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Familienfeier in Versen

Volker Braun wurde 65

Volker Müller

Am schönsten spielt er auf dem Friedhof, animiert der Dichter grinsend den Komponisten-Freund mit der Posaune. Es ist um Mitternacht vom sechsten auf den siebten Mai in der Kulturbrauerei, im neuen, weiß gekalkten Raum der Literaturwerkstatt. Friedrich Schenker schindet lustvoll sein Instrument - "zwischen Haydn und Jandl", wie einer der Gäste zu erkennen glaubt. Es frohlockt, grummelt und stuckert, es piepst aus abgezogenem Mundstück, pfeift und faucht durch die Röhren wie eine Lokomotive. Dann - Inszenierung oder Panne am Sekttresen?- mitten hinein in die Performance, knallt ein Korken, und Schenker reißt zur Antwort mit einem Flupp den Posaunenzug aus dem Blech. Beifall. Der Lyriker Volker Braun ist soeben 65 geworden.

Nein, es habe keine Dramaturgie gegeben, beteuerte der Werkstattchef Thomas Wohlfahrt, man lud einfach nur Freunde Brauns ein und ließ sich überraschen. Die vom Dichter durchlebte Büchnersche Hoffnung auf ein den Hütten, dem Volk gerechtes Gemeinwesen war auch fesselnder Leitfaden genug. Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkewicz würdigte den rebellischen Revolutionär, dessen "Projekt Sozialismus ein anderes war als das seines Staates", beschrieb seine "radikalen Absagen an Täuschungen und Selbsttäuschungen". Ein Lapsus in ihrer stolzen Referenz Suhrkampschen Erbes: die "Unvollendete Geschichte" war in der DDR nicht erst 1988, sondern schon 1976 in "Sinn und Form" erschienen.

Es gratulierten persiflierend Peter Gosse und Adel Karasholi mit Büchner-Kleist-Braun-Adaptionen. Augenzwinkernd überreichte Bert Papenfuß ein unvollendetes Anarcho-Pamphlet für oder gegen alle und jeden. Kathrin Schmidt bekannte sich zu einem "pubertären Gedicht" auf V. B. aus ihrer Jugend, "auch um die Gefahr, dass ich mich hier nackig mache". F. C. Delius, der einzige West-Poet in dieser Literaturgemeinde, erinnerte sich eines Lyrik-Podiums 1964 in Westberlin. Brauns damals vorgetragenes bannerwogendes Gedicht "Jugendobjekt" - "mag das noch jemand hören?" Braun: "Nein, ich nicht!" Und die Verse auf den unbequemen Paul Dessau? "Die schon eher!".

Von wegen keine Dramaturgie: Zum Abschluss die beiden Freunde aus leichten und schweren Tagen, Christa und Gerhard mit einem "Gespräch im Hause Wolf über den in Versen und Prosa sowohl als auch stückweise anwesenden Volker Braun". Ein prägnanter Streifzug durch des Autors "schmerzhafte Dialektik" von den frühen 60ern bis zu "Das Eigentum", dem meistzitierten deutschen Gedicht der letzten Jahre: "Was ich niemals besaß wird mir entrissen. /Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen. /Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle. /Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle. /Wann sag ich wieder mein und meine alle. " Wolfgang Thierse war da, zur Familienfeier als Nachbar vom Prenzlauer Berg. Nichts Offizielles. Kein Kultursenator. Keine Akademie. Keine Grußadresse. Hat auch keiner vermisst.