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Die Kunst und das Leben

Iglus aus Torf und Edelstahl: Der Arte-povera-Künstler Mario Merz ist tot

Ingeborg Ruthe

Mario Merz war zeitlebens ein manischer Iglu-Bauer, und der Kunstmarkt sorgte für deren globalen Vertrieb. Der norditalienische Konzeptkünstler hinterlässt somit zahllose musealisierte Rundbauten, für die das ursprüngliche Haus der Eskimos die Vorlage lieferte. In den Sechzigern hatte Merz zusammen mit Jannis Kounellis, Michelangelo Pistoletto und Giuseppe Penone die spezifisch italienische Kunstrichtung der Arte povera begündet. Die Vertreter dieser "armen" oder "rohen" Kunst arbeiteten bewusst mit Alltags-Materialien und in deutlicher Anti-Ästhetik auf eine Verbindung von Kunst und Leben hin. Nun wurde bekannt, dass der gebürtige Mailänder am Sonntag in Turin einem Herzinfarkt erlegen ist. Er wurde 78 Jahre alt.

Merz hat seine Eskimo-Häuser nie aus Schnee und Eis geformt, sondern aus Lehm und sandgefüllten Jutesäcken, aus Reisig und Schiefer, aus Polyester und Glas, aus Torf und Heu. Eine archaische, scheinbar versunkene Welt hat er auf seine Weise in die Moderne gerettet. Dafür räumte ihm das Guggenheim-Museum in New York 1989 die Säle aus. Dutzende Iglus wuchsen aus dem Parkett, und die Kunstkritik attestierte Merz - ganz ähnlich wie schon Beuys - etwas Schamanisches, präsentierte er doch mit den Iglus und anderen symbolschweren Installationen das Dilemma des Fetischs - als Ding, das eine Kraft in sich trägt, aber ohne seinen Hüter nichts bedeutet. Fast zum Skandal wuchs sich 1992 Merz Objekt "Zugvögel" für den Züricher Hauptbahnhof aus. Der Italiener hatte ausgestopfte Vögel an den Bahnhofsdecken und -Fenstern angebracht, aber dieser Arte-povera-Naturalismus machte die Bahnhofstauben aggressiv; sie flogen Angriffe auf ihre präparierten Verwandten, und so mussten diese durch Plastikvögel ersetzt werden.

Schon 1945 war Kunst für Mario Merz zum "Überlebensmittel" geworden: Der einstige Medizinstudent, damals Mitglied einer antifaschistischen Widerstands-Gruppe, wurde von den deutschen Besatzern eingesperrt, er begann im Gefängnis zu zeichnen. In seinen frühen Ausstellungen nach Kriegsende verwirrte er das Publikum mit Heuhaufen oder Regenschirmen, von Neonröhren als "Energieträger" durchbohrt. Die in der Regelmäßigkeit der Natur als strukturelle Energie oft zu entdeckende Fibonacci-Zahlenreihe, mit der er sich auf den Mathematiker Leonardo von Pisa bezog, wurde Merz ab 1970 zum Kunstrezept. Spirale und Iglu übertrugen dieses Zahlengesetz in plastische Dimensionen. Merz schuf jeweils einen äußeren Raum, der sich in seinem Maß auf einen inneren Raum bezieht.

Auch im Hamburger Bahnhof Berlin steht ein Iglu, als Dauerleihgabe des Sammlers Erich Marx. Es ist sozusagen eins für gehobene Ansprüche, denn es wurde 1987 aus Edelstahlstreben und Glas zusammengefügt, auf dem die Fibonacci-Neonzahlen leuchten. Die durchsichtige Kuppel assoziierte Mario Merz seinerzeit mit dem menschlichen Gehirn und dessen Denkfähigkeit. Ein 25 Meter langer Metalltisch durchstößt den Iglu, am Ende ist ein Wasserhahn montiert, das Wasser tropft in einen Blecheimer - als Geräusch von Leben.

KATALOG TATE MODERN, LONDON Mario Merz: "Iglu mit Baum", 1969.