Textarchiv

"Wir stehen alle noch unter Schock"

ZIVILCOURAGE - Thomas P. starb, weil er einen Randalierer stoppen wollte. Er ist nicht der einzige, dem sein Mut zum Verhängnis wurde. Die Polizei erklärt in Kursen, wie man sich in solchen Situationen verhalten soll.

Lutz Schnedelbach

Kinder, Jugendliche und Eltern aus Marzahn trauern um Thomas P. Der 20-jährige gelernte Mechaniker war am Sonnabend morgen gegen ein Uhr von einem 24-jährigen Randalierer auf dem Parkplatz vor dem S-Bahnhof Marzahn erstochen worden, als er diesen stoppen wollte. Ein 32-jähriger Begleiter des Opfers erlitt mehrere Stiche in den Oberkörper und liegt schwer verletzt in einer Klinik.

Die Freunde wundern sich nun darüber, dass die Polizei nicht mit ihnen und der Mutter gesprochen hat. Von den Ermittlungen haben sie auch noch nichts erfahren. "Dass ihr Sohn tot ist, weiß sie nur von uns", sagte Mathias S. Die Mutter wurde von der Klinik informiert, hieß es hingegen aus dem Polizeipräsidium. Das sei in solchen Fällen üblich.

"Wir sammeln jetzt Geld für die Beerdigung", sagte Mathias S., der beste Freund von Thomas P. am Montag der Berliner Zeitung. Allein könne die Mutter von Thomas die Kosten nicht aufbringen. Fast 600 Euro haben die Jungs bislang gesammelt. Das reiche aber noch nicht. Vom Sozialamt hat Mutter Angelika P. noch nichts gehört. Man werde sich kümmern, teilte die Behörde am Montag auf Anfrage mit. Ihr stehe Hilfe zu, hieß es.

Senatssprecher Michael Donnermeyer sagte, dass der Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), der Familie kondolieren werde, wenn er von seiner Moskau-Reise zurückgekehrt ist. Zudem werde die Familie von Berlin finanziell unterstützt werden, wenn sie auf Hilfe angewiesen sein sollte.

"Wir stehen alle noch unter Schock", sagten am Montag mehrere Jugendliche, die nach der Schule zum Tatort gekommen waren und Blumen niederlegten. "Zivilcourage war heute das Hauptthema in der Schule. Lehrer haben uns geraten, in solch einer Situation zuerst die Polizei zu rufen. Ich weiß aber nicht, ob ich nicht auch so wie Thomas gehandelt hätte", sagte Martina H. aus Marzahn.

Thomas P. hatte zusammen mit vier Freunden am Sonnabendfrüh in die Diskothek "Le Prom" gehen wollen. Als sie ihr Auto vor dem Bahnhof Marzahn abstellten, bemerkten sie einen Mann, der mit einer Steinschleuder auf Autoscheiben schoss. Als Thomas P. den Randalierer stoppen wollte, stach dieser zu. Später wurde der Täter festgenommen. Inzwischen hat ein Richter einen Haftbefehl wegen Totschlags erlassen. Bei einem Gerangel wurde auch der 32-jährige Dirk M. lebensgefährlich verletzt. "Er liegt im Unfallkrankenhaus Marzahn noch auf der Intensivstation. Aber in Lebensgefahr schwebt er nicht mehr", sagt Mathias S.

Am Montag wurden erste Details zur Identität des Täters bekannt, die zunächst zurückgehalten worden waren. Er ist in Zehlendorf gemeldet und soll Soziologie studieren. Mehdi N. wurde vor 24 Jahren in Tunis geboren. Während der Tat hinterließ er einen verwirrten Eindruck. Er habe gelacht, als sei er vollgepumpt mit Drogen. "Anschließend rannte er weg", erinnerte sich Mathias S. Gerüchte, nach denen die Tat einen politischen Hintergrund hat, bestätigten Polizei und Staatsanwaltschaft nicht.

Foto: Freunde und Bekannte von Thomas P. stellten am Montag ein Kreuz am Tatort auf. Der 20-Jährige war am Sonnabend erstochen worden.