Nun ist es vollbracht. Die Schlacht ist geschlagen. Der Schmerz ist gestillt und die Wunde geheilt. Die Welt ist gerettet, im Staub kniet die Menschheit vor ihrem König. Erlöst.
Natürlich erschrickt man hier manchmal auch über sich selbst. Über die maßlose Ergriffenheit, die dieser Film in einem entfacht. Über die stundenlange staunende Starre des Blicks. Den erhabenen Schauer der mitleidenden Furcht. Darüber, wie die Gewalt dieser auf den Betrachter niederrauschenden Flut noch den kleinsten Gedanken, noch den zartesten Wunsch nach distanzierender Reflexion widerstandslos niederspült. Ist das Ganze die Erregung wert? Es ist ja doch nur ein Fantasy-Film.
Und dennoch. Die Bilder sind einfach zu schön. Zu schön und zu rauschhaft und zu nahe an dem, was das Kino uns schon immer versprochen hat: an der reinen wortlos werdenden Freude am Schauen, der widerstandslosen Identifikation des Betrachters mit dem eigenen Auge, seinen Bedürfnissen, seiner Erregbarkeit, seiner Lust. Wessen Blick vor dieser maßlosen Bilderverschwendung, die Peter Jackson hier über uns kommen lässt, nicht in Freude und Dankbarkeit zittert; wer wenigstens die finalen zwei Stunden dieses waffenklirrenden, burgenschleifenden, vulkanesprengenden Schlachtengemäldes nicht atemlos und mit rasendem Herzen verbringt, der hat keinen Sinn für das Kino: für die Erotik des Sehens; für die elementaren Wünsche und Lüste, die die bewegten Bilder uns stiften.
"Die Rückkehr des Königs" ist ein Film großer Gnade; durchweg gnadenlos dabei gegen die Wesen, die er ins letzte Getümmel entlässt. Das gilt für die Guten: so für den vom Wahnsinn gebeutelten Frodo, der auf seinem Leidensweg ins Land Mordor beinahe noch blutumspült an sich selber zerbricht. Zuerst und zuletzt gilt es jedoch für die Bösen: für die bis zum Ende hordenweise dahingemetzelten Diener der Finsternis. Für die struppigen Werwargs und die Echsen der Lüfte, für die grässlichen Olifanten aus dem wilden Südland und ihre wüst bekriegsmalten Lenker. Und für jeden einzelnen von den abertausenden ledrig verhutzelten, mit Scharten und Schründen und Höckern und Hubbeln ohnehin schon so schicksalsgeschlagenen Orks; für jedes von diesen in ihrer abgrundtiefen Bosartigkeit doch so überaus liebenswürdigen, von ihrem Schöpfer so gütig-beseelt zurechtgezauselten Wesen. Unterschiedslos rennen sie in den Tod.
Stundenlang betrachtet man sie beim Sterben: mal sterben sie von nah, mal von fern. Ein Ozean des Verderbens, eine gewaltige Brandung gegen die letzten Trutzburgen der um ihr Leben zitternden Menschen. Man sieht sie von den höchsten Höhen der Welt, von den wagemutigst gemeißelten Märchenschlosszinnen oder den eisumwehten Gipfeln der Berge; man sieht sie aus der nächsten Nähe, wenn die Kamera hastig verwackelt ins Getümmel der Schlachten eintaucht.
In der "Rückkehr des Königs", und darin unterscheidet der Film sich am deutlichsten von seinen beiden Vorgängern, hat Peter Jackson die Kamera endgültig von den Lasten des Körpers befreit - und die Bilder der Angst umso tiefer ins körperlos Unbewusste verstrickt. Man sehe das Gewusel und Gewimmel des Bösen; man sehe die Szene, wie Frodo im Schicksalsgebirge von der grässlichen Bergspinne Kankra gefangen und in einen klebrigen Kokon gehüllt wird: wie das Schneewittchengesicht des endlos gepeinigten Halblings sich langsam aller Blüte und allen Blutes entleert; wie sein verlöschender Blick den hochaufragenden haarigen Körper des Monsters im leichenfahlen Mondschein erahnt. Da sieht man dann nicht nur Bosch und Böcklin, die typischen Paten der Fantasy-Kunst, sondern de Chirico und Max Ernst: Bilder, die direkt aufs Archaische zielen, aufs Unbewusste und die Überreizungen des Traums; hier gräbt sich die Genre-fantasie unmittelbar ins Reale des Allerältesten ein.
Jedes Heldentum, das dieser Film feiert, rührt aus der Überwindung der Angst. Jede Fantasie der Angst, das er uns schenkt, rührt aus dem Sieg der innersten Bilder über die Hemmungen der Realität. Bei aller technischen Perfektion der Effekte schimmern stets noch die flüchtigen Skizzen hindurch, in denen der Regisseur erstmals um Bilder rang; das tief-nach-innen-Geblickte des einsamen Schöpfers. Wie Tolkien aus dem Schreibstuben-Autismus des Philologen den unendlichen Reichtum seiner Welten erfand, hat Peter Jackson aus dem, was als Illustration hätte enden können, eine Fantasie von universaler Geltung erschaffen. Die Realität unserer Wünsche.
Darum sind diese Filme so gut, darum ist ihr Abschluss so triumphal: Weil es zwischen der globalisierten Öffentlichkeit, auf die sie zielen, und den intimsten Fantasien ihres Schöpfers keinen Widerspruch gibt. Das ist ein seltenes, sonderbares Gefühl: dass ein Film seine Zuschauer so widerstandslos als gläubige Gemeinschaft versammelt. Ohne Demut geht es dabei freilich nicht; wie jeder Glaube, unter dem Menschen sich finden, duldet auch dieser keinen Verstand.
Die Rückkehr des Königs // Der Herr der Ringe - Teil 3.
USA/Neuseeland 2003.
Regie Peter Jackson, Drehbuch Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson nach dem Roman von J. R. R. Tolkien.
Kamera Andrew Lesnie, Visuelle Effekte Jim Rygiel, Konzeptkunst Alan Lee, John Howe, Kreaturen und Miniaturen, Rüstungen und Make-Ups Richard Taylor Produktionsdesign Grant Major, Darsteller Elijah Wood (Frodo Beutlin), Ian McKellen (Gandalf/ Mithrandir), Liv Tyler (Arwen Undómiel), Viggo Mortenson (Aragorn/Elessar), Hugo Weaving (Elrond), Cate Blanchett (Galadriel), Sean Astin (Samweis Gamdschie), John Rhys-Davis (Gimli), Bernard Hill (Théoden von Rohan), Orlando Bloom (Legolas), John Noble (Denethor), Andy Serkis (Gollum/Sméagol) u. a.
Ab heute in den Kinos.
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