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Fast schon nicht mehr von dieser Welt

Dem Bildhauer Theo Balden zum 100. Geburtstag

Ingeborg Ruthe

Formt ein Bildhauer im klassischen Sinne, interessieren ihn naturgemäß das Volumen im Raum, die Wirkmächtigkeit der Statuarik, die Monumentalität oder die harmonische Anmut des Wechsels von Standbein und Spielbein. Das alles war bei Theo Balden - geboren heute vor 100 Jahren im brasilianischen Santa Catharina, gestorben 1995 in Ost-Berlin - nicht Kernthema.

Balden, dessen die Berliner Galerie Hintersdorf jetzt mit einer umfänglichen Ausstellung gedenkt, wollte etwas, das die Grenzen traditioneller Bildhauerkunst überschreitet. Seine Gebilde aus Bronze, Bleiblech und Ziegelsteinen sind Metamorphosen, die der Plastiker den Lebensformen abgeschaut hat: Ein Vogel auf einem Baum sitzt nicht etwa nur plastisch auf einem Ast, sondern wird von Ästen und Zweigen kugelförmig umhüllt. Auf diese Weise entsteht eine Schutzzone, massiv im Material, poetisch im Ausdruck. Der Unterleib einer nackten Frau wird zu einem Gefäß, das Leben spendet. Das Becken umhüllt die Frucht, macht sie unzerstörbar.

Diese Art von Plastik, die sehr erzählerisch, auch symbolisch ist, hatte sich an Rodins formalen Ein- und Ausbuchtungen und dessen Licht-Schatten-Spiel geschult und ebenso an Henri Moores figürlichen Metamorphosen. Balden, Mitglied der Akademie der Künste Berlin und über Jahre Lehrer an der Kunsthochschule Weißensee, hatte am Bauhaus Weimar studiert, sich 1929 der revolutionären Künstlervereinigung ASSO und 1933 einer antifaschistischen Widerstandsgruppe angeschlossen. 1934 verhaftete ihn die Gestapo. Nach seiner Freilassung emigrierte er erst nach Prag, später nach London. Dort begegnete er dem Bildhauer Henri Moore, dessen Werk einen prägenden Einfluss auf Baldens Plastiken und Farbkreidezeichnungen hinterließ.

Nach der Rückkehr aus der Emigration nach Berlin wollte Balden den "Widerstreit entgegengesetzter Formungen" darstellen, das Elementare als Grundlage aller Form, das Offene, Durchlässige, Mehrschichtige als Notwendigkeit allen Ausdrucks, das Labile als Offenbarung des Nachgebens, das Zerrinnende als Zeichen des Nicht-Fassbaren. Die Form, so beschrieb er es, unterliege bei ihm "mehreren Geburten", die jeweils alles enthielten, was der Prozess ausmache: Liebe, Schmerz, Glück, Lebensdrang.

Im Alterswerk freilich, auch das zeigt die Ausstellung, kommen andere Töne auf. Da stellt sich dem Thema Geburt das des Todes an die Seite. Im bronzenen "Torso" 1995, wird die Brust zu einer tiefen Mulde, die knieende Figur fällt förmlich hintenüber, aufgewühlt in ihrem Äußeren, sich selber fremd schon in ihrer Haut. Auf sanfte, doch unwiderrufliche Weise ist sie fast schon nicht mehr von dieser Welt. (ir.)

Jubiläumsausstellung für den Bildhauer Theo Balden in der Galerie Hintersdorf im Kunsthof Oranienburger Straße 27, bis 28. 2. Di-Fr 13-19 Sa 12-18 Uhr. Telefon: 241 11 91

GALERIE HINTERSDORF Theo Balden formte diesen "Torso" kurz vor seinem Tod im Herbst 1995.