Als diese Bilder das erste Mal in Tokio ausgestellt wurden, waren die einheimischen Besucher empört: Auf Miwa Yanagis Fotografien sind jene so genannten "Elevator Girls" zu sehen, die in den großen Einkaufszentren nichts anderes tun als die Aufzüge zu bedienen und den Kunden damit eine möglichst reibungslose Durchführung des Nationalsports Shopping zu ermöglichen. Nur stehen Yanagis Fahrstuhlmädchen nicht da wie dienstbare Geister in Standby-Position, sondern zerstreuen sich zu Plaudergrüppchen oder ruhen aus in den unbehausten Ecken der Konsumtempel. Und das fanden die Japaner einfach respektlos - dass sich jemand allein der eigenen Kontemplation wegen seiner Verantwortung für das Gemeinwesen entzieht.
Miwa Yanagis Arbeiten aus der Sammlung der Deutschen Bank sind nun in der ersten musealen Einzelausstellung der Künstlerin hierzulande zu sehen - mit 21 meist großformatigen Exponaten in der Deutschen Guggenheim; in Berlin wird Yanagi ansonsten vertreten von der Galerie Wohnmaschine. Ihre Aufnahmen der "Elevator Girls" entstanden seit den mittleren neunziger Jahren aus Performances heraus, bei denen Yanagi Rudel makelloser junger Mädchen in identischen Kostümen, mit Schluppenbluse, Hut, tadellos geputzten weißen Pumps und einem leer puppenhaften, wie entidividualisierten Gesichtsausdruck auftreten ließ: in Galerien, also außerhalb ihres gewohnten Beschäftigungsumfeldes - und eben ohne arbeiten zu müssen.
Yanagi, 1967 in Kobe geboren, hatte nach ihrem Kunststudium zunächst Textilgestaltung unterrichtet, begann sich aber zunehmend künstlerisch mit den Erwartungen auseinander zu setzen, die traditionell auch an sie heran getragen wurden: in einem Land, das unverheiratete Frauen über 30 gern "vertrocknete Hochzeitskuchen" zu nennen pflegt und ihnen Kinderlosigkeit als Egoismus auslegt. "Nach dem Universitätsabschluss hatte ich das starke Gefühl, ich würde nur eine Rolle in einer standardisierten Gesellschaft spielen", sagt Miwa Yanagi dazu. Und so ist ihr Werk einerseits eine Flucht vor den Werten ihrer Heimat. Auf der anderen Seite aber steht - wie ein Zitat klassischer, den Herausforderungen des Materials hingegebener japanischer Handwerkskunst - die perfektionistische Bearbeitung der analog aufgenommenen, danach eingescannten und schließlich am Computer bis zu einem Monat lang bearbeiteten Fotografien, für deren Druck die Künstlerin weltweit den besten Anbieter sucht: "In Deutschland sind die Farben intensiver, in Japan ist die Graduierung besser", findet sie.
Für das zwölf Meter breite Panorama "Midnight Awakening Dream" (2003) hat Miwa Yanagi die Shopping Malls Amerikas, Australiens und Japans bruchlos als halb fiktive Architektur ineinander gefügt. In der Mitte wandeln die Fahrstuhlmädchen virtuell über Wasser, am Rand stehen sie vor dem Chaos hunderter verstreuter Luxusartikel - so hilflos, wie sich auch die Künstlerin empfindet angesichts einer, wie sie formuliert, ausschließlich auf Konsum ausgerichteten, anonymisierenden Kultur.
Mit ihrer zweiten in Berlin gezeigten Serie aber sucht sie seit vier Jahren nun doch Wunschträume zu realisieren und das individuelle Glücksstreben jenseits von Etikette und Uniformität zu beleuchten: Für "My Grandmothers" befragte Yanagi Altersgenossinnen, wie sie sich ihr Leben in der Rente idealiter vorstellten. Mit Visagisten-Hilfe und digitaler Bearbeitung versetzte sie jene ins Jahr 2050 - das Ergebnis irritiert als surreal, denn es zeigt Frauen, die alt aussehen und sich doch benehmen wie junge Leute. Vier Geishas mit faltenzerfurchten Gesichtern kichern im Teehaus glücklich über das schöne Spiel. Die Präsidentin eines Vergnügungsparks sinnt mit kreischpink gefärbten Haaren und im puscheligen Plüschkatzen-Kostüm über ihren Konkurrenten Walt Disney nach. Eine Domina erzählt - allen sind eigene Statements zur Seite gestellt - ihrer "gedankenlosen" Enkelin von den harten Zeiten, als Prostitution noch verboten war.
Zu weit hergeholt war ihr nichts, aber so manche Zukunftsvision, die Miwa Yanagi nach Annoncen in Modemagazinen unterbreitet wurde, erschien ihr als zu schlicht für eine Umsetzung; solche, in denen jemand an den ewig glücklichen Fortbestand seiner Ehe glaubt oder nur davon fabuliert, ausschließlich für eine Familie da sein zu wollen. Andere Träume erwiesen sich als ausgesprochen kostspielig in der Realisation: Sachiko etwa wollte Erster Klasse nach Spanien fliegen, um "beim Sterben in einen schönen Himmel zu blicken", wie sie dazu schreibt. Daraus wurde nur die Business Class nach Taiwan. Und Yuka mit den roten Haaren, die sie so fröhlich fliegen lässt im Motorradbeiwagen - die brennende Zigarette genüsslich in der Hand, den knackigen Kerl an der Seite -, wollte eigentlich auch lieber durch die endlosen Weiten Amerikas reisen als bloß über die Golden Gate Bridge in San Francisco zu fahren. Die Künstlerin selbst sieht sich übrigens, gebeugt und ganz in Schwarz, über Schnee stapfen, gütig wachend über ihre Enkelkinder. Adoptierte, natürlich.
Miwa Yanagi // Die japanische Künstlerin wurde 1967 in Kobe geboren. Ihren internationalen Durchbruch hatte sie Mitte der 90er-Jahre mit der Fotoserie "Elevator Girls". In Berlin hat Yanagi jetzt ihre erste museale Einzelausstellung in Deutschland erhalten, 21 meist großformatige Arbeiten geben einen Überblick über ihr Werk. Die Ausstellung in der Deutschen Guggenheim (Unter den Linden 13/15) ist noch bis zum 28. März zu sehen, täglich 11-20 Uhr. Der Katalog kostet 29 Euro.
DEUTSCHE GUGGENHEIM "Um einen Gast soll sich bemüht werden . ": Akiyo, Mai, Hitomi und Noriko als Geishas (2002).