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BERLINALE 2004: BERLINALE-KAMERA

Ein Hoch auf Willy Sommerfeld

Daniela Pogade

Die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts hat Willy Sommerfeld vornehmlich in Kinosälen verbracht, genauer am Klavier eines kleinen Lichtspieltheaters am Wittenbergplatz. Anekdoten aus der Welt mondänen Künstlertums hält er nicht vorrätig. "Mit diesem Milieu hatte ich nichts zu tun. Ich hatte keine Zeit, ich musste arbeiten, um mein Musikstudium zu finanzieren." Die Inflation trieb zur Eile; Sommerfeld musste schnell Geld verdienen, das Kinopublikum musste sein Geld schnell loswerden. An die 400 Kinos gab es in Berlin, einige besaßen ein großes Orchester, andere nur den einen Mann am Klavier.

Als Mann am Klavier ist Willy Sommerfeld, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wird, eine nationale Berühmtheit geworden. 1995 erhielt er den Bundesfilmpreis, vor einigen Jahren wurde er Gegenstand eines Dokumentarfilms mit dem Titel "Der Stummfilmpianist", heute Nachmittag bekommt er die Berlinale-Kamera. Geehrt wird und wurde Willy Sommerfeld nicht lediglich, weil er weltweit der letzte Überlebende einer vergangenen Kunstpraxis ist. Sommerfeld hat den Stummfilm aus den Archiven der Geschichte geholt, er hat mit Energie und Virtuosität demonstriert, wie überaus sinnlich man sich dieses Filmerlebnis vorstellen muss. Das begann Anfang der 70er-Jahre, als Ulrich Gregor den Pianisten für das Kino Arsenal engagierte, wo er wieder Murnau, Fritz Lang und Eisenstein begleitete.

Das freie Spiel ist Sommerfelds Stärke; die Filmbilder, sagt er, gehen ihm "direkt in die Finger". Sommerfeld war und ist ein Enthusiast - nicht notwendig ein Kinoenthusiast, vielmehr ein Enthusiast der angewandten Kunst und Kunstfertigkeit. Der frühe Broterwerb als Stummfilmbegleiter hat seine Reaktionsfähigkeit geschult. In den 20erJahren wechselte das Kinoprogramm ständig. Die Filmrollen kamen genau zu Vorstellungsbeginn. Mehrmals am Tag musste der Pianist Töne erfinden zu Bildern, die er nie zuvor gesehen hatte.

Eigentlich übte er damit bereits seinen Traumberuf aus: den des Komponisten. Als freier Künstler war Willy Sommerfeld in seiner Karriere noch einige Male zur Improvisation genötigt. Kurz vor Aufkommen des Tonfilms, nach Beendigung seines Kapellmeisterstudiums, wurde er Dirigent am Braunschweiger Staatstheater - bis 1933, als er nach einer Vorstellung den Hitlergruß zu entrichten versäumte. Er ging zum Rundfunk, wo er Hörspielmusiken schrieb. Nach dem Krieg arbeitete Sommerfeld als Arrangeur und Musiktherapeut.

Mit Bescheidenheit, einer gewissen Ungeduld und Scheu vor publizistischem "Firlefanz" gibt Willy Sommerfeld Journalisten, Wissenschaftlern und Dokumentaristen seit Jahren Auskunft über sein Leben. Er zieht es vor, wenig Worte zu machen, setzt sich aber gerne in seinem Wohnzimmer ans Klavier und demonstriert, wie etwa ein Händeringen von Emil Jannings klingen könnte. Seit fünf Jahren bestreitet Sommerfeld keine öffentlichen Auftritte mehr, aber noch immer spielt er täglich Klavier. Die heilende Wirkung der Musik sei bereits in der Bibel belegt, sagt Willy Sommerfeld. Nur das Harfenspiel des jungen David habe den König Saul von seinem bösen Geist befreien können. Die bösen Geister hat auch er stets in Schach halten können.

Preisverleihung heute, 14 Uhr im Arsenal. Gezeigt werden Ausschnitte aus der Doku "Der Stummfilmpianist". Es sprechen Dieter Kosslick, Ulrich Gregor und Christoph Terhechte. Sommerfeld begleitet live einen Stummfilm.

BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Die Bilder gehen ihm direkt in die Finger: Willy Sommerfeld.