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Die Wirklichkeit macht traurig

Heute wird der iranische Regisseur Abbas Kiarostami mit dem Konrad-Wolf-Preis der AdK geehrt

Martina Doering, Anke Westphal

Herr Kiarostami, Sie gehören zu den zeitgenössischen Regisseuren, deren Filme am häufigsten ausgezeichnet wurden, nun mit dem Konrad-Wolf-Preis der Akademie der Künste für herausragende Leistungen in der Film-und Medienkunst. Hatten Sie Gelegenheit, das Werk Konrad Wolfs kennen zu lernen?

Ich werde zum ersten Mal in Deutschland mit einem Preis ausgezeichnet. Dass es gerade dieser Preis ist, ehrt mich sehr, denn ich habe viele Filme von Konrad Wolf gesehen und schätze seine Kunst tiefster Menschlichkeit sehr. Ich habe aber keine Ahnung, ob meine Filme in Deutschland überhaupt bekannt sind.

Aber ja: "Der Wind wird uns tragen", "Der Geschmack der Kirsche", "Quer durch den Olivenhain" und auch Ihr neuer Film "Ten" werden hier zu Lande außerordentlich geschätzt - ebenso wie Ihre Arbeit als Fotograf. Überhaupt genießen iranische Filme, etwa die der Makhmalbafs, in Europa und den USA große Aufmerksamkeit. Finden Sie es da nicht absurd, dass der Islam, der ja die kulturelle Grundlage dieser Filme bildet, vom Westen so attackiert wird?

Da Politiker nun einmal Machtmenschen sind, versuchen sie immer, die Kulturen voneinander zu trennen und dadurch die Völker voneinander zu entfernen. Auf den daraus resultierenden Konflikten bauen sie ihre Macht auf. Politiker profitieren also von den Unterschieden zwischen den Menschen, und sie führen Kriege, um diese Unterschiede zu vertiefen und zu repräsentieren. Plötzlich interessiert sich dann die ganze Welt dafür, was in einem abgelegenen Land geschieht: erst in Afghanistan, jetzt im Irak.

Künstler müssen ein anderes Ziel haben. Sie müssen mit ihren Werken die Annäherung und damit die interkulturelle Verständigung fördern. - Die unterschiedlichen Ziele führen natürlich zu einem ständigen Machtkampf zwischen Politikern und Künstlern. Ein ewiges Spiel ist das, für mich wie Zucker im Kaffee. Ich führe diesen Kampf gern.

Braucht man immer erst einen Krieg, um die kulturellen Verständigung anzuregen?

Leider ist es zur Zeit so. Ich sehe keine andere Möglichkeit. Diese Entwicklungen sind ja keine Option, für die man sich entscheiden kann oder nicht. Nehmen Sie mein Beispiel: ich begann mit dem Filmemachen schon zehn Jahre vor der iranischen Revolution von 1979. Das iranische Kino hat eine hundertjährige Geschichte; es ist so alt wie das Medium selbst. Die Leute sind nach der Revolution in die Kinos gekommen, um meine Filme zu sehen; vorher kannten sie mich nicht. Jetzt sind meine Filme im Iran schon wieder seit sieben Jahren verboten.

Sie sprechen selbst an, dass im Iran schwierigere Zeiten für kritische Künstler angebrochen sind. Wie haben sich Ihre Arbeitsbedingungen verändert?

Die derzeitige Stagnation im Iran erfordert von mir ein sehr viel konzentrierteres Arbeiten. Tatsache ist: Je schwieriger sich die politische Lage entwickelt, desto intensiver wird das künstlerische Schaffen. Die Arbeit gestaltet sich zudem viel interessanter, weil man als Künstler verstärkt nach ästhetischen Auswegen suchen muss. Nach Antworten auf die Fragen der Zeit.

Dass politischer Druck die künstlerische Arbeit verbessert, ist keine besonders populäre Ansicht.

Es ist meine Ansicht.

Ihre filmischen Antworten sind oft metaphorisch. Sie sind für Ihre Politik der Poesie berühmt und feiern nicht selten Augenblicke reiner Immanenz: wie den Anblick roter Kirschen. Wie schätzen Sie die Wirkungsmacht des Kinos ein?

Gab es mal jemanden, der behauptet hat, dass die Sprache des Kinos nicht poetisch sein darf? Es gibt dieser Tage leider nur zwei Sorten Kino: US-Großproduktionen und poetische Filme. Mit Preisen gekrönt werden aber immer die letzteren, so dass jetzt auch die Amerikaner angefangen haben, poetische Filme auf die großen Festivals zu schicken. Eben Filme, die mit dem Alltag zu tun haben. Filme, die die Sprache der normalen, durchschnittlichen Menschen und des wirklichen Lebens sprechen.

An iranischen Filmen, aber auch iranischen Liedern, selbst Revolutionssongs fällt uns immer wieder eine tiefe Traurigkeit auf. Ist diese Beobachtung richtig?

Absolut. Die Grundstimmung iranischer Filme und Musik ist tatsächlich traurig - das reflektiert die gesellschaftliche Wirklichkeit. Wir haben einen Krieg und eine Revolution hinter uns. Was uns bevorsteht, wissen wir nicht. Dennoch versuchen die Leute, ihren Alltag zu bewältigen. Die Traurigkeit, die Sie wahrnehmen, erwächst also weniger aus der Religion oder iranischen Kultur als aus den politischen Verhältnissen.

In Ihren Filmen wird so viel Auto gefahren, wie bei keinem anderen Regisseur. "Ten" etwa spielt ganz und gar in einem Taxi. Dennoch kommen Ihre Figuren nicht wirklich vorwärts. Warum?

Für die philosophische Bedeutung des Autos haben wir hier nicht genug Zeit. Deswegen sage ich: Das Auto ist für mich wie ein Büro. Einfach ein Drehort, an dem man Aussagen über den Menschen und die Gesellschaft auf engstem Raum komprimieren kann, weil die Intimität ungeheuer stark ist. Außerdem arbeite ich gern mit fest installierter Kamera: die Hintergründe bewegen sich, aber der Ort bleibt gleich. Denn die Autos in meinen Filmen fahren ja ständig - man ist also unaufhörlich in Bewegung.

Die iranischen Intellektuellen hatten 1997 große Hoffnungen an die Wahl von Mohammed Chatami zum Präsidenten geknüpft. Jetzt scheint das Land wieder in Erstarrung gefallen zu sein. Wissen Sie, wie das iranische Bauern oder Kleinhändler empfinden?

Ich mache keine politischen Filme, sondern gesellschaftliche Filme. Also reflektiere ich in meiner Arbeit nicht über die politische Situation, sondern über die gesellschaftliche. Natürlich gibt es ein Kino, das direkt von politischen Inhalten spricht. Doch das ist ja wie die politischen Programme im Fernsehen, mit Pro und Kontra - es hat für mich keinen Kinowert. Ich mache kein Fernsehen. Das Gesellschaftliche ist natürlich auch politisch; es ist nur nicht parteipolitisch. Wenn man Kino macht, erzählt man nun einmal von Menschen. Denken Sie an "Fahrraddiebe" von Vittorio de Sica! Der Film wurde 1948 gedreht, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber er erzählt nicht von der faschistischen Diktatur, sondern von der Not der Menschen. Sie können sich den Film heute immer noch mit Genuss ansehen.

Die politische Situation bestimmt zwar nicht Ihre Kunst, aber sie definiert die Rahmenbedingungen Ihrer Arbeit. Haben Sie nie mit dem Gedanken gespielt, aus dem Iran wegzugehen?

Ich habe nie daran gedacht, den Iran zu verlassen. Im Iran liegen meine Wurzeln: sie sind ja die Voraussetzungen meiner Kunst. Der Iran ist nun einmal meine Heimat. Und er ist wie eine Mutter, die sehr streng ist, jedenfalls in diesen Zeiten. Aber deswegen bleibt das Land doch meine Mutter. Mit der Strenge muss ich eben umgehen. Das ist eine meiner Lebensaufgaben. Deswegen bleibe ich im Iran.

Das Gespräch führten Martina Doering und Anke Westphal.

"Ich mache keine politischen, sondern gesellschaftliche Filme. " Abbas Kiarostami.

BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Verneigung vor der Kunst: der iranische Filmregisseur und Fotograf Abbas Kiarostami, geboren am 22. 6. 1940 in Teheran.