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Nachtigall im Videowald

Der Hamburger Bahnhof, Berlins Museum für Gegenwart, hat sich gut zwei Dutzend Nordlichter aufgesteckt

Ingeborg Ruthe

Vielleicht zog es den jungen Schweden Henrik Hakansson in jener warmen Mainacht 2002 ja in den Berliner Tiergarten, weil er Heimweh hatte nach Varberg und dem Frühling im Norden. Er schweigt darüber und lässt die Nachtigall erzählen. In 14 Videofolgen hat er ebenso viele Exemplare der scheuen Spezies beobachtet und jeden Solisten bis zum Verstummen aufgenommen, fünf Stunden lang. Im Hamburger Bahnhof wird daraus ein Nachtigallenchor, auf 14 an Stangen angebrachten High-Tech-Flachbildschirmen tritt er auf. Der zwitschernde Videowald ist eine merkwürdig naiv-didaktische, zugleich ernüchternde Symbiose aus Natur und Technik: Welcher Großstädter hat wann zuletzt der Nachtigall gelauscht?

Die Natur und unsere Entfremdung von ihr kommt noch ein paarmal vor in dieser Ausstellung "Berlin north". Mit ihr will die Nationalgalerie das Vorurteil ausräumen, sie öffne sich zwischen der ausgreifenden Sammlung Marx, der avisierten Sammlung Flick und der bevorstehenden spektakulären MoMA-Schau zuwenig der jungen, in Berlin seit dem Mauerfall immer internationaler werdenden Kunst. Auch wenn eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, so ist "Berlin north" zumindest eine weitere hoffnungsvolle Geste, für die sich etliche junge Künstler denn auch mit Tiefsinn und Originalität bedanken. Der Norweger Knut Henrik Henriksen etwa verbaute den Eingangsbereich des Museums zur Haupthalle komplett mit Kiefernholz und verweist damit ironisch auf nordische Klischees wie Holzhäuser, Sauna, Ikea und spielt zugleich dreist mit der ornamentalen Gründerzeitarchitektur. Die Finnin Eija-Liisa Ahtila porträtiert in ihrem melancholischen Videofilm "The House", der schon auf der Documenta 11 lief, eine junge Frau, die die Kontrolle über die Wirklichkeit verliert, sich im Haus mitten im idyllischen nordischen Wald verbarrikatiert und verkriecht, weil die Geräusche der Natur und des Lebens Angstattacken bei ihr auslösen. Es kommt zur Loslösung von der realen Welt, weil eine Differenzierung der Abläufe nicht mehr möglich ist. Diese subtile, intime Zivilisationskritik läuft auf drei simultan montierten Projektionen. Und auf den großen Farbfotos der Schwedin Annika von Hausswolff gibt es Szenen wie aus einem abstrusen, bösen Märchen: Ein Kind hantiert mit einer Kettensäge. Ein Stück weiter spielt der Däne Frans Jacobi ein bisschen Stanley Kubrik; sein Filmplot "Spinnen vom Mars" ist eine bissige Persiflage auf eine dänische TV-Serie.

Solche erzählerischen, grüblerischen, ironischen Abeiten wechseln mit harmlos verspielten bis betont sinnlichen. Das Schweden-Duo Bigert & Bergström etwa imaginiert auf Kugellampen exotische Panoramen aus dem Stockholmer Biologie-Museum, konserviert so Naturgeschichte fürs Wohnambiente. Sissel Tolas aus Oslo testet den Geruchssinn des Besuchers. Der erhält zur Eintrittskarte einen Flakon, die Substanz darin riecht genauso wie die Wand in Tolas Ausstellungsraum. Der Gast muss den Geruch beschreiben, vollendet quasi erst mit der Interaktion das Kunstwerk. Und genau das ist ziemlich witzig.

Zwar bezahlen die nordischen Botschaften die Schau, doch die eingeladenen skandinavischen Künstler mit derzeitigem oder vormaligem Wohnsitz Berlin wollen sich deswegen nicht auf das "Nordische" reduzieren lassen. Und so ist "Berlin north" nicht nur eine Ausstellung, die sich wie eine Exkursion durch Haupt- und Nebenräume des Berliner Museums zieht, sondern auch eine Demonstration: Die 26 Werke der 40 skandinavischen Künstler pochen deutlich auf die Globalität ihrer Stilistik statt auf traditionsreiche Nationalität.

Wie man das global verständlich machen kann, zeigt der Norweger Lars O. Ramberg mit seiner Schrift-Installation "Fremdgehen" auf dem Dach des Museums. Er erforschte die Schicksale norwegischer Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges mit deutschen Besatzern liiert waren und 1946 als Kollaborateure angeklagt und vielfach auch deportiert wurden.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51, Kuratoren: G. Knapstein, E. Blume, bis 12. 4., Di-Fr 10-18/Sa+So 11-18 Uhr.

HAMBURGER BAHNHOF Lars O. Ramberg aus Oslo forschte mit der Arbeit "Fremdgehen" in einem bitteren Geschichts-Kapitel.