BERLIN, im Januar. An manchen Tagen wäre sie gern Oliver Kahn, sagt Christiane Paul; am liebsten sofort, da es bei der Probe nicht gut gelaufen ist. Sie spielt zum ersten Mal Theater. Und wenn sie sagt, das seien für sie die Bretter, die die Welt bedeuten, klingt es überhaupt nicht nach einer Floskel. Vermutlich habe sie vorher zu viel Nudeln gegessen, "auf einmal bin ich müde geworden und habe mich irgendwie hängen lassen." In dem an sich wenig wahrscheinlichen Fall, dass sich Oliver Kahn irgendwie hängen ließe, wäre es ausgeschlossen, ihn dann auch noch zu einem vernünftigen Gespräch zu bewegen. Er hätte vor Wut die Bande zertreten und ohne Worte die Arena verlassen. Genau danach wäre ihr jetzt zumute.
Zum Glück ist es aber so, dass die Schauspielerin Christiane Paul den Torhüter Oliver Kahn für dessen konsequente Verkörperung seines Ehrgeizes bewundert, "als Fußballer finde ich ihn toll", ansonsten jedoch wenig mit dem zur Sturheit neigenden Sportler gemein zu haben scheint. Sie spricht gern, schnell, laut und klug. Also ist sie, obwohl fix und fertig, zum Interview in dieses Restaurant gekommen.
Sie war erst nicht zu erkennen, als sie im Eingang stand, was an der Wollmütze lag, die sie trug. Aber auch ohne Mütze gleicht die echte Christiane Paul der Schauspielerin nicht auf den ersten Blick. Im Leben wirkt sie zierlicher, unscheinbarer als im Kino. Dafür könnte es eine Erklärung geben, die im Wunder der Kinematografie zu suchen wäre, es hat aber auch einen banalen Grund: "Ich verliere zunehmend an Gewicht", sagt sie, wegen der Nervosität, der Schlaflosigkeit, der Angst, zu versagen. Zunehmend abzunehmen, das ist auch eine Kunst. Ihre Haare hat sie zweckmäßig nach hinten gebunden, was ihrem Gesicht mitunter eine Ernsthaftigkeit verleiht, die den Eindruck ihrer Person schön kontrastiert. Christiane Paul lacht nämlich oft. Sie lacht mit dem Mund, mit den Augen, mit dem ganzen Körper. Sie kichert aus dem Bauch heraus. Man darf nicht vergessen, dass sie einen schlechten Tag hat, vergisst es jedoch sogleich.
Sie kam fast eine Stunde zu spät, aber nicht unentschuldigt. Ein Bote war erschienen, er hatte gemeldet, die Gruppenkritik dauere länger als vorgesehen. Zur Gruppe gehören, muss man wissen, Inge Keller, Herbert Knaup, Ekkehard Schall, Florian Lukas, Udo Samel, Christiane Paul und Ulrich Mühe. Drei Generationen, zwei Legenden, eine Debütantin spielen gemeinsam Theater. Der Schauspieler Ulrich Mühe führt Regie. Und Heiner, wie ihn die nennen, die ihn kannten, schaut ihnen von oben über die Schulter; er saugt an seinem Zigarrenstummel und bei jedem Räuspern zucken sie dort unten zusammen. Da kann so eine Probe schon mal länger dauern.
Mühe hatte seinem Mentor Heiner Müller an dessen Grabe versprochen, sein Wort gegen den Reißzahn der Zeit lebendig zu halten. Das Haus der Berliner Festspiele, in dem er nun das Revolutionsdrama "Der Auftrag" inszeniert, ist aus dem Restaurantfenster gut zu sehen. An diesem Abend brennt lange Licht. Am 9. Januar, Heiner Müllers 75. Geburstag, ist Premiere.
Das Stück handelt von der Revolution, was von ihr geblieben ist. Es geht nicht nur um die Französische Revolution, bei Müller geht es immer ums Ganze, um den Verrat, im Großen wie im Kleinen. Es ist nicht leicht, an einem müden Abend auf die Revolution zu sprechen zu kommen. Christiane Paul bestellt sich eine Krabbensuppe und einen Bordeaux. Vor ihr liegt, schwer wie ein Ziegelstein, ein Band Heiner Müller; der Dichter soll gegenwärtig sein.
Ihr Blick fragt, was wollen Sie wissen? Vor zwölf Jahren fand ein Kritiker, "Christiane Paul aus OstBerlin überrascht durch Frische und Unkompliziertheit." Heute besteht die Überaschung darin, dass sie so geblieben ist. Es wurde auch Unsinn geschrieben, zum Beispiel liest man oft, sie habe eine Doktorarbeit über künstliche Hüftgelenke verfasst. Das ist nicht der Fall. Also, was möchte sie über sich lesen, korrekt und kurz gefasst. Sie überlegt eine Weile. "Geboren 1974, aufgewachsen in Pankow, Eltern beide Arzt; Abitur, Model, Unterbildsprecherin beim Kinderfernsehen, 1991 erster Film, ,Deutschfieber ; hm, dann habe ich 1999 mein drittes Staatsexamen gemacht, in Medizin und nebenbei noch viel gedreht. Wichtige Filme ,Ex , ,Freunde , ,Das Leben ist eine Baustelle , ,Im Juli und jetzt spiele ich Theater; ich habe eine Tochter; das war s erstmal."
Als Ulrich Mühe anrief, um ihr die Rolle anzutragen, saß sie gerade im Auto. Sie musste rechts ranfahren, da ihr die Knie zitterten.
Die Zeit des Wartens auf die Suppe verbringt die Schauspielerin in Ruhe. Sie streicht nicht über das Tischtuch, sie rührt den Salzstreuer nicht an. Sie dreht nicht den ziselierten Ring an ihrer rechten Hand. Sie sitzt einfach da, die Hände nebeneinander, wie eine gut erzogene Tochter. "Mit Heiner Müller verbindet mich nicht so viel", sagt sie, "ich war ja noch zu jung, als er gespielt wurde. Vielleicht habe ich am Deutschen Theater ,Lohndrücker gesehen, mit Vierzehn, weiß ich nicht genau. Ich hatte vor den Proben nichts von ihm gelesen, aber ich wusste um seine Bedeutung."
Denkt sie an Müller, sieht sie diese große schwarze Brille vor sich, die Strenge seines Gesichts.
Sie spielt in dem Stück den "Engel der Verzweiflung", eine allegorische Figur, deren unheimliche Worte den Himmel aufreißen. "Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei. Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken." Wie kann eine junge Frau solche Sätze sprechen, zumal sie zuvor fröhlich ihre Tochter von der Kinderkrippe abgeholt hat? Es ist Schauspielerei, Technik. Doch kriechen in jede Rolle auch Momente des Lebens. Bisher wurde Christiane Paul von Publikum und Kritik für ihre eher unbekümmerten Mädchenrollen geliebt. "Oh nein", sagt sie, "da haben Sie nicht richtig aufgepasst. Es gab auch schon Verzweiflung."
Zuschauer, die gern zu wissen glauben, was ein Blick bedeutet, können sich täuschen. Das Lächeln der Verzweiflung ist verführerisch.
An den Müllertext ist sie frei herangegangen. "Ich habe einfach versucht, diese Worte loszuwerden, sie einfach mal zu sagen." Ulrich Mühe habe ihr geholfen, Sicherheit zu gewinnen. "Es war für mich ein Glück, solch einen Menschen kennenzulernen, so fein und liebevoll, so zurückhaltend." Dafür habe sich der Stress gelohnt, was immer die Kritiker schreiben. "Es ist keine große Rolle, aber mir reicht sie auf jeden Fall. Das muss ich erstmal machen und dann sehen wir weiter."
Egal, was sie schreiben? Christiane Paul, die Perfektionistin, möchte "sein, was ich bin und das so gut wie möglich." So wie Kahn im Tor, "entweder er hält den Ball oder er hält ihn nicht. Meistens hält er ihn."
Die Suppe kommt. Gern würde sie weiter über Fußball reden, und darum tut sie das auch. Sie kennt die Trainer der Bundesliga besser als die Indendanten der deutschen Theater. "Ich finde Augenthaler ja sehr skurril, sagt sie, "dass der Leverkusen wieder hochgebracht hat, ist natürlich toll." Ihre Stimme klingt nun noch tiefer und heiserer als ohnehin, als wäre sie fußballplatzgeschult. Sie stochert mit dem Löffel in der Luft herum, fährt sich mit der freien Hand durchs Haar. Sie, vergleicht den Trainer Otmar Hitzfeld mit ihrem Regisseur Ulrich Mühe, was vielleicht etwas gewagt ist, aber den Theaterbezug herstellt.
Bevor die Schüssel leer ist, landet sie bei Real Madrid. "Beckham, Zidane, der kleine Portugiese, wie heißt der gleich, Figo; so ein Ensemble musst du als Trainer erst einmal zum Klingen bringen." Fußball und Schauspielerei, diese ewige Zweisamkeit. Hertha BSC kommt in ihrer Kurzkritik nicht so gut weg, sie mag Fredi Bobic und Gabor Kiraly, den Torwart, und sie freut sich auf den neuen Trainer Hans Meyer.
Der hat jetzt auch einen Auftrag, um es mal so zu formulieren. Heiner Müller drohte uns gerade etwas aus dem Blickfeld zu geraten.
"Jeder Auftrag trägt die Möglichkeit des Scheiterns in sich", sagt sie, "aber man muss es wenigstens versuchen." Als sie sich mit dem Stoff beschäftigte, sei ihr klar geworden, wie sehr sie eine Idee für ihr Leben, für das Leben überhaupt, vermisse. Als sie Müller las, fühlte sie sich ertappt. "Ich habe gemerkt, wie ich in meinem Mikrokosmos gefangen bin. Mir geht es gut, ich bin materiell ruhig gestellt", sagt sie. Es sei erschreckend, diese Erstarrung um sich herum zu spüren, diese Leere. "Man kann Bestätigung nur noch in sich selbst finden, nicht durch etwas, was darüber hinaus reicht. Wo ist meine Verantwortung für die Gesellschaft, frage ich mich." Sie sagt, sie hätte jetzt gern eine Zigarette. Welche Sorte? Hauptsache Nikotin. Ulrich Mühe habe auch wieder mit dem Rauchen angefangen.
"Ich fürchte mich, Sasportas, vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein." Das schreibt Müller.
"Früher habe ich global gedacht, auch wenn das naiv war, heute bin ich froh, meine eigenen Probleme halbwegs in den Griff zu bekommen." Das sagt die Schauspielerin.
Was soll daran naiv sein, die Welt verbessern zu wollen, da sie sich in keinem guten Zustand befindet.
Christiane Paul stehen verschiedene Wege offen. Sie hat ihr Medizinstudium beendet, ein paar Wochen als Ärztin im Praktikum fehlen ihr noch, um den Beruf ausüben zu dürfen. Die möchte sie so bald wie möglich absolvieren, obwohl sie im Moment nicht weiß, ob sie überhaupt Ärztin sein will. Im vergangenen Jahr arbeitete sie in der Rettungsstelle der Berliner Charité, 24-Stunden-Dienste, das volle Programm und immer die Angst im Nacken, dass etwas schief gehen könnte. "Umweltschutz, Gesundheitspolitik, das würde mich auch interessieren", sagt sie, sie könne sich vorstellen bei Greenpeace zu arbeiten, "aber jetzt spiele ich erstmal." Ihr Freund ist Chirurg, vielleicht wäre eine zweite Arztfamilie Paul für alle in dieser Familie wirklich etwas belastend. Die Gesundheitsreform sei ein so komplexes Thema, sagt Christiane Paul, "das will ich hier gar nicht erörtern."
Im März wird sie dreißig. Ist das ein Problem für Sie? "Wieso, seh ick so aus", fragt sie und gerät kurz ins Berlinern, das sie ansonsten elegant versteckt. Was für Rollen erwartet sie künftig? "Ich will gar nicht mehr diese jungen Mädchen spielen, das ist nicht in meinem Sinne. Ich will Filme, in denen es um etwas geht, die Dinge des Lebens, um es mal mit Claude Sautet zu sagen."
Es ist schwer, etwas gegen Christiane Paul zu sagen. Soll sie ihre schlechten Seiten selbst benennen. "Ich bin unflexibel, engstirnig und kompliziert." Der schlimmste Charakterzug? "Aggressivität. Ich habe mal einen Drucker zertreten, der nicht funktionierte." Manchmal ist sie eben doch Oliver Kahn.
"Ich finde Augenthaler ja sehr skurril, dass der Leverkusen wieder hochgebracht hat, ist natürlich toll. " Christiane Paul.
BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER "Ich verliere zunehmend an Gewicht" - Christiane Paul vor der Probe des Heiner-Müller-Stücks "Der Auftrag".