BERLIN, 1. März. Es sei die "Rückkehr des roten Teppichs" gewesen, schrieb die "New York Times" über die 76. Oscar-Verleihung. 2003 hatte wegen des Irak-Kriegs tatsächlich kein schuhschonender Velours ausgelegen, und der Aufmarsch der Stars war aus Sicherheitsgründen stark abgekürzt worden. In diesem Jahr also gab es, allerdings in schreiendem Rosenrot, wieder Teppich. Aber die "Times" hatte mit der freudigen Zeile noch etwas ganz Anderes gemeint: Der Glamour war zurück, in strahlenden Edelsteinfarben wie von Matisses Palette und mit fein schimmernden Texturen.
In den letzten zwei Jahren hatten - aus Pietätsgründen in schwierigen Zeiten - gedämpfte Töne bei den Damen regiert. Das kleine Schwarze korrespondierte, unspektakulär für den Zuschauer, brav mit den konventionellen Abendanzügen der Herren. Alle gaben sich bescheiden, und es schien, als hätten die Juweliere des Hochpreis-Segments, wie zum Beispiel Harry Winston, ihre wichtigste Möglichkeit zur Produktpräsentation erst einmal eingebüßt. Dieses Mal aber wurde ordentlich geklotzt: Die Country-Sängerin Alison Krauss trug fragile Sandaletten von Stuart Weitzman, die mit Diamanten im Wert von zwei Millionen Dollar besetzt waren. Und der Schauspielerin Scarlett Johannson hatte die Firma De Beers Steine für eine Million Dollar um den Hals gehängt; in der Mitte des Colliers prangte ein Dreißig-Karat-Klopper, der allein mit 600 000 Dollar zu Buche schlug. Zumindest Nicole Kidman musste diesmal nicht extra von sorgenvoll dreinblickenden Sicherheitsmännern der Schmuckhersteller bewacht werden: Ihre Chanel-Couture war über und über, aber bloß mit unechten Glitzersteinchen bestickt. Jene changierte zwischen zartestem Blau und Grün - hatte also eine Farbe, die eine porzellanhäutige Rothaarige fatal blass aussehen lässt.
Mitsamt einer eigenartigen Aufrüschung am Busen und einer entsprechenden Kaskade ab Kniehöhe muss Kidmans Kleid leider zu den nicht nur wohlwollend diskutierten Ausstattungen des Abends gerechnet werden. So schlimm wie die sonst auch so stilsichere Uma Thurman jedoch hatte sie es nicht getroffen: Thurmans folkloristische Spitzenwogen wirkten, als hätte sie sich einfach in die Wohnzimmer-Gardine gewickelt. Sonderbar verkleidet erschien, mit Bowler, auch Diane Keaton im Ralph-Lauren-Gehrock - und Marcia Gay Harden in königsblauer Valentino-Couture nebst betonierten Bienenkorb-Frisur erinnerte daran, dass die sechziger Jahren modemäßig durchaus ihre dunklen Seiten hatten.
Ansonsten aber erwies sich der allgemeine Rückgriff auf die Glanzzeit Hollywoods, auf den Stil der dreißiger und vierziger Jahre als eher vorteilhaft. Viele Schauspielerinnen traten in Roben aus nass glänzendem Satin oder puderfeinem Chiffon auf, die entweder - wie bei Angelina Jolie (in Marc Bouwer) oder Charlize Theron (in Tom Ford für Gucci) - glatt herabfallend den Körper umschmeichelten (sofern er sorgsam auf Idealmaß gebracht ist, sonst macht so was dick). In dieser Sektion gab es viele Haut- und Pastell-Töne sowie derart viel Weiß, dass der Oscar stellenweise wie ein Aufmarsch zu tief dekolletierter Bräute anmutete. Daneben sah man diverse wie Korsetts skulptierte Kleider, die auch in der kräftigen Farbgebung um Aufmerksamkeit heischten, so bei Catherina Zeta-Jones in Kirschrot oder bei Scarlett Johannson in Smaragdgrün.
Die sorgsam ondulierten güldenen Locken der 19-jährigen Johannson, die schellackschimmernden Wasserwellen von Liv Tyler und die im Veronica-Lake-Stil gelegten langen Mähnen zeigten dann allerdings auch schnell die Grenzen dieses klassischen Looks auf: Er lässt seine Botschafterinnen nicht gerade jugendlich, sondern doppelt so alt und manchmal ziemlich tantenhaft aussehen - ein erstaunliches Trend-Phänomen in einer Zeit, da alle jenseits der Dreißig ihr Hollywood-Verfallsdatum mit Botox-Injektionen hinauszuzögern suchen.
Irrungen, Wirrungen // Foto: Uma Thurman, eigentlich berühmt für ihr geschmackvolles Styling, überraschte mit einer folkloristischen Spitzendrapierung, die allgemein als der Missgriff des Abends gilt. Über den Namen des Designers herrscht bisher Stillschweigen.
Foto: In Valentino-Couture erschien Marcia Gay Harden. Der Empire-Schnitt des königsblauen Kleides kam ihr ganz zupass, denn sie erwartet bald Zwillinge. Mit so adretten Bienenkorb-Frisuren ist es dann wohl erst mal vorbei.
Foto: Als einer der bestangezogenen Männer überraschte Diane Keaton, perfekt bis hin zur taufrischen weißen Nelke. Dumm aber, dass ein solcher Gehrock (hier von Ralph Lauren) beim Gentleman eigentlich nur als Tagesbekleidung durchgeht.
Foto: (2) Eine geradezu vorbildliche Wiederbelebung des klassischen Hollywood-Glamours: Angelina Jolie (l. ) trug Marc Bouwer, Charlize Theron Tom Ford (M. ), und Renée Zellweger (r. ) erschien in einem Carolina-Herrera-Dress.
Foto: Man wüsste ja zu gern, wie dieses Kleid hält: Nicole Kidman in Chanel.