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Noch ein MoMA

Auch Brasilien schickt seine Moderne nach Berlin: 50 Werke aus dem Museu de Arte Brasileira in Sao Paulo

Sebastian Preuss

Berlin ist im MoMA-Rausch, und wer kann, versucht, am Erfolg dieses Gastspiels teilzuhaben. So auch die brasilianische Botschaft, die 50 Werke zeigt, die dem Land mindestens ebenso wichtig sind wie Amerika die Picassos und Warhols in New York. Allerdings ist das Museu de Arte Brasileira (MAB) in Sao Paulo nicht "Brasiliens MoMA"; das wusste auch der Botschafter, als er es mit einem Augenzwinkern solchermaßen ankündigte. Dieser Titel gebührt schon eher dem Museu de Arte Moderna (MAM), dessen Gründer Francisco Matarazzo Sobrinho sich 1948 ausdrücklich auf das New Yorker Vorbild berief und in Brasilien eine ähnlich prägende Stellung wie der erste MoMA-Direktor Alfred Barr in den USA einnahm.

Wenn nun die brasilianische Botschaft ihre Ausstellung mit dem MoMA-Auftritt vergleicht, dann gilt dieser Stolz in erster Linie einer modernen Nationalkunst, die in solcher Weise noch nie in Berlin zu sehen war. Es ist der "Modernismo", der sich während der Isolierung im Ersten Weltkrieg formierte und in der "Woche der Moderne", die Literaten, Musiker und bildende Künstler 1922 in Sao Paulo organisierten, ein lange nachwirkendes erstes Gemeinschaftserlebnis hatte. Einige Bilder, die damals im Opernhaus der Metropole ausgestellt wurden, sind nun in Berlin zu Gast. Es ist also keine Übertreibung, dass diese kleine, aber unbedingt sehenswerte Ausstellung einen faszinierenden Blick auf den Gründungsmythos der brasilianischen Moderne wirft.

Zu sehen ist eine Kunst, die dem europäischen Auge vertraut und fremd zugleich erscheint. Bezugspunkte sind die französischen und deutschen Avantgarden: Matisse und die Fauvisten, Picasso und der Kubismus, Expressionisten und Neue Sachlichkeit. Fast alle der brasilianischen Modernisten verbrachten mehrere Jahre in Europa; die Kunstschulen in Rio de Janeiro oder Sao Paulo boten ihnen nach der Jahrhundertwende nur einen versteinerten Staats-Klassizismus oder eine spätromantische Landschaftsmalerei. Begierig griffen die jungen Künstler die Pariser Farbexplosionen und Fragmentierungen des Körpers auf. Zugleich ging es der modernen Bewegung von Beginn an auch um die Suche nach einem nationalen Kunstidiom. Die Künstler verwarfen die rein europäisch geprägte Kultur der Oberschicht, stattdessen versuchten sie, der Gesellschaft aus Ureinwohnern, Europäern und ehemals afrikanischen Sklaven eine adäquate Bildsprache entgegen zu setzen.

Volkskunst und Volksfrömmigkeit, Szenen des archaischen Landlebens, Figuren mit negroiden Gesichtszügen, düstere Landschaften, aber auch sozialkritisches Pathos durchdringen sich mit den Bildmitteln der europäischen Farb- und Formzertrümmerer zu einem Stil, der so vielstimmig ist wie die Bevölkerung Brasiliens. Auf einen ästhetischen Nenner lässt sich der Modernismo kaum bringen. Das erkannten schon die Maler von 1922 und traten eine Polemik über den "kannibalistischen" Charakter der brasilianischen Kultur los, die sich ohne Rücksicht auf Niveau oder Herkunft alles aneigne, was sich in dem Riesenland trifft.

So treibt Antonio Gomide schwerblütige Landarbeiter mit primitiven Eselskarren über das Feld, daneben experimentiert Anita Malfatti mit einem exotischen Expressionismus oder großstädtisch-nervösen Porträtstudien. Mit Chagallscher Traumwandlerei malt Cícero Dias die dörflichen Alltagsmythen, während Emiliano di Cavalcanti noch in den sechziger Jahren der armen Mischlingsbevölkerung fauvistische Denkmäler schuf. Die meisten jüngeren Künstler verloren 1951das Interesse am Modernismo. Denn seit der Gründung der Biennale von Sao Paulo ist Brasilien auf der Landkarte des Kunstbetriebs fest beheimatet. Die internationalen Moden lösten das national gestimmte Kunsthybrid ab.

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Nationalkunst Brasiliens // Das Museu de Arte Brasileira (MAB) wurde 1961 von der Stiftung Armando Alvares Penteado (FAAP) zur Förderung der brasilianischen Kunst gegründet. Die Sammlung umfasst heute rund 2 800 Werke. Die Stiftung unterhält neben dem Museum ein Theater und sieben Universitäten.

Die Ausstellung ist bis zum 6. Mai in der Brasilianischen Botschaft, Wallstraße 52, zu sehen. Mo-Fr 9-13/14-17, Sa/So 10-17 Uhr. Der Katalog kostet fünf Euro. Führungen jeden Sa 16 Uhr, telefonische Anmeldung unter 31 31 500.

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Foto: Emiliano di Cavalcanti: Junge mit Hahn, 1963.