Kulturpessimisten orakeln, wir würden uns heutzutage mit dem Fernsehen und der Videoflut zu Tode amüsieren. Die Mattscheibe, auf der wir die vermeintlich reale Welt zu sehen und zu erleben glauben, wird in diesen Jeremiaden gleichsam zur Lebensgefahr. Und so mancher Zeitgenosse fühlt sich ja auch tatsächlich beim Fernsehen und Videogucken vom richtigen Leben ganz schön gestört, nach dem Motto: Glotzen könnte so schön sein, wenn nur der Alltag nicht wär.
Es sieht ganz danach aus, als hätte Nam June Paik aus Seoul, einst zusammen mit Beuys, Vostell und John Cage Fluxus-Aktionist der Sechziger, über Jahre Lehrer an der Kunstakademie Düsseldorf und heute in New York zu Hause, dieses Paradoxon bei Zeiten erfasst. Immerhin hat er es lustvoll ironisch zu seinem Kunst-Motiv gemacht, indem er fröhlich erklärte, das Fernsehen habe die moderne Gesellschaft genug terrorisiert: "Jetzt schlagen wir zurück!" Das war eine Kampfansage mit den Waffen der Videotechnik. Und Paiks imposante Großraum-Monitor-Installation "Global Groove" von 1973, die seit heute in der Deutschen Guggenheim zu sehen ist, stellt sozusagen ein siegreiches Gründungsdokument des neuen Mediums dar. Es ist auch das Credo des Altmeisters der Videokunst. Denn während Paiks unzählige Nachfolger, Schüler, Epigonen sich zu Recht den Vorwurf gefallen lassen müssen, ihre Massenware sei mittlerweile beliebig, angepasst, langweilig, geschichtenarm und in aller Selbstbezüglichkeit obendrein auch noch unerträglich pathetisch geworden - die Kunst des Stammvaters wirkt jung, lapidar, intensiv, geschichtenreich und erfrischend ironisch. Gerade in "Global Groove" manifestiert sich Paiks vermessener Traum von einem weltweit ausgestrahlten Künstler-TV. Ein kühnes Projekt, das mit dem Fernsehen und für das Fernsehen zugleich das Fernsehen kritisiert. Es fand sich 1974 tatsächlich ein Sender: WNET/Thirteen New York strahlte Paiks "Global Groove" aus. Auch an dieses Ereignis erinnert die Schau. Die elektronische Collage aus drei im abgedunkelten Guggenheim-Saal als Paik-typische "Video Walls" montierten Monitorblöcken mit vorn 4, in der Mitte 12 und hinten 48 Bildschirmen wird hier kenntlich als Markstein der Videokunst.
Effektvoll führen die Assistenten des seit einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselten Künstlers die frappierenden Möglichkeiten des von Paik vor Jahren entwickelten Videosynthesizers vor. Mit dessen Hilfe verfremdet Paik seither Bilder und Farben, Töne und Klänge und verbindet sie zu fulminanten Collagen. Im abgedunkelten Ausstellungssaal der Berliner Guggenheim-Dependance erlebt man das TV-Studio als Kunstlabor: Tänzer, etwa der große Merce Cunningham, tanzen, Musiker spielen Pop, Jazz, Klassik, Performer gestikulieren und posieren. Dazwischen sprechen Nachrichtenansager, laufen Bilder von Demonstrationen in Seoul und Washington, hetzen sich Reportagesplitter aus dem Vietnamkrieg mit Reklamespots, jagen sich Wolkenbilder mit Szenen von Autostaus. Film und Video, Musik- und Gesprächsfetzen, Straßenlärm und Meeresrauschen, Laute aus dem Dschungel und aus einer Sexszene verschmelzen zu einer hektisch flimmernden, exzessiv rauschenden Raum-Installation - Leben pur, zerschnitten in Puzzleteile, gesendet als Endlosschleife.
Man wähnt sich - angegriffen, bombardiert, verfolgt, umworben, umschmeichelt und wieder geschockt - von diesen im rasenden Takt aufeinanderfolgenden Bild-Ton-Sequenzen wie in einer rasanten Varieté-Show, wo eine Nummer die andere jagt. Nam June Paik wertete schon Anfang der Siebziger den Fernsehcode einfach um; er bringt für dieses hektische Spiel von Bild und Sprache sogar sein eigenes Konterfei auf den Schirm, befiehlt dem Publikum, die Augen zu schließen und gleich darauf wieder zu öffnen. Wir tun es, und es breitet sich vor uns ein elektronischer Teppich aus. Eine erotische Tänzerin taucht aus einem Meer flackernder Farbe auf und etwas später, nach einer Bildstörung mit ihren abstrakt zerlaufenden Konturen und Farbreflexen, eine Cellospielerin, deren Abbild sich auf dem Instrument dreimal in giftigem Grün reflektiert. Diese filmischen Versatzstücke werden von auf-und abschwellenden Tönen harmonischer, disharmonischer Musik begleitet.
Es ist Paiks seltsamer Lebens-Beat, mit dem er seine Bilderjagd aus Alltag und Technik solange übergießt, bis auch der Bornierteste begreift, dass all diese Mattscheiben-Action eben doch nicht das echte Leben ist.
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Global Groove // Die Deutsche Guggenheim (Unter den Linden 13-15, Tel. 202 09 30) widmet dem 71-jährigen Nam June Paik, einem Pionier der Videokunst, ab Sonnabend die Schau "Global Groove 2004". Sie ist täglich von 11-20, Do bis 22 Uhr geöffnet.
Der zweiteilige Katalog mit Fotos und Essays kostet 26 Euro. Podiums-gespräch am 23. April, 19 Uhr.
Das Kino Arsenal am Potsdamer Platz (Tel. 26 95 51 00) zeigt dazu bis 8. Mai "Nam June Paik and the Worlds of Film and Video, 1965- 1974", darunter Gemeinschafts- produktionen mit Jud Yalkut, David Atwood, Charlotte Moorman.
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Foto: Nam June Paik am Freitag vor seiner Video-Installation in der Berliner Guggenheim-Filiale