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Die Pelztasse war bloß der Anfang

Sie war mehr als die Muse der Surrealisten: Meret Oppenheim in der Berliner Galerie Schoen+Nalepa

Ingeborg Ruthe

Fällt irgendwo der Name Meret Oppenheim, sagt irgendwer, "ah' ja, die mit der Pelztasse!" Auf diese kuriose Skulptur - eine Tasse mit Löffel auf Untertasse, nahtlos mit einem Stück Gazellenfell bezogen - wird die Künstlerin festgelegt. Das pelzige Frühstück hat sie Mitte der dreißiger Jahre in Paris kreiert, der Legende nach durch eine Anregung Picassos und Dora Maars und damals noch ganz im Banne der Surrealisten. Diesen Dunstkreis darf sie auch in der derzeitigen Ausstellung des Museum of Modern Art in der Neuen Nationalgalerie Berlin nicht verlassen. Die Pelztasse, etwas abseits gelagert in einer Vitrine und korrespondierend mit einer kleinen Skulptur Giacomettis, dient sozusagen als Beiwerk des surrealistischen Ausstellungsteils. MoMA-Direktor Alfred Barr hatte die Pelztasse einst bei einem Parisbesuch Ende der Dreißiger spontan angekauft, auch sein Beweggrund ist überliefert: "Nach Dalís weichen Uhren macht diese Pelztasse die bizarrste Unwahrscheinlichkeit auf konkrete Weise real".

Der Pausensnack

Mehr ist von Meret Oppenheim (1913-1985) beim MoMA-Gastspiel in ihrer Geburtsstadt Berlin nicht zu sehen, auch die Sammlung der Neuen Nationalgalerie oder das Kupferstichkabinett haben kein Oppenheim-Werk in ihrem Besitz, und so ist auch nicht zu erfahren, dass sie zur Moderne weit mehr beisteuerte, als nur diesen weltberühmten Pausensnack der surrealistischen Ära. Den engen Blickwinkel weitet nun eine große Ausstellung der Berliner Galerie Schoen+Nalepa, zumeist mit Werken aus der Sammlung des Hamburger Galeristen und Meret-Oppenheim-Sammlers Thomas Levy.

Versammelt sind Arbeiten aus allen Phasen und Genres, von der Malerei, Collage, Zeichnung, über die Skulptur bis zu Installation, Schmuck und Konfektionsdesign. Bei diesem Arrangement entsteht Nähe zu einer der ungewöhnlichsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Das verstärken ihre zwischen die Werke gehängten Porträtfotos, aufgenommen etwa von Man Ray und Bildnisse von der alternden Oppenheim mit kurzrasiertem grauem Haar und dekorativer Kriegsbemalung. Im Kunstbetrieb allerdings blieb die Tochter eines jüdischen Berliner Arztes, die in Basel und Paris studierte und bis zum Lebensende in der Schweiz lebte, eher eine Ausnahmeerscheinung, wohl gerade weil sie so spontan, so sprunghaft exzentrisch, so von Schaffenshöhen und -tiefen gepeinigt war und sich stilistisch nicht einordnen lassen wollte. Nachdem sie sich vom Surrealismus abgesetzt hatte, formulierte sie ihr Credo: "... die Einfälle bringen ihre Form mit sich, so wie Athene behelmt und bepanzert dem Haupt des Zeus entsprungen ist, kommen die Ideen mit ihrem Kleid".

Doch hat Meret Oppenheim sich nicht nur auf vielen Spuren weiterentwickelt, sondern sich witzig, mitunter auch aggressiv mit ihrem eigenen berühmten Schatten auseinander gesetzt. So machte sie ihren Oberkörper und Schädel (mit gewaltigen Ohrringen) im Profil als groteske Röntgenaufnahme zum Anti-Porträt, formte sie Multiple, gebastelt aus kitschigen Schweizer Souvenirs als bissiges Zitat ihres Pelzfrühstücks. Immer wieder taucht Pelz als Arbeitsmaterial auf, offenbar ein erotischer Stoff, der Oppenheims Neigung zum Abstrusen und Skurrilen entgegenkam: Sie bezog Riemchen-Pumps mit Fell, um dann gruseligerweise vorn ausgeformte Zehen mit rot bemalten Nägeln hervorblitzen zu lassen.

Magie entfalten die oft zarten, immer rätselhaft-skurrilen Zeichnungen, in ihrer harten Sinnlichkeit denen der französischen Bildhauerin Louise Bourgeois verwandt. Seltsam schön die zarten und doch eindringlich aufs helle Papier gesetzten "Schlangengedichte", bei denen jedes neue Wort mit dem letzten Buchstaben des vorherigen beginnt, ein Spiel, das Meret Oppenheim erfand. Es sind diese immer wieder neuen, originellen Objekte, die zu den bekannten Arbeiten - Pelzobjekte wie das blaue Revuegirl-Höschen mit Pelzbesatz und rosigen Pobacken oder der Bierseidel mit Eichhörnchenschwanz - Oppenheims selbstironisches Naturell offenbaren.

Porträt einer Schnecke

Da wären Schmuck, kühne schürzenartig auf Schneiderpuppen drapierte Kleider aus Kunstrasen mit Blume, aus Leder und Pappe, dekoriert mit Tellerchen und goldenem Besteck, so miniatürlich wie im Märchen von Schneewittchen und den sieben Zwergen. Dazu kommen minimalistisch gezeichnete Entwürfe auf Papier und daneben schreiend komische Kopfbedeckungen. Einen körperbetonenden braunen Rippenpullover, gestrickt im Kriegsjahr 1942, hat Oppenheim plastische Brüste aufgenäht, Anfang der Neunziger kopierte der Pariser Modemacher Jean-Paul Gaultier das Modell mit großem Erfolg.

Worauf der Blick auch fällt, in allem ist ein Miteinander oder ein lebhaftes Gegeneinander von Kultur, Alltag und Natur versteckt, jene Welten, die Meret Oppenheim zeitlebens poetisch, ironisch und sarkastisch verschwistert hat, in Tischen mit Vogelkrallen, in einem bronzenen "Ohr von Giacometti", in kleinen Holzskulpturen, die als Entwürfe für Parfümflakons dienten. Ob mit Fingerknochen dekorierte Handschuhe oder einem Halsband aus Knöchelchen, ob mit Haferflocken besprenkelten Margueriten oder dem aus einer einzigen Spirallinie gezeichneten Porträt einer Schnecke - immer weht einen eine seltsame Geschichte an aus den Tiefen einer Fantasie, die sich nicht zensieren ließ. Wenn es stimmt, dass der Dadaismus aus dem Lachen und der Surrealismus aus dem Fieber gekommen sind, dann säße Meret Oppenheim mit ihrem Konzept von der Kunst als Spiel zwischen beiden Extremen. Dieser Platz dürfte ihr zugesagt haben, auch wenn sie da manchmal unglücklich war.

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Die Sprunghafte // Meret Oppenheim, geboren 1913 in Berlin, gestorben 1985 in Basel, gehörte um 1930 zur Pariser Avantgarde, war befreundet mit André Breton, Giacometti, Max Ernst, Man Ray, Marcel Duchamp, Hans Arp. 1937 verließ sie diesen Kreis, ging zurück in die Schweiz und wandte sich auch der Aktionskunst zu.

Die Ausstellung "The first Lady of MoMA - Meret Oppenheim" beleuchtet durch Werke zumeist aus der Sammlung Levy das intensive, von Höhen und Tiefen gezeichnete Werk einer großen Künstlerin der Moderne: Galerie Schoen+Nalepa, Wallhöfe, Wallstr. 23/24, bis 28. 8., Di-Fr 14-19/Sa 12-16 Uhr, Tel: 2790 9615.

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Foto (2): Posthume Empfehlung Meret Oppenheims für diesen Sommer: "Schuh mit Pelz", dazu die Skizze, beides 1936.

M. O. mit (Mal) Tattoo, 1980, dekorativer Selbstversuch.