Textarchiv

Er tanzt allein

Der Mann, der Donna Summer war: Jason Forrests posthistorische Laptopmasturbationen

Jens Balzer

Zu den weitverbreiteten Meinungen über das Masturbieren zählt die Annahme, es handle sich hierbei bloß um einen Ersatz für richtigen Sex. Wer masturbiere, so die landläufige Ansicht, tue dies notwendig aus einer Notlage heraus: weil er zu jung, zu alt oder zu hässlich ist, um einen Sexualpartner zu finden; oder weil er in einem Gefängnis oder einem Kloster einsitzt. Dabei kann die Masturbation gegenüber anderen Arten des Sexes durchaus Vorzüge aufweisen. Zeitpunkt und Ort, Dauer und Häufigkeit der Wiederholungen des angestrebten Orgasmus sind frei variierbar. Lichtverhältnisse und Luftfeuchtigkeit lassen sich einfacher auf die individuellen Erregungsbedürfnisse abstimmen als wenn zwei oder noch mehr Personen an dem Ereignis partizipieren. Auch der leicht lästig werdende Druck zum postkoitalen Plaudern entfällt.

Dennoch besitzt die Masturbation einen üblen Leumund; sie teilt ihn mit dem Gitarrensolo. Das Solieren auf einer Gitarre gilt gemeinhin nicht nur als Ersatz für richtige Musik, sondern auch als Ersatz für richtigen Sex. Das autistische Abirren der Rockgitarristen ins Solo entspringe, so die landläufige Ansicht, nicht nur aus der Unfähigkeit, ein musikalisches Arrangement verzögerungsfrei abzurunden; es diene auch wesentlich dem Vergessen sexuellen Elends: der Flucht in eine Welt, in der jene Frauen gar nicht erst vorkommen, die von rockmusikhörenden Männern sowieso nichts wissen wollen. Tatsächlich sind Rockerdiskotheken nach dem Vorbild traditioneller tanzmusikbietendener Lokalitäten designt, doch da man zu der Musik, die hier aufgelegt wird, nicht tanzen kann und sich zumeist auch nur einsame heterosexuelle Männer an diesen Orten befinden, bleibt als Bewegungsmöglichkeit bloß der einsame Paartanzersatz des Luftgitarrespielens: das pantomimische Befingern eines abwesenden Instruments, das seinerseits nur einen abwesenden Penis symbolisiert. Ziemlich trauriger Anblick, zumeist.

Um so erstaunlicher, wagemutiger und dialektischer wirkt daher das musiksystematische Projekt, an dem der amerikanische Radio-DJ und Laptopelektroniker Jason Forrest seit einigen Jahren arbeitet: Um nichts weniger geht es ihm als um die Neubewertung und sexuelle Wiedererweckung des Gitarrensolierens und Luftgitarrierens, um die rettende Kritik der Rock'n'Roll-Onanie im Zeitalter von Techno und Aids. Forrest, der bis vor kurzem unter dem Pseudonym Donna Summer firmierte (so lange, bis jene Donna Summer, die zuerst da war, sich darüber beschwerte), sampelt und mixt die mitreißendsten, schnellsten, strukturell kompliziertesten und doch umstandslosest unmittelbarst in die Beine gehenden Disco-Kracher, die man sich vorstellen kann. Aber das Material, aus denen er diese Disco-Kracher mixt, sind keine discotypischen Bläserfanfaren und Streichersätze, keine Bieps und Bleeps, keine stöhnenden oder hechelnden oder huhu-singenden Frauenchöre - sondern die schönsten Gitarrensoli des "progressiven" Rock'n'Roll aus den Siebzigerjahren, von Led Zeppelin und Jefferson Airplane, von Jeff Lynne und dem Electric Light Orchestra und insbesondere immer wieder von Rick Wakeman und Yes.

Durch Schnipseln und Schneiden, Loopen und Pitchen zwingt Forrest seinem selbstgenügsamen, manchmal autistischen Material eine Dialogstruktur auf und - wichtiger noch - einen Groove: Aus dem mal geraden, mal wirren, aber in der freien Natur niemals konvulsivischen Sounds an sich selbst herumspielender einsamer Männer schlägt er die zum herrlichsten Paartanz einladenden Hüftenzuck- und Beckenschwing-Rhythmen.

Das erinnert natürlich an den in den letzten Jahren er- und inzwischen auch schon wieder verblühten Bastardpop; hier wurden ästhetisch und historisch möglichst weit auseinander liegende Musikstücke derart miteinander vermixt, dass sie plötzlich wie bei der Geburt voneinander getrennte Zwilinge erschienen. Wie dort, rührt auch die Hitze der Forrest'schen Musik nicht zuletzt aus leistungssportlichem Fieber; ihr Bemühen, das Unmögliche möglich zu machen, ist dem Hörer durchweg überdeutlich.

Anders als im Bastardpop, werden hier jedoch nicht nur besondere historische und stilistische Differenzen versöhnt, sondern grundsätzlich die beiden libidinös widerstreitenden Pole der musikalischen Zeit: die Linearität und die Wiederholung; die rocksongtypisch reibungslose Dynamik der Eskalation - Hauptsache, man ist schnell beim Orgasmus - und die von der elektronischen Musik bekannte Indifferenz der Wiederholung: das Vorspiel, das niemals endet.Aber während die elektronische Musik hieran das "niemals endet" betont, bringt Forrest das Vorspiel wieder als Vorspiel zu Gehör: Seine klickenden und klackernden Repetitionen, seine wie in einem defekten CD-Spieler auf der Stelle verhakten Samples verlieren sich niemals im Zustand einer gleichmütigen Ruhe, sondern steuern den Hörer stets auf eine Befriedigung hin - auf ein Gitarrensolo, das sich schließlich aus den zuckenden Sounds emporschlängelt wie eine schöne Blume aus schlammigem Grund; intensiviert noch durch einen Klangfilter, der sich dem Hörer entgegenwölbt wie eine Knospe.

Das ist ungeheuer clever ertüftelt, man stutzt und staunt bei jedem einzelnen Takt wieder darüber, dass es überhaupt funktioniert. So erregend und lustig wie diese Musik ist, ist sie aber nicht zuletzt deswegen, weil Forrest seine Ideen - wie im Februar im Club Transmediale oder am vergangenen Karfreitag im Bastard - in wunderbaren Laptop-Solokonzerten unter die Leute bringt. Zum rasenden Krach aus seinen Geräten springt er hier wie ein Derwisch in der Gegend herum, zittert und zuckt, beschimpft seine Kundschaft, spielt die Luftgitarre und benimmt sich auch ansonsten nach Strich und Faden wie ein Depp.

Fast noch interessanter als seine Performance ist dabei stets das Erstaunen des Publikums darüber, der Wechsel zwischen anfänglichem Befremden und haltloser Begeisterung am Ende. Im asexuellen Milieu der Laptopelektroniker und -frickler wirkt noch die schäbigste Rockermasturbation wie die Rückeroberung des Sexes an sich - das ist die historisch-dialektische Pointe dieser Musik: In der erotisierenden Mimikry ans scheinbar Entsexte und Überholte zeigt Jason Forrest, was uns in der Zeit nach dem Rock'n'Roll in Wahrheit verloren gegangen ist.

Jason Forrest/Donna Summer: The Unrelenting Songs Of The 1979 Post Disco Crash (Sonig/Rough Trade)

------------------------------

Diese Musik läutet dem Laptopgefrickel das Sterbeglöckchen.

------------------------------

Foto: Jason Forrest auf der Bühne