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Melancholie ohne Charisma

Herrschaft der Kabinettsperspektive: "Demokratie" im Renaissance-Theater

Harald Jähner

Zweieinhalb Stunden nur Männer! Das kann sich nur um ein Kloster, die FAZ-Redaktion oder große Politik handeln. Und tatsächlich: Wir befinden uns im Oktober 1969. Willy Brandt nimmt die Wahl zum Kanzler der Bundesrepublik an. Der große Atem der Geschichte weht über die Bühne des Renaissance-Theaters: "Zwölf Jahre Hitler. Vier Jahre Besatzungszeit. 20 Jahre Konservatismus und Kalter Krieg. Und auf einmal die Hoffnung auf Bewegung in Europa. Ein linker Bundeskanzler nach fast 40 Jahren!" Oder wie Willy Brandt es stolz formuliert: "Jetzt erst ist der Krieg wirklich verloren!"

Der britische Dramatiker Michael Frayn hat aus der Amtszeit Willy Brandts ein Theaterstück gemacht, in dem jeder Satz, nun ja, sitzt. Wie ein Anzug vom Herrenschneider. Das Format des Stücks passt insofern zu seinem durchweg Krawatten tragenden Personal, sieht man davon ab, dass die Sozis auf der Bühne zeittypisch von der Stange ausstaffiert sind. "Demokratie" ist penibel recherchiert, süffig durchironisiert und kurzweilig portioniert - perfekte Handarbeit nach bewährten Schnittmustern. Frayn ist ein Profi aus der angelsächsischen Bühnenkunst, die darauf angewiesen ist, dass jeder Sitzplatz verkauft wird. Langeweile darf da nicht aufkommen. Sein Stück ist von jener geistvoll sich ihrer Grenzen bewussten Machart, die man deutschen Dramatikern so gern zum Studium geben würde: Seht her, so schreibt man einen Dialog!

Und auch wieder nicht. Denn was kommt dabei heraus? Zehn Männer spielen Geschichte als reine Kabinetts- und Fraktionskabale, nach dem Muster, das schon Caesars Senatoren lieferten: Zwei Fiese sind immer dabei, die sich plötzlich fragen: Warum der? Warum nicht ich? Michael Frayn forciert die These, dass Brandts engste Weggefährten die Enttarnung Guillaumes als DDR-Spion zum Anlass nahmen, ihn zu stürzen. Hätten Wehner, Schmidt und andere nicht manipulativ nachgeholfen, Brandt wäre wohlmöglich zu halten gewesen.

Ein raffiniert einfaches Bühnenbild stellt abwechselnd Sitzungssäle, Büros und Zugabteile durch bloßes Verrücken von Stühlen und Tischen dar. Der Rest wird gestisch skizziert; ein Blick, als schaute Brandt einem Menschen wie aus dem fahrenden Zug nach, macht schon das ganze Abteil. Wehner tritt an die Seite: Hose-Aufknöpfen, der leere Blick auf die Wand und das abschließend angedeute Geschüttel reichen aus, um auf der leeren Bühne im Geiste ein Klo herzustellen. Michael Hanemann spielt seinen Wehner dem Original noch am nächsten. Das ist, da das Kostüm (Gerhard Gollnhofer) mittels verzwergtem Schlips, Aktentasche und der stinkenden Pfeife kräftig mithilft, auch nicht allzu schwer. ("Wenn Wehners Gesicht im Fernsehen auftaucht, schmeißen sich alle Katzen Deutschlands unters Sofa" - einer von Brandts überliefertenWitzen, die das Stück beleben.) Ansonsten vermeidet das Ensemble den Fehler, Eigenarten und Ticks zu imitieren, etwa die charakteristische Stimme Brands. Peter Striebecks Willy leidet aber unter der Intimität der durchgängigen Hinterzimmerdramaturgie. Er muss ohne das Charisma auskommen, das Brandt vor Zuhörermassen aufbaute und sich auf die Melancholie beschränken, die ihn unter den Seinen in der Partei befiel. Das bringt die Figur in eine anrührende, aber wenig überzeugende Schieflage.

Den unterhaltsamsten, zugleich aber fragwürdigsten Part muss Tilo Nest als Guillaume erfüllen: Er spielt ihn als unterwürfigen Monster-Ossi, so servil und autoritätsgeil, dass ihm Mischa Wolf als Dienstherr nicht ausreicht. Dieser Guillaume, gewöhnlich eher als schizoide Doppelexistenz dargestellt, ist hier ein Psychopath der Pflichterfüllung, der das Kunststück fertig bringen will, Brandt und Wolf gleichzeitig glücklich zu machen. Mehr will er nicht vom Leben, mehr nicht! Guillaumes Führungsoffizier dagegen stellt die andere Seite der Medaille dar, die man sich in dieser Inszenierung als DDR-Mentalität vorstellt: Mit Karussellbremserfrisur, beigem Anzug und Heiratschwindlerkrawatte trollt sich Boris Aljinovic als Stasi-Chamäleon durch die Zuschauerränge und parliert von hier aus mit seinem Lieblingsspitzel auf der Bühne, sozusagen aus dem Off der Geschichte.

Dieses Stück ist von allen ästhetischen Debatten der letzten 80 Jahre unberührt. Da die Masse hier ebensowenig eine ästhetische Darstellung findet wie die in Brandts Amtszeit sich austobende Kulturrevolution samt erster Terrorwelle, stellt sich hier Politik kaum anders dar, als in den Kabinettstrukturen des Feudalismus. Es muss sich um einen typisch britischen Witz handeln, dass das Stück Demokratie heißt, denkbar nur in einem Land, das seit Jahrhunderten Demokratie als Herrschaftsform verinnerlicht hat.

Die Kunst besteht im Weglassen, sagt man. Was man aber nie weglassen darf, sind Frauen. Erst recht bei Willy Brandt. Sie gehörten zu ihm wie die Melancholie. In diesem Stück tauchen sie nur in Listen auf, als mögliche Erpressungstatbestände. Das Weglassen der Frauen betont jedoch die Künstlichkeit der Kabinettsphäre. Die zahlreich anwesende Politikprominenz spendete teilweise betroffenen Beifall. Genügend Publikum, das sich erkannt fühlt, ist diesem Stück in Berlin sicher.

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Demokratie // Ein Stück von Michael Frayn, aus dem Englischen von Michael Raab

Regie Felix Prader

Bühnenbild Werner Hutterli Kostüme Gerhard Gollnhofer

Mit Peter Striebeck, Tilo Nest, Boris Aljinovic, Laszló I. Kish, Thomas Hodina, Günter Barton, Michael Hanemann, Ulrich Kuhlmann, Matthias Günther u.a.

Vorstellungen bis 23. Juni im Renaissance-Theater, T.: 312 42 02

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Foto: Peter Striebeck als Willy Brandt und damit sehr oft neben sich: "Ich, wer immer das ist."