Nachdem die Kunst der DDR die Besuchermassen in die Nationalgalerie gezogen und auf eine Moderne jenseits der "Weltsprache" der Abstraktion aufmerksam gemacht hat, vollzieht das Haus nun einen Sprung zurück über den Eisernen Vorhang. Nach der Ostkunst wird ein wichtiges Kapitel der Westkunst aufgeschlagen: die wilden, farbstarken Maler des Art Brut, die expressiven ikonografischen Knäuel der Gruppe "Cobra", überhaupt alle möglichen Spielarten der gestischen, mit großen Emotionen aufgeladenen Kunst.
Möglich ist dieser Auftritt dank des Münchner Galeristen Otto van de Loo, der vor elf Jahren 55 Werke an die Nationalgalerie schenkte. Das Museum wurde damit auf einen Schlag zu einer ersten Adresse für die "Cobra"-Maler, ihr Umfeld und ihre Nachfolger. Der damalige Kultursenator Ulrich Roloff-Momin dankte es dem Mäzen wenig, ignorierte ihn bei einem öffentlichen Sammlerlob und vereitelte dadurch eine weitere Schenkung van de Loos. Stattdessen gab dieser 1997 148 Bilder an die Kunsthalle in Emden, die der Verleger Henri Nannen am Ende seines Lebens bauen ließ. Erstmals sind nun beide Schenkungen vereint zu sehen.
Man übertreibt nicht, wenn man den 79-jährigen Otto van de Loo eine Legende der bundesrepublikanischen Nachkriegskunst nennt. Er blieb zeitlebens geprägt von den ersten Kunsterlebnissen nach der überstandenen Nazizeit, als er der Moderne begegnete, die nach dem Bildersturm der "Entarteten Kunst" Schritt für Schritt wieder gezeigt wurde. 1957 gründete er seine Galerie in München, wo ihn der ältere Händler Otto Stangl, obgleich selber vom Aufbruchsgeist nach 1945 durchdrungen, wenig begeistert empfing: "Was wollen Sie denn um Gottes willen? Wir haben doch schon drei Galerien in München."
Obwohl er 40 Jahre lang, bis 1997, in München seinen Handel betrieb und von dort aus zu einem international angesehenen Galeristen aufstieg, hat van de Loo zu viele negative Erinnerungen an die Stadt, um ihr ebenfalls einen Teil seiner Sammlung zu überlassen: "Die haben es nicht verdient", sagt er unversöhnlich und berichtet von unzähligen Anfeindungen und höhnischen Kommentaren zu seinen Künstlern, die allesamt das Raue, oft Ungehobelte und Primitive suchten, sich zu archaischer Wucht oder derber Verinnerlichung steigerten. Ein Tiefpunkt Münchens, das seit dem 19. Jahrhundert so viel auf seinen Ruf als "Kunststadt" hielt, war 1962 der Prozess des Sittendezernats gegen die radikal-antibürgerlichen Polemiken der Künstlergruppe "Spur".
In Berlin, mit dem er sich längst wieder versöhnt hat, und in Emden, wo Eske Nannen seit dem Tod ihres Mannes mit Geschick waltet, fühlt sich van de Loo daher mit seiner Sammlung viel besser aufgehoben. Immerhin wird die Ausstellung im nächsten Jahr auch in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen sein, und die dortige Chefin Carla Schulz-Hoffmann legt im Katalog den Finger in die Wunde jener reaktionären Ausfälle, die in der Nachkriegszeit das sich gerne so heiter gebende Kunstleben der Stadt verdüsterten.
Das Berliner Publikum indessen darf sich jetzt, nachdem die Schenkung bereits 1992 und 1998 gezeigt wurde, erneut von den pathetischen Farbströmen von Asger Jorn, Carl-Henning Pedersen, Pierre Alechinsky, Karel Appel und Constant mitreißen lassen, die 1948 die dänisch-belgisch-niederländische Gruppe "Cobra" gegründet hatten. Die Ausstellung führt zurück in eine tief moralische Kunstwelt, wo die Maler ihre Emotionen förmlich auf die Leinwand schleuderten und fantastische Bildfindungen in den Sturm entfesselter Kompositionen hängten. Sie verwarfen die damals so populären Gedankenspiele der konstruktiven Abstraktion und auch die Spiritualität der informellen Schulen. Der in den fünfziger Jahren so zelebrierte Gegensatz zwischen Figuration und Abstraktion interessierte sie gleichfalls nicht. Es ging ihnen um eine unmittelbare, durch nichts gezähmte Triebentladung, um eine Rückkehr zu infantilen, primitivistischen Formen.
Eindrucksvoll ist, wie van de Loo bis in die neunziger Jahre diesem Weg treu blieb. Alle seine Künstler lassen sich in irgendeiner Weise mit dem erdschweren Pathos der "Cobra"-Maler in Verbindung bringen: der Art-Brut-Vorreiter Jean Dubuffet, die skripturalen Gebilde von Henri Michaux, Arnulf Rainers düstere Übermalungen, die respektlosen Apokalypsen der Münchner "Spur"-Gruppe bis hin zu den expressiv-endzeitlichen Visionen Miriam Cahns oder Max Neumanns.
In seinem ersten Katalog formulierte van de Loo das Ziel, fortan nur Werke zu zeigen "von denen ich annehmen darf, dass sie zum festen Bestand unserer Epoche gehören". Das ist ihm gelungen.
Die alten Wilden // Otto van de Loo wurde 1924 in Witten geboren. 1957 gründete er in München eine Galerie, die er bis 1997 betrieb. Zu seinen Künstlern gehörten neben den Gruppen "Cobra" und "Spur": Roberto Matta, Antonio Saura, Antoni Tàpies, Arnulf Reiner, Wolf Vostell, Henri Michaux.
Die Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie läuft bis 11. Januar. Di-Fr 10-18, Do bis 22, Sa/So 11-18 Uhr. Der Katalog kostet 24,90 Euro.
NEUE NATIONALGALERIE Als Asger Jorn im Jahr 1947 "Garden of Innocence" malte, deutete sich sein später so heftiger Stil bereits an.