BERLIN, 18. Januar. Sie sind zwischen 16 und 18 Jahre alt, sie gehen auf das gleiche Kreuzberger Gymnasium, und sie haben noch eine Gemeinsamkeit: Seher Kölem (18 Jahre alt), Esma Turan (18), Hüsna Gökdemir (16) und Dilek Ileri (16) tragen alle ein Kopftuch - aus religiöser Überzeugung. Und mittlerweile empfinden sie es auch als modisches Accessoire. Ein Gespräch über die Basörti oder Echarpe, wie die muslimischen Frauen ihre Kopfbedeckung nennen, und deren politische Dimension.
Klären wir zunächst einmal die technischen Fragen: Wie wird so ein Tuch gewickelt?
Esma: Als kleines Kind bindet man es sich einfach irgendwie um.
Hüsna: Später wird es dann ein bisschen ausgefeilter: Man legt ein Stück Stoff eng um den Kopf, erst dann kommt das eigentliche Tuch drüber. Sonst rutschen die Haare ständig raus. Die berühmte Falte an den Schläfen wird mit Nadeln oder Klammern fest gesteckt.
Wann trat das Kopftuch in euer Leben?
Seher: Ich habe bereits als Kind ein Kopftuch getragen, weil es mir meine älteren Geschwister vorgemacht haben. Bis ich sechs war, war mir eigentlich nicht wirklich bewusst, was ich da trage. Dann habe ich es erstmal gelassen. Meine Eltern wollten mir die Entscheidung für oder gegen ein Kopftuch selbst überlassen. Als ich in die 7. Klasse kam, haben sie mich aufgeklärt. Sie erzählten mir, dass eine muslimische Frau bestimmte Körperteile in der Öffentlichkeit bedecken muss, dazu gehörten auch die Haare. Seitdem trage ich es aus Überzeugung.
Dilek: Ich habe es anfangs nur getragen, wenn ich mit meinen Eltern in die Moschee gegangen bin. Irgendwann, so mit zwölf Jahren, habe ich mir gesagt, okay, ich ziehe das jetzt durch. Damals fingen meine Freundinnen ebenfalls damit an. Für mich ist das Tuch ein Bekenntnis zum Islam und dafür, dass ich mich an seine Regeln halte.
Wie haben eure Mitschüler und Lehrer reagiert, als ihr regelmäßig mit einer Kopfbedeckung in die Schule gekommen seid?
Seher: In der Grundschule hat mir mein Lehrer das Tuch noch vom Kopf gerissen. Ich wurde gehänselt. Hier auf der Gymnasium sind wir fast in der Mehrheit.
Könnt Ihr nachvollziehen, warum das Kopftuch Irritationen auslöst?
Dilek: Irgendwie nicht. Aber wenn eine Lehrerin ein Kopftuch trägt, dann fühlen sich die Christen scheinbar gestört.
Seher: Ich finde, dass jeder seine Religion ausüben soll. Wenn meine Philosophie-Lehrerin ein Kreuz tragen würde, dann würde mich das doch auch nicht stören. Im Grundgesetz steht etwas von Religionsfreiheit, ich weiß daher gar nicht, worüber da so gestritten wird.
Ist das Kopftuch für euch nur Ausdruck eurer Religiosität oder auch ein modisches Accessoire?
Hüsna: Für mich ist es ein normales Kleidungsstück geworden, wie ein Pullover oder eine Hose. Ich schaue, dass es farblich zur Kleidung passt.
Dilek: Mittlerweile präsentieren türkische Models neue Formen und Kollektionen. Ich kenne sogar viele deutsche Mädchen, die das hübsch finden.
Seher: Sehen Sie, sogar die Modebranche hat sich auf uns eingestellt. Ich bin richtig kopftuchsüchtig. Zu Hause besitzen meine Schwester und ich zusammen bestimmt 500 unterschiedliche Tücher. Es ist traurig, dass diese Kopfbedeckung für andere Nationalitäten und Religionen seit dem 11. September mit Terrorismus und Fanatismus verbunden zu sein scheint. Andere wiederum halten uns mit unseren Kopftüchern für ungebildet und zurückgeblieben.
Was drückt das Tuch für dich aus?
Seher: Ich beziehe mich auch in meinem Äußerlichen auf den Koran. Darin steht, dass sich Frauen vorbildlich kleiden müssen. Wir stehen nicht nur hinterm Herd und kochen, selbst wenn wir ein Kopftuch tragen. Meine ältere Schwester zum Beispiel studiert Wirtschaftsinformatik, sie hat keine Probleme in ihrem Bereich, obwohl sie ein Kopftuch trägt.
So einfach ist es in anderen Berufen nicht.
Esma: Nein, sicherlich nicht. Ich würde zum Beispiel gerne Lehrerin werden, aber da werde ich ganz sicher Probleme bekommen.
Seher: Ich wollte auch Lehrerin werden, aber das habe ich mir abgeschminkt. Nun werde ich wohl Kieferorthopädin.
Das Kopftuch auf der Arbeit abzunehmen, käme nicht in Frage?
Esma: Nein.
Dilek: Ich würde auf keinen Fall meine religiöse Überzeugung für etwas aufgeben, für einen bestimmten Berufswunsch beispielsweise. Ich weiß, dass ich irgendwann zur Rechenschaft gezogen werde. Ich will da nichts zu befürchten haben.
Seher: Ich käme mir nackt vor, plötzlich, ganz ohne Tuch.
Hüsna: Wenn ich es plötzlich abnehmen müsste, dann müsste ich mir die Frage stellen, warum ich es so lange getragen habe.
Das Gespräch führte Silke Stuck.
"Für mich ist das Kopftuch ein Bekenntnis zum Islam und dafür, dass ich mich an seine Regeln halte. " Dilek Ileri, 16 Jahre alt