffen".

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"Viele Stücke von Brecht sind im Endeffekt geniale Märchen oder fromme Legenden. Der letzte christliche Dichter, der um Gut und Böse kämpfte." Teo Otto

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Foto: Teo Otto (links), 1959, mit Bühnenbildstudenten. Die Ausstellung in der Akademie ist bis 15. August täglich von 11bis 20 Uhr geöffnet. Eintritt frei.