Die Musealisierung von Kunstgewerbe ist seit jeher heikel. Niemand will mehr die muffigen Saalfluchten des 19. Jahrhunderts mit ihren endlosen Vitrinen sehen. Auch die Methode, Möbel, Gobelins, Tafelgerät, Lüster, Kandelaber, Uhren, Vasen und alles andere bis hin zum edelsteinbesetzten Lorgnon in Stilräumen einzurichten, regt unsere modernen Augen kaum mehr an. Andererseits lassen Renaissanceschränke oder Tapisserien sich nicht wie in einer Bildergalerie nebeneinander aufreihen.
Die Einrichtung eines Kunstgewerbemuseums ist also eine enorme Herausforderung, zumal in Berlin, wo das Haus am Kulturforum mit seinen brutalistischen, in ihrer Offenheit kaum zu bespielenden Hallen alles tut, dem Besucher die Freude an eine der weltbesten Sammlungen ihrer Art zu rauben. Doch nun kann Angela Schönberger, die Direktorin des Kunstgewerbemuseums, im Schloss Köpenick zeigen, dass es auch für diese Sparte einen "Berliner Weg" gibt, der in mitreißender Weise ein historisches Gebäude, kunstgeschichtliche Zusammenhänge der Objekte und modernes Museumsdesign vereint.
Zu DDR-Zeiten war das Schloss Köpenick mit seinem Kunstgewerbe eines der populärsten Museen Ost-Berlins. Nach der Wiedervereinigung war klar, dass vieles von hier, etwa der ottonische Gisela-Schmuck, künftig besser im Kontext des Haupthauses am Tiergarten aufgehoben sein würde. Für die Dependance in dem frühbarocken Hohenzollernschloss fand noch Barbara Mundt, Schönbergers Vorgängerin, die Lösung, sich in einem Zeitfenster auf die "Raumkunst" von der Renaissance bis zum Rokoko zu beschränken. In den 21 Schauräumen sind nun alle Gattungen vertreten, die zu Interieurs des 16. bis späten 18. Jahrhunderts gehören. Selbstbewusst wuchert die Sammlung mit ihren Schätzen, Präsentiert wird durchweg allerhöchstes Niveau, und dies, ohne dass man im Haupthaus Lücken oder Qualitätseinbußen beklagen müsste. Viele der gezeigten Preziosen durften überhaupt seit dem Krieg erstmals das Depot verlassen, darunter eine komplette Vertäfelung von 1555 aus dem fränkischen Schloss Höllrich.
Im Nachbarsaal ist eine zeitgleiche Prunkstube aus dem schweizerischen Schloss Haldenstein eingebaut. Interessant der Vergleich der beiden Getäfel: Höllrich ist mit der additiven Komposition der antikischen Architekturelemente ein charakteristisches Beispiel für die nordalpine Renaissance, während in Haldenstein in italienischer Manier tektonische Innenraumfassaden aus Holz entstanden. Zu solchen Blickwechseln lädt der Rundgang immer wieder ein. So kann man die deutsche mit der französischen Renaissance vergleichen, den niederländischen mit dem Danziger Barock oder das friderizianische Rokoko in Preußen mit dem mondänen Einrichtungsstil in Paris.
Angela Schönberger hat der Versuchung widerstanden, die Schlossräume mit ihren wunderbar restaurierten Stukkaturen und der großenteils wiedergewonnenen Farbigkeit des Klassizismus als pseudohistorische Ensembles einzurichten. Stattdessen ließ sie dem Haus von dem Austellungsgestalter und Bühnenbildner Hans Dieter Schaal eine unverkennbar zeitgenössische Schicht einfügen, welche die Kunstwerke von der Schlossarchitektur trennt, sie auratisiert und in ihrem ästhetischen Rang zum Strahlen bringt. So entstand kein Museumsschloss, sondern ein Museum in einem Schloss.
Durch alle Räume ziehen sich weiße, teils kantige, teils geschwungene Sockel, auf denen die Objekte wie auf einer Bühne zur Geltung kommen - für das europäische Rokoko eine ganze Landschaft aus weißen Elementen, die harmonisch mit dem Barocksaal kommuniziert und zugleich den Möbeln ein verspieltes Gehege bietet. Besonders raffiniert ist der rundum verspiegelte Raum für die Kabinettschränke aus fürstlichen Wunderkammern. Mit jedem Schritt sieht man sich, vielfach reflektiert, aus ständig wechselnder Perspektive, während die seltsamen Möbelstücke ihrerseits immer wieder neue Überraschungseffekte bieten.
Für den Wappensaal, der seit der Restaurierung in klassizistischem Orange leuchtet, hat Schaal zu den Mitteln der großen Oper gegriffen. Ein von innen erleuchteter Glaskasten imaginiert eine Tafel, auf der das KPM-Service Friedrichs des Großen für das Breslauer Schloss aufgedeckt ist. Rund um den gleißenden Block sorgt ein Spiegelband auf dem Boden für Effekte, die der Theatralik des 18. Jahrhundert entsprungen sein könnten. Nebenbei erfährt man auf wohldosierten, ebenfalls elegant designten Schriftstelen überall genau das, was man als Erstes wissen will.
Als Publikumserfolg wird dieses schöne und kluge Museum sicher das traurige Haupthaus bald um Längen hinter sich lassen. Doch will Angela Schönberger den neuen Inszenierungsstil auch dort bald durchsetzen. Ein Wettbewerb ist bereits ausgeschrieben, im Oktober tagt das Preisgericht.
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Das Museum im Schloss // Das Schloss Köpenick ist eine der am besten erhaltenen frühbarocken Anlagen der Region. Das 1677-90 von Rutger van Langerfelt und Johann Arnold Nehring erbaute Ensemble - über die Jahrhunderte als Jagdschloss, Witwensitz, Staatsgefängnis und Lehrerseminar genutzt - ist in den letzten zehn Jahren umfassend saniert worden; die Stiftung Preußischer Kulturbesitz investierte 54,6 Millionen Euro.
Das Kunstgewerbemuseum in Berlin wurde 1867 als erstes seiner Art in Deutschland begründet. Die durch den Zweiten Weltkrieg getrennte Sammlung wird weiterhin an zwei Orten gezeigt, am Kulturforum und - seit 1963 - im Schloss Köpenick. Nach der Neuordnung ist dort "Raumkunst aus Renaissance, Barock und Rokoko" zu sehen. Di-Fr 10-18 und Sa/So 11-18 Uhr geöffnet. Heute ist der Eintritt frei.
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Foto: Mit Theatralik erobert der Ausstellungsgestalter Hans Dieter Schaal den Wappensaal: ein Lichtblock als "Tafel" für ein KPM-Service Friedrichs des Großen.