Russland ist bekanntlich das bibliophilste Land der Welt. Die Russen lieben ihre Dichter wie Amerika seine Sportler und Deutschland seine Autobahnen. "Die Sprache", sagt Viktor Jerofejew, "ist das einzige Argument für die Existenz Russlands." Schenkt man ihm Glauben, arbeitete sogar der KGB mit literarischer Verve. Anlässlich des Skandals um den Literatur-almanach Metropol habe man ihm 1979 den schillernden Decknamen "Voland" gegeben - nach dem Teufel in Bulgakows Klassiker "Der Meister und Margarita". Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein.
Voland und seine Satansbrüder überziehen das Moskau der dreißiger Jahre mit Chaos und treiben Politbüro und staatlichen Kulturbetrieb zur Weißglut. In seinem autobiografischen Roman "Der gute Stalin" erzählt uns Jerofejew, dass die reale Staatsmacht fchtete, den Herausgebern des Almanachs könne Ähnliches gelingen, aus Fiktion Wirklichkeit werden. Metropol, als dessen Erfinder Jerofejew sich eine Spur zu häufig und zu martialisch preist ("Im Dezember 1977, im Alter von dreißig Jahren, kam mir der wahnsinnige Gedanke, eine literarische Atombombe herzustellen."), bot eine Mischung aus liberalen Autoren und Dissidenten, anerkannten Schriftstellern und Debütanten.
Ihre Gemeinsamkeit bestand in der Gegnerschaft zum Sowjet-Regime, ohne dass die Texte jedoch explizit anti-sowjetisch waren. Das Prinzip war eine heterogene Zusammenstellung der literarischen Szene Moskaus, das Ziel eine Befreiung von ästhetischen Restriktionen: Metropol war ein kalkuliertes Event, um die strengen Zensurbestimmungen der Staatsmacht öffentlich zu konterkarieren. Dass die Aktion zu Publikationsverboten oder Verhaftungen führen könnte, war allen Beteiligten bewusst. Für Jerofejew aber war die Metropol-Affäre mehr. Sie war Sündenfall und Erlösung zugleich und bildet den Mittelpunkt seiner Lebensgeschichte, aus der nun ein beeindruckendes Vater-Sohn-Buch hervorgegangen ist. Nach den schwächeren, bisweilen enervierenden letzten Veröffentlichungen des Autors ist dies eine Überraschung.
Viktor Jerefojew, 1947 in Moskau geboren, ist der Sohn eines russischen Diplomaten. Vater Wladimir verkehrt im Kreml als Mitarbeiter Molotows und Dolmetscher Stalins, er arbeitet als Kulturreferent in Stockholm und Paris, wird Botschafter in Dakar und Wien. Als Kommunist glaubt er an die Weltrevolution und Stalin. Die Jerofejews führen ein privilegiertes Leben, ein Dolce Vita der russischen Nomenklatura mit sonnigen Datscha-Sommern. In Paris spricht man Wein und gutem Essen zu, spielt Tennis in Lacoste-Pullovern. Nebenbei versorgt der Vater die französischen Kommunisten mit Schwarzgeld und predigt den Klassenkampf.
Durch die Provokation des Metropol zerstört der Sohn die Karriere des Vaters, der Arbeit, Reputation und Freunde verliert. "Schließlich habe ich meinen Vater ermordet", lauten die Eingangszeilen des Buches. "Ich habe keinen physischen, sondern einen politischen Mord begangen - nach den Gesetzen meines Landes war das ein echter Tod." Jerofejew befindet sich in den siebziger Jahren in einer psychologischen Zwickmühle. Er liebt seinen Vater, einen äußerst sympathischen, charmanten und bescheidenen Mann, und er verachtet dessen politische Rolle in der Sowjetunion, gegen die er mehr und mehr aufzubegehren beginnt. Das westliche Ausland hatte ihn die Freiheit gelehrt.
Gleichzeitig kommt Viktor, der Literaturwissenschaftler, als Schriftsteller nicht recht voran. Die Invektiven gegen Dostojewski, Bunin, Nabokov und Gorki, sein Neid auf den legendären Namensvetter Wenedikt Jerofejew, die aufgeblähten Reflexionen über das eigene Schreiben künden von den - wohl nie ganz überwundenen - Minderwertigkeitsgefühlen des jungen Mannes als werdender Künstler. Mit dem Metropol-Skandal schlägt Jerofejew mehrere Fliegen mit einer Klappe: Er emanzipiert sich vom erfolgreichen Vater, antwortet dem Vorwurf, ein "Priviligiertensöhnchen" zu sein und findet als Schriftsteller erstmals Beachtung - wenn auch unter dem Verdikt, ästhetische Pornografie zu treiben. Das skandalös Obszöne und die Normverletzung werden sich zum prägenden Motiv seines Schreibens entwickeln.
Dem bekannten Jerofejew-Sound begegnen wir in "Der gute Stalin" allerdings nur noch selten. Zwischen den schön erzählten Vater-Geschichten und diplomatischen Indiskretionen, unter den literaturtheoretischen Abhandlungen zur gegenwärtigen russischen Gesellschaft wirken Provokationen wie "Schließlich wurde die Fotze zu meinem Haustier" nur mehr wie Fremdkörper. Für Irritationen sorgen die Erörterungen über Stalin "als Künstler, der seinen Weltentwurf in die Realität umgesetzt hat. Hinter Stalin steht ein großer Traum." Das erinnert an Boris Groys "Gesamtkunstwerk Stalin" oder gar an Stockhausens Auslassungen zum Elften September und möchte politisch unkorrekt sein.
Aufregend hingegen sind die Begegnungen mit Picasso an der Côte d Azur, mit Aragon in Paris, mit Yves Montand und Simone Signoret in Frankreich und Russland. In Afrika verliebt sich der Dichter Jewtuschenko in Viktors Mutter, der unter Chruschtschow in Ungnade gefallene Molotow hat einen komischen Auftritt als Datschennachbar Onkel Slawa. Diese unterhaltsamen Anekdoten machen das Buch zu einem Genuss, ohne den Terror des Sowjet-Regimes zu verharmlosen, von dem Jerofejew auch erzählt. Sie zeugen von der Widersprüchlichkeit der väterlichen Welt: "Ich weiß", frohlockt der kleine Viktor, "mein Papa ist der gute Stalin."
Zu einem Gewinn für den Leser werden die Einblicke in das Tagesgeschäft des Kreml. Vater Jerofejew hatte politischen Entscheidungen, persönlichen Eitelkeiten und privaten Vorlieben von Stalin, Molotow und Berija unmittelbar beigewohnt. Sein Sohn fiktionalisiert die väterlichen Erinnerungen nun gekonnt in kleinen, dramatisierten Szenen. In literarischer Hinsicht übrigens enttäuscht die russische Führungsschicht. Molotow, so schreibt Jerofejew, war das einzige Politbüromitglied, "das mit Sicherheit sagen konnte, dass Balzac niemals einen Roman mit dem Titel Madame Bovary geschrieben hatte."
Viktor Jerofejew: Der gute Stalin.
Aus dem Russischen von Beate Rausch. Berlin Verlag 2004. 363 S. , 19,90 Euro.
Foto: Russische Nomenklatura im sonnigen Datscha-Sommer