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Auf der Suche nach der kosmischen Farbe

Das Collegium Hungaricum erinnert an den Maler Béla Veszelszky

Sebastian Preuss

Diese Ausstellung bietet eine Entdeckung, die wirklich einer kleinen Sensation gleichkommt. In Deutschland war Béla Veszelszky erst einmal in einer Gruppenausstellung in Passau zu sehen, aber auch in Ungarn ist er nur guten Kennern der dortigen Nachkriegs-Avantgarde bekannt. Nun unternahm das Collegium Hungaricum, Ungarns Kulturinstitut in Berlin, große Anstrengungen, um Veszelszkys faszinierendes Werk überhaupt erstmals im Westen in einer Retrospektive zu zeigen.

Veszelszky, der 1977 im Alter von 71 Jahren in seiner Heimatstadt Budapest starb, war ein wahrer Nonkonformist, der nicht ein einziges Mal die Grundsätze seiner Kunst antastete und bereit war, dafür die ärmlichsten Lebensumstände in Kauf zu nehmen. Er selber hat überhaupt nur eine Einzelausstellung, in einer Budapester Privatwohnung, erlebt. Nach seinem Tod erwarben verschiedene ungarische Museen Werke, und 1997 richtete die Budapester Kunsthalle erstmals den Blick eines größeren Publikums auf diesen verkannten Künstler.

Dem Berliner Publikum ist seit langem klar, dass in Ungarn trotz aller Repressalien bereits in den Sechzigern eine vitale Experimentalkunst blühte, wie es sie etwa in der Sowjetunion oder der DDR nicht gab. In Ost-Berlin zeigte das Ungarische Institut manche dieser Ansätze, in West-Berlin verfolgte Dieter Honisch, Direktor der Nationalgalerie, intensiv diese Szene. Veszelszky war aber bislang noch nie zu sehen. Man darf sich also getrost die Augen reiben über eine ungeheure malerische Freiheit, die dieser Künstler einem widrigen Leben abtrotzte.

Seine eindrucksvollsten Bilder - die getupften Kompositionen der sechziger Jahre - sind so zart und luftig, zugleich so verdichtet, dass man sie im Zeitungsdruck gar nicht wiedergeben kann. Aus der Vorkriegszeit ist kaum etwas bekannt. Ein schemenhafter Flügelmensch von 1929/30, mit fast fernöstlicher Durchdringung aufs Papier getuscht, verrät bereits die besessene Suche nach Ganzheitlichkeit und Universalität. In den dreißiger Jahren scheitern Versuche, sich in Wien oder Berlin anzusiedeln. 1944 verbrennen fast alle Bilder, die zunehmend unter dem Einfluss der gnostischen Philosophie standen.

Nach diesem Trauma beginnt er erst 1953 wieder zu malen. Von seiner Wohnung aus beobachtet er monatelang die Landschaft, zerlegt sie in Achsen und verdichtet diese Koordinaten auf der Leinwand in einem Meer farbiger Punkte, Tupfer, Schlieren und Strichelchen. Diese Bilder sind zur äußersten Abstraktion getrieben, aber keinesfalls gegenstandslos. Das Universum scheint in ihnen zu strahlen. Veszelszky analysierte die Natur auf malerische Weise in ihre kleinsten Einheiten. Mehr als dem strengen Verfahren der Pointillisten fühlte er sich den Farbströmen van Goghs verwandt, die er atomisierte und in monatelanger Arbeit, wie von Magneten gesteuert, zerstreute.

1956 begann Veszelszky, vor seinem Haus ein Grube zu graben, um ungestört den Himmel und die Sterne beobachten zu können. Als junge Ungarn in den sechziger Jahren die amerikanische Land Art aufgriffen, erblickten sie in diesem eigentümlichen Erdloch einen Vorläufer ihrer Interessen. Veszelszky - kompromisslos, wie er war - hörte schlagartig mit seinen Landschaftsanalysen auf, als ein Fabrikschornstein, der ihm als zentrale Blickachse diente, gesprengt wurde. Fortan legte er das eigene Antlitz seinen Farbmeeren zu Grunde. Erst kurz vor dem Tod ist es, wie der Christus-Abdruck im Turiner Leichentuch, mit dünnen Linien wirklich sichtbar. Vieles in dieser Kunst bleibt unaussprechlich.

Meister des Transzendenten // Béla Veszelszky wurde 1905 in Budapest geboren. Dort studierte er in den Zwanzigern an der Kunsthochschule. 1929 kam er mit dem gnostischen Kreis Ungarns in Berührung, der ihn zeitlebens beeinflusste. Eher schlecht schlug er sich als Zeichenlehrer durch. Der Versuch, sich in Wien oder Berlin anzusiedeln, scheiterte aus finanzieller Not. Trotz großer Armut lebte er seit 1956 nur noch für seine Kunst. 1977 starb er.

Die Ausstellung im Collegium Hungaricum in Berlin, Karl-Liebknecht-Straße 9, läuft noch bis zum 30. Januar, geöffnet Mo-Fr 9-17 Uhr. Der Katalog kostet zwölf Euro.

COLLEGIUM HUNGARICUM Die Materie nur ein Schemen: spätes Selbstporträt von Veszelszky (1976).