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Und ewig rauscht das Wasser

Fabrizio Plessi, der italienische Video-Pionier, entfesselt Himmel und Hölle im Martin-Gropius-Bau. Und viel Kitsch

Sebastian Preuß

Das Lebensthema dieses Künstlers ist das Wasser. Seit Fabrizio Plessi in den sechziger Jahren als Student nach Venedig kam, ließ ihn das Element, das in dieser Stadt so prägend ist, nicht mehr los. An der Akademie durchlief der junge Mann aus Reggio Emilia ein eher traditionelles Studium, doch geriet er um 1968 in den Bann der damals hoch aktuellen Konzept- und Aktionskunst. Die ersten Projekte entstanden nur auf dem Papier: ein Fernseher, aus dem sich ein Schwall Wasser ergießt; oder Riesenschwämme im Canal Grande, die Venedig im Notfall vor der Überflutung schützen sollten - Visionen nicht ohne Witz, die Dada und den Surrealismus wiederauferstehen ließen.

Auf Fotografien und ersten Videobändern hielt Plessi in den frühen siebziger Jahren fest, wie er einen See mit der Säge durchtrennte, Löcher ins Wasser schlug oder einen Strahl im Waschbecken abschnitt. 1976 entstanden die ersten Video- skulpturen, die bald zu großen, raumfüllenden Installationen anwuchsen. Von Beginn an nutzte Plessi das neue Medium Video nicht aus Technikbegeisterung oder zur Reflexion medialer Kreisläufe, vielmehr ist es bei ihm eine Art erweitertes Material, das er wie ein Bildhauer oder Maler einsetzt.

Ausgehend von den epochalen TV-Assemblagen des zehn Jahre älteren Video-Pioniers Nam June Paik nahm Plessi wie kaum ein zweiter Künstler den neuen Gattungsbegriff der Videoskulptur wörtlich. Selten nur haben die Monitore bei ihm ein ästhetisches Eigenleben als technische Geräte, stattdessen sind sie als Bildträger dem Ensemble eingebunden. Meist zeigen sie Wasser, Luft, Feuer, Bodensegmente, zuweilen Buchstaben oder piktogrammartige Gegenstände. Nie gibt es nur einen einzigen Monitor, Reihung und Wiederholung sind wesentlich.

In der Geschichte der Videokunst gebührt dem Italiener ein wichtiger Platz, weil er zeigte, wie "malerisch" man das Medium einsetzen kann. Berühmt etwa ist sein gewaltiges, drehendes Mühlrad, aus dem die Wasserkaskaden zwischen den Schaufelrädern als Filmbilder hinabfluten, imaginär aufgefangen in einer Abflussrinne, die ebenfalls mit Video-Wasser gefüllt ist. Plessis Kunstgriff ist einfach und nicht immer frei von Banalität. Selten macht er etwas anderes als Teile seiner skulpturalen Installationen an der entsprechenden Stelle durch Film-Bilder zu ersetzen. Hat man eine Arbeit gesehen, kennt man alle.

Der Martin-Gropius-Bau hat dem Venezianer jetzt eine Ausstellung eingerichtet, die so pompös und pathetisch ist wie alles in diesem Werk. Mit Respekt vor dem Lebenswerk des 64-Jährigen hoffte man auf eine Retrospektive, die auch Plessis historische Verdienste heraus stellen würde. Stattdessen landet man in einer unglaublich aufwändigen Abfolge jüngerer Installationen. Das Pathos, das im Frühwerk schon angelegt, aber noch durch die damals vorherrschende Askese von Minimal Art und Konzeptkunst und den Einfluss der kargen Arte povera abgemildert war, ist heute zu gnadenloser Rauschhaftigkeit, zu bloßer Wucht und zu einer großen Oper explodiert, als wollte Plessi noch die Prunksucht Venedigs in seinen besten Zeiten übertrumpfen. Es ist eine Orgie aus Feuer, Wasser, historischen Anspielungen und pseudoromantischen Höhenflügen, ein Donnern und Wummern der Elemente, das universale Aussagen über den Zustand der Welt und die Poesie des Historischen machen will, dabei aber auch immer wieder in erschreckenden Kitsch abdriftet.

Unter dem Titel "Traumwelt" nimmt uns Plessi mit auf eine imaginäre Reise um den Globus. In Rom, Sarajevo, Kairo, New York, Kinshasa, Pompeji, Island oder Manaus ließ er sich zu Installationen inspirieren, denen kein Klischee fremd ist. Im Sevilla-Raum hängen von der Decke barocke Beichtstühle, die wie Hochöfen ihre Klappen zu einem Höllenfeuer öffnen. In Fez geht es um gefärbte Wolle und eiserne Zuber, in denen das Zinnober brodelt. Bombay - das sind bei Plessi Berge von ausgewrungenen Leintüchern, der Video-Fluss in rostigem Stahl erinnert an die öffentlichen Waschanstalten. Und in der Bronx wird natürlich Brutalität und Ausbeutung angedeutet, mit Spaten, die in die "Wasser"-Oberflächen der Monitore gerammt sind - oh Graus. In dieser Ausstellung vergeht einem buchstäblich Hören und Sehen, weil man sich bald über gar nichts mehr wundert, sondern alles nur noch wie ein postmodernes Welterfahrungsspektakel über sich ergehen lässt. Trotz Sturzbächen und Feuersäulen ist hier weder Erhellung noch eine Apokalypse zu erleben.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, bis 31. Mai. Täglich außer Montag 10-20 Uhr. Der Katalog des Chorus-Verlags kostet 25 Euro.

Plessi zeigt, wie malerisch man Video einsetzen kann.

Foto: Woran denkt der Europäer bei "Kinshasa"? Natürlich an Feuer und Buschreisig. Fabrizio Plessis gleichnamige Installation bedient urtümliche Klischees.