Ein Mann fällt vom Himmel: Nur mit einem Schlafanzug bekleidet, ist der bronzehäutige Prinz von Atlantis eines Tages mit einem Fallschirm in London gelandet. Sun Koh ist der letzte Überlebende seines verschollenen Kontinents - und trägt eine große Verantwortung: Denn bald wird Atlantis wieder aus dem Ozean auftauchen; und ein weltweites Netzwerk von Bösewichtern macht sich schon bereit, um das wunderbare Wissen der Atlantiden zur Versklavung der Menschheit zu missbrauchen.
"Ein Mann fällt vom Himmel": so hieß der erste Band der Serie "Sun Koh, der Erbe von Atlantis", in der zwischen 1933 und 1936 insgesamt 150 Romanhefte erschienen. Heinz J. Galle, Koryphäe der deutschen Trivialliteraturforschung, hat die Geschichte Sun Kohs und die Biografie seines Erfinders Paul Alfred Müller jetzt im historischen Zusammenhang nachgezeichnet. Er untersucht Müllers Anleihen bei der utopischen Literatur der Jahrhundertwende ebenso wie sein Verhältnis zur nationalsozialistischen Ideologie; besonderes Augenmerk liegt auf der Rezeption von "Sun Koh" in der Nachkriegszeit. Bis in die Achtzigerjahre vielfach wieder aufgelegt, war Müllers Serie für die Trivial-Science-Fiction der jungen BRD eines der wichtigsten Vorbilder: von den "Utopia"-Heftromanen bis zu "Perry Rhodan", wo die Figur des letzten Atlantiden ja eine zentrale Stellung einnimmt.
Nur in einer wesentlichen Hinsicht blieb "Sun Koh" als Science Fiction singulär: In das Weltall ist der Atlantis-Prinz nämlich niemals gereist. Nicht mangels Interesse oder technischer Möglichkeiten, sondern weil nach Ansicht seines Erfinders das Weltall überhaupt nicht existierte. Paul Alfred Müller hing der - noch in der ersten Jahrhunderthälfte gar nicht so selten vertretenen - Hohlwelttheorie an, nach der die Erde nicht um die Sonne kreist, sondern vielmehr eine Hohlkugel darstellt, in deren Inneren sich das so genannte Weltall befindet. Mit befreundeten Physikern und Mathematikern hat Müller sein Modell immer wieder durchgerechnet und modifiziert; den Vertretern des Einstein schen Weltbilds zu demonstrieren, dass sie ihre Thesen auch nicht stichhaltiger belegen können als er, war bis zu seinem Tod 1970 sein größter Ehrgeiz.
Heinz J. Galle: Sun Koh. Der Erbe von Atlantis und andere deutsche Supermänner. SSI Verlag, Zürich 2003. 405 S., 24,80 Euro.
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