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Zu viel gespart

ARD und ZDF kassieren mehr Gebühren, das Deutschlandradio soll abgeben. Warum eigentlich?

Manuel J. Hartung

Beim Deutschlandfunk in Köln beginnt der Bildungsauftrag neuerdings auf dem Klo: Seit mehrere Etagen des Funkhauses am Raderberggürtel saniert wurden, prangen dort nicht etwa stilisierte Männlein und Weiblein auf den Toilettentüren, sondern kluge Worte: die Lexikon-Definitionen von "Mann" und "Frau".

Das mag eine Äußerlichkeit sein, doch sie sagt viel über den Anspruch des Senders. Das Deutschlandradio mit den beiden Wellen Deutschlandfunk (Information) und Deutschlandradio Berlin (Kultur), 1994 hervorgegangen aus Rias, DS-Kultur und Deutschlandfunk, ist wohl das lupenreinste öffentlich-rechtliche Programm der Republik: mit einem hohen Wortanteil, viel Information, E-Musik. Werbung gibt es nicht, dafür journalistisch Anspruchsvolles in rascher Folge: Interviews, Hintergrundsendungen, Features, auch zu wenig beachteten Themen. Als sich der "Spiegel" kürzlich fragte, wo die Rundfunkgebühren versickerten, "wenn doch offenkundig nicht in Inhalten" - das Deutschlandradio kann mit dieser Kritik nicht gemeint sein.

Einen Standort aufgeben

Doch nun soll ausgerechnet das Deutschlandradio sparen - wenn es nach dem Willen der KEF geht, der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der öffentlich-rechtlichen Sender. Die hat Anfang Oktober vorgeschlagen, dass die Rundfunkgebühren von 2005 an um 1,07 Euro steigen sollen: ARD und ZDF bekommen alles; das Deutschlandradio soll noch drei Cent pro Gebührenzahler abgeben (siehe Grafik). Das macht 15 Millionen Euro im Jahr. Bei einem Etat von 200 Millionen tut das weh.

Heute verhandeln nun die Intendanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Mainz mit Vertretern der KEF, auch das Deutschlandradio ist dabei. "Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen", sagt Gerda Hollunder, die Programmdirektorin von Deutschlandradio Berlin, "aber die ganz große Wende ist nicht realistisch." Dabei hatte das Deutschlandradio anfangs sogar mehr Geld verlangt - um etwa das Rundfunkorchester in der Provinz spielen zu lassen oder mit Veranstaltungen vor Ort "noch mehr Erdung zu bekommen", wie Hollunder sagt.

Die KEF fordert dagegen, erst einmal die eigenen Rücklagen in Millionenhöhe aufzubrauchen; die stecken aber im Investitionshaushalt des Senders und sind eigent- lich für neue UKW-Frequenzen bestimmt. Denn obgleich unlängst die 250. Sendestation mit Tamtam eingeweiht wurde, sind die beiden Programme längst nicht flächendeckend zu empfangen. Ihr Sender habe das Geld einfach nicht schnell genug ausgegeben, ärgert sich Hollunder. Den KEF-Vorstoß findet die Programmdirektorin daher nicht gerecht: "Die KEF hat sich verheddert." Das Deutschlandradio brauche das Geld für die Technik - bei einem gestutzten Budget bleibe weniger für das Programm übrig. "Das ist doch nicht plausibel."

Die Finanzprüfer von der KEF können sich dagegen offenbar vorstellen, dass das Deutschlandradio einen seiner beiden Sitze, Köln oder Berlin, aufgibt. Dann wäre es nicht mehr weit bis zu der Frage, ob es überhaupt zwei bundesweite Programme geben muss - oder ob nicht einer ausreicht. Die Hörer - Gebildete, Entscheider - sind ohnehin ähnlich. Infrage gestellt würde zuerst das Deutschlandradio Berlin. Die Welle hat zwei Millionen regelmäßige Hörer - der Deutschlandfunk dreimal so viel. Zwar hat auch Deutschlandradio Berlin in den vergangenen Jahren Hörergewinne verzeichnet, "aber dass man sich etwas mehr wünscht, steht auf einem anderen Blatt", sagt Hollunder. Der 1994 gestartete Kulturfunk sei "ein No-name-Produkt gewesen, während der Deutschlandfunk in vierzig Jahren etabliert ist". An ein Aus für den Berliner Sender sei aber aus einem juristischen Grund nicht zu denken, sagt Gerda Hollunder: Beide Programme seien im Staatsvertrag festgeschrieben. Den Vertrag zu ändern sei schwierig. "Wir sind im politischen Bereich aber sehr gut verankert."

Viel Geld für Werbung

Das Deutschlandradio Berlin hat nun eine große Werbekampagne gestartet - für mehr Hörer und "stärkere Marktpenetration", wie Hollunder formuliert. "Über dich. Über ich. Überall", prangt es etwas kryptisch in Anzeigen, die in mehreren Zeitungen erschienen sind. "Wir brauchen sehr viel mehr Werbung", findet Gerda Hollunder. Viele Hörer hielten Deutschlandradio Berlin für einen regionalen Sender. Der Zusatz Berlin "erweist sich als Bürde", so Hollunder. Diese Reklame- Aktion ist dem Sender immerhin 450 000 Euro wert.

Möglicherweise spart das Deutschlandradio dafür den Job von Gerda Hollunder ein; die 63- jährige Programmdirektorin geht Ende April in den Ruhestand. Im Gespräch ist, dass ihr Pendant vom Deutschlandfunk ihre Aufgabe gleich mit übernimmt. Hollunder: "Das wird juristisch geprüft." Ein erster Schritt. In welche Richtung auch immer.

Vorschlag: 17,22 Euro ab 2005 // Die Gebührenkommission KEF hat eine Erhöhung der Rundfunkgebühren von 1,07 Euro ab 2005 vorgeschlagen. Der Monatsbetrag würde dann 17,22 Euro betragen. Wie die Summe aufgeteilt wird, zeigt die unten stehende Tabelle: ARD und ZDF bekämen mehr, das Deutschlandradio und die Medienanstalten weniger als bisher.

Vorgesehene Aufteilung der Rundfunkgebühren in Euro.

alt neu.

ARD 11,42 12,07 (+0,65).

ZDF 4,01 4,46 (+0,45).

Dtl. Radio 0,40 0,37 (-0,03).

Medien-Anstalten 0,32 0,32 ( 0,00).

Gesamt 16,15 17,22.

DEUTSCHLANDRADIO BERLIN Wo können wir sparen? Das fragt man sich im Funkhaus des Deutschlandradios Berlin am Hans-Rosenthal-Platz.

DEUTSCHLANDRADIO BERLIN Gerda Hollunder, Programmdirektorin DeutschlandRadio Berlin