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Zauber der Schlaflosigkeit

Nagib Machfus Roman "Der Rausch" erscheint in deutscher Übersetzung

Catherine Newmark

Kairo, Anfang der 1960er-Jahre. Omar al-Hamzawi gehört zur privilegierten akademischen Schicht, welche es nach Nassers Revolution von 1952 zu Wohlstand gebracht hat. Das Glück lacht ihm in Form der "gesunden Beleibtheit" seiner Ehefrau Zainab, Gefährtin seines sozialen Aufstiegs und Mutter seiner beiden Töchter. Seine Anwaltskanzlei hat ihn reich und berühmt gemacht, seine Jugendfreunde sind gleichfalls erfolgsverwöhnte Ärzte oder Journalisten geworden.

Und doch: Omar al-Hamzawi ekelt sich vor seinem Leben, seinem Beruf, selbst vor seiner Frau. Er sucht einen Arzt auf, aber es fehlt ihm nichts. Er macht Diät, er treibt Sport. Er stürzt sich ins Nachtleben, er beginnt eine Affäre, multipliziert die Liebschaften. Es hilft nichts. Scheint es sich zu Beginn des Romans um eine relativ banale Midlife-Crisis zu handeln, so verdichtet sich das Unbehagen des Protagonisten im Verlauf der Erzählung zur beinahe metaphysischen Verzweiflung an einer ganzen Epoche.

Nagib Machfus, hat 1988 als bislang einziger arabischsprachiger Schriftsteller den Literaturnobelpreis erhalten. Sein Roman "Der Rausch", entstand 1965, nach mehr als einer Dekade Nasser-Sozialismus, und ist im Tonfall der Ernüchterung geschrieben. Die Hauptfigur Omar al-Hamzawi krankt an weit mehr als Überdruss oder Fettleibigkeit. Sein Leiden ist unheilbar, weil es an die Lebenserfahrung seiner Generation gebunden ist, welche ihren sozialen Aufstieg mit Anpassung und vor allem mit Angst bezahlt. Die jugendlichen Ambitionen und Ideale wurden verdrängt, aber sie kehren wieder, nicht zuletzt in Gestalt des Studienfreundes Osman, der dafür fast 20 Jahre im Gefängnis saß. Die Angst vor der Vergangenheit ist nicht nur psychisch, sie ist real.

Im arabischen Original heißt das Buch "Der Bettler", aber der deutsche Titel "Der Rausch" ist nachvollziehbar. Ist der doch eines der zentralen Motive von Al-Hamzawis Sinnsuche, an deren Ende er in seiner vielleicht reinsten Form steht, dem Wahnsinn. Wirkt Machfus Sprache zu Beginn allzu nüchtern, steigert sie sich parallel zur verzweiflungsgetriebenen Handlung zur eindringlichen Poesie.

Und wiewohl der Protagonist seinen jugendlichen Ehrgeiz, Dichter zu sein, verlacht, so ist doch vor allem die Poesie das Verdrängte, das ihn nun heimsucht. Verzweifelt sucht er in seinen Liebesbeziehungen diesen Rausch der Jugend wiederzugewinnen, der einen auch "beim kreativen Schaffen überfällt". Das ist zum Scheitern verurteilt, aber: "Was ist schöner, als in einer herrlichen Herbstnacht zu lügen?" Machfus Abrechnung mit den Lebenslügen einer Generation ist auch eine Liebeserklärung an diese Generation; das gleiche gilt für seine Abrechnung mit der Poesie.

Nagib Machfus: Der Rausch. Aus dem Arabischen von Doris Kilias. Unionsverlag, Zürich 2003. 192 S. , 16,90 Euro.