Ein Jahrhundert ist zu besichtigen, und dies durch eine Brille, die unseren Blick bislang auf die holländische Kunstgeschichte verengte. Die Genremalerei, die lebensnahe Darstellung der menschlichen Sitten, ist in unserer Vorstellung traditionell die Domäne der calvinistischen Niederlande. Aus Holland kamen die Kabinettstücke von Teniers, Steen, Dou, Berchem oder Wouwerman, die im 17. Jahrhundert das neue Selbstbewusstsein bürgerlicher Kultur repräsentierten und die Connaisseure in ganz Europa in Entzücken versetzten. Eine wegweisende Ausstellung führt uns nun im Alten Museum eine zweite große Kunstlandschaft der Genremalerei vor: Frankreich im 18. Jahrhundert. Watteau, Lancret, Boucher, Chardin, Greuze, Fragonard, Boilly und ihre Umkreise - hundert Gemälde vermessen auf feinstem Niveau den malerischen Olymp, den Frankreichs erleuchtetes Zeitalter, das "siècle des lumières", hervor gebracht hat.
Noch nie sind die galanten Feste Watteaus, die erotischen Spielereien Bouchers und Fragonards, die rätselhaften Kammerszenen Chardins bis hin zu Greuzes Bauerndramen und Hubert Roberts belebten Pariser Stadtveduten in diesem Umfang als gemeinsame Bildgattung gezeigt worden. Die Ausstellung, eine Kooperation mit den Nationalgalerien in Ottawa und Washington, bietet schwelgerischen Augenschmaus, zeigt dabei aber in der Reduzierung auf das Genre zugleich eine ganze Kunstrichtung in neuem Licht.
Wir blicken auf eine Gesellschaft im Umbruch, die sich, als Ludwig XIV. 1715 nach über vierzigjähriger Regentschaft gestorben war, von der Hofkultur emanzipierte. In den Salons wurden die neuesten Entdeckungen der Wissenschaft oder die Spitzen der Aufklärer gegen die Obrigkeit diskutiert. Nicht mehr der König und seine strenge Akademie allein diktierten den Geschmack des Pariser Kunstlebens, sondern adelige und großbürgerliche Sammler bildeten eigene Vorlieben aus, kauften in Galerien und pilgerten alle zwei Jahre zum Salon im Louvre, wo Handwerker und Fischweiber mit parfümierten Herrschaften um den Blick auf die Bilder rangelten.
Auch wenn die Historienmaler offiziell in der Akademie den höchsten Rang behielten, scherte sich das Publikum wenig um dieses Diktat der Kunstfunktionäre. Die Künstler bildeten eine eigene Malkultur im "flämischen Geschmack", im "galanten Sujet" oder im "Genre", worunter Diderot in seiner Enzyklopädie alle Motive jenseits der Historie abhandelte. Die Sammler rissen sich um diese Bilder, aber auch um deren Vorbilder, die holländischen Genremaler. Brouwer und Teniers erzielten 1767 auf einer Auktion ein Mehrfaches von Veronese, Poussin und Rubens.
Schon Antoine Watteau, der die Ausstellung mit einer ganzen Parade von Hauptwerken einleitet, orientierte sich zu Beginn des Jahrhunderts nach Norden. Er adaptierte Genreszenen von Teniers und Bruegel und griff vor allem das faserige, von Erdtönen durchsetzte Kolorit Rubens sowie überhaupt den pastos-flirrenden Auftrag der Flamen und Holländer auf. Seine "fêtes galantes", diese heiteren Feste in arkadischer Natur, welche die Bildthemen der französischen Maler für Jahrzehnte prägen sollten, sind tiefgründige Hybride mit rätselhaften Stimmungen. Die Landschaft umfängt und dominiert die Menschen, deren Spiele bei aller Lebensnähe zugleich immer auch ins Mythologische oder Theatralische entrückt sind. Alle Heiterkeit ist von Melancholie unterlegt, vor allem gibt es in den dunstigen Landschaften nie wirklich Licht, sondern es herrscht eine satte, farbschwere, eher gedämpfte Atmosphäre.
Der Vergleich mit Watteaus begabten Epigonen, Nicolas Lancret und Jean-Baptiste Pater, gehört zu den beglückenden Momenten dieser Ausstellung. Eine Schule des subtilen Sehens tut sich auf, wenn man sich in die Bilder dieser drei Meister versenkt. Bei Lancret hellt sich Watteaus Undurchdringlichkeit auf, dessen diffuse Oberfläche weicht jetzt heiterem Licht, die Figuren gewinnen an Monumentalität. Pater lässt stärker noch als Watteau die holländische Lebensnähe anklingen. Jean-François de Troys neckische Spielszenen führen zu Boucher, der seine pastoralen Landszenen mit unverblümten Anspielungen auflädt. Verführerisch hält ein Bauernbursche seiner Geliebten zwei dicke Karotten entgegen, sie streichelt indessen einen saftigen Kohlkopf in ihrem Schoß. Auf einem anderen Bild steckt eine Schäferin ihrem Gespielen eine Traube in den Mund, während er mit seiner Hand zum Körperteil seiner wahren Begierde deutet.
Wo er kann, zeigt Boucher nackte Haut, die er mit makelloser Glätte wie Porzellan zum Schimmern bringt. Seine Farben sind von verhaltener Leuchtkraft und förmlich vom rosa Puder der Epoche überzogen. Auch wenn in der Akademie die Verfechter heroischer Mythologien wenig von seiner Anzüglichkeit begeistert waren, lag Boucher das Pariser Publikum zu Füßen, das sich mit Vorliebe an erotischer Klatschliteratur ergötzte, deren Lieblingsopfer Ludwig XV. mit seiner Mätressenwirtschaft war.
Jean-Honoré Fragonard, Bouchers Schüler, geht noch einen Schritt weiter. Er lässt den Pinsel über die Leinwand rasen bis hin zu impressionistisch aufgelösten Farbmassen. Wie im Rausch, Grenzen zu überschreiten, übertreibt er das Wangenrouge seiner Hirtenmädchen, lässt kokett deren Brust heraus hüpfen und akzentuiert noch die Fußsohle von unten mit einem Lichttupfer. Selbst Äste und Blumen sind zu fleischlicher Saftigkeit geschwollen. Wie in Champagnerlaune lässt er ein junges Mädchen mit seinem Schoßhund spielen, der ihr mit seinem Puschelschwanz freudig die Scham bearbeitet.
Doch hatten die Pariser nicht nur erotische Unterhaltung im Sinn, sondern auch die Kritik der Aufklärer an den herrschenden Verhältnissen und die Abkehr vom höfischen Prunk. Chardins erdnahe Gouvernanten, Mägde und Kesselputzerinnen vor düster monochromem Hintergrund verleihen dieser Zeitstimmung Ausdruck. Ebenso Greuze mit seinen moralisierenden Szenen aus dem Leben der niederen Stände, wo sich bereits der soziale Realismus der Courbet, Leibl und Waldmüller im 19. Jahrhundert andeutet.
Mit der Revolution erlosch die Freude an Schäferspielen, galanten Szenen und der Heiterkeit des wirklichen Lebens. Genrebilder wie Louis-Léopold Boillys "Billardspiel" zeigen in programmatischer Weise eine neue bürgerliche Gesellschaft, die libertinäre Andeutungen nur noch in verschlüsselter Form zulässt. Mit der gepuderten Oberfläche des Ancien Régime war auch eine ganze Kultur des Amüsements untergegangen.
Altes Museum, bis 9. Mai. Di-So 10-18, Do bis 22 Uhr. Katalog 29 Euro.
KATALOG DUMONT Ausschnitt aus Fragonards erotischem "Blinde-Kuh-Spiel", um 1750/55