BONN, 28. Oktober. Eine goldene Turmspitze blitzt aus der Ferne zwischen den Lagerhallen hervor. Zunächst wirkt das wie eine Fata Morgana im Gewerbegebiet Pennenfeld im Süden von Bonn. Doch einige hundert Meter vom Bahnhof entfernt, wenn man Supermärkte, Autohäuser, Werkhallen und kleine Gaststätten hinter sich gelassen hat, erhebt sich ein hellgraues, schlankes Minarett in den Himmel. Das Dach aus Blattgold funkelt matt.
Es ist so etwas wie der Leuchtturm der König-Fahd-Akademie. Quadratische Zinnen säumen die Firste, eine gläserne Kuppel ragt aus dem achteckigen Hauptgebäude hervor. Panoramafenster laufen in geschwungenen Linien nach oben zu und sind mit aufwändigen Ornamenten verziert. Das Gebäude ist eine architektonische Attraktion im Ortsteil Lannesdorf von Bonn-Bad Godesberg.
Vor allem aber ist die König-Fahd-Akademie jetzt eine Art Politikum. Ein Ort, der für viel Aufregung sorgt, für Untersuchungen durch Polizei und Verfassungsschutz und letztlich auch durch die Schulaufsichtsbehörde. Alles begann vor drei Wochen. Journalisten eines Fernsehmagazins filmten in der Schule für Arabisch sprechende Kinder heimlich einen Lehrer, der im Gebetsraum zum "Dschihad", zum Heiligen Krieg aufrief. Die Schule untersagte später dem Lehrer die Unterrichtstätigkeit - doch es blieb ein Verdacht.
Die Akademie soll, so der Vorwurf, fundamentalistische islamische Tendenzen verstärkt haben. Eine Schließung der Schule sei zu erwägen. Von "Besorgnis erregenden" Inhalten in den Religionsbüchern der Akademie sprach der Kölner Regierungspräsident Jürgen Roters. Dort werde der Islam als "einzige und absolute Wahrheit" gelehrt.
Die Bezirksregierung beanstandete auch, dass nur eine Stunde Deutsch pro Woche in den Klassenstufen elf und zwölf gelehrt würde. Die Schule selbst begründet dies damit, dass die saudische Abitur-Prüfung andere Schwerpunkte verlange. In den unteren Klassen gebe es immerhin drei bis vier Stunden Deutsch, sagt eine Mitarbeiterin der Akademie. Deutsch sei dort die erste Fremdsprache noch vor Englisch.
Über den Stundenplan lässt sich auf der Suche nach Verfehlungen wenig finden. 34 Wochenstunden mit 45 Minuten werden die Kinder unterrichtet, die Unterteilung in Grund-, Mittel- und Oberstufe ähnelt dem deutschen System. Religion bildet dabei den Schwerpunkt, daneben gibt es Fächer wie Geografie, Geschichte, Staatsbürgerkunde, Mathematik, Kunst und Sport. Inzwischen lernen zweihundert Kinder mit deutscher Staatsangehörigkeit in der Akademie. Weitere fünfzig Kinder werden dauerhaft in Deutschland leben bleiben.
In der Akademie fragen sich die Mitarbeiter und die rund sechzig Lehrer nun, warum die Bezirksregierung plötzlich so rigide vorgeht. Jahrelang habe sich keiner interessiert, sagt eine Mitarbeiterin. Die Sprecherin der Bezirksregierung verweist auf eine veränderte Grundsituation: "Es gibt einen Stimmungswandel seit den Anschlägen vom 11. September."
Bisher galt die König-Fahd-Akademie als unverdächtig, sie war vielmehr ein Symbol des kulturellen Zusammenlebens. Am 14. September 1995 wurde die Schule eröffnet, und alle waren voll des Lobes über die rund vierzehn Millionen Euro teure Lernstätte, die das saudische Königshaus finanziert hatte. Der damalige Außenminister Klaus Kinkel gratulierte und wurde namentlich auf einer Steintafel verewigt. "Feindbilder, Überzeichnungen müssen ebenso abgebaut werden wie Bedrohungsängste", sagte Kinkel in seiner Rede. Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau war bei der Eröffnung anwesend.
In späteren Jahren besuchten die Akademie immer wieder hochrangige Gäste: Yasser Arafat, der Sultan von Brunei, Hans-Jürgen Wischnewski und auch Jürgen Möllemann. Beinahe wöchentlich kamen Besuchergruppen hierher. Deutsche Schülergruppen waren unter ihnen, Hausfrauen-Kurse, hochrangige Politikerriegen. Doch die Stadt Bonn schickt seit einigen Wochen keine Besucher mehr. Die Akademie wurde vorerst vom Besichtigungsplan gestrichen. Es ist alles zu unsicher geworden, der Ruf der Schule scheint plötzlich fragwürdig.
Einige Bewohner von Bonn-Lannesdorf sagen, dass die Probleme mit der Akademie schon nach dem Umzug der Ministerien in die neue Bundeshauptstadt Berlin begonnen hätten. Die arabischen Diplomaten verließen damals Bonn und schickten ihre Kinder auf einen Ableger der König-Fahd-Akademie in Berlin. Eine Frau sagt, dass sie morgens nur noch mit dem Rad zur Arbeit fahre, weil sie sonst stets durch einen Pulk von Männern "mit diesen schrecklichen langen Bärten" laufen müsse. Das sei seit drei, vier Jahren so. Auch habe es früher keine verschleierten Frauen gegeben. Eine ältere Dame, die am Tor ihres Hauses steht, sagt dagegen, dass Lannesdorf ziemlich ausländerfeindlich sei. Sie selbst lege großen Wert auf das Gebot der Nächstenliebe. "Doch als ich das mit dem Lehrer und dem Heiligen Krieg gehört habe, war ich enttäuscht", sagt sie.
Auch die Sicherheitsbehörden machten ihre Beobachtungen. Seit Monaten registrieren sie einen verstärkten Zuzug von islamischen Extremisten in die Umgebung der Akademie. Dazu sollen auch Personen gehören, die verdächtigt werden, Kontakte zur Terrororganisation El Kaida zu haben. Die Extremisten wollen, so die Mutmaßungen der Beamten, ihren Kindern eine streng muslimische Erziehung in der Akademie ermöglichen. Sicher ist zumindest, dass ein islamischer Extremist, der in einem Verein in Duisburg aktiv war und den Ermittlern bekannt ist, seine Kinder auf die König-Fahd-Akademie schickt.
Vor ein paar Tagen dann fand die Polizei bei einem Verdächtigen in Bad Godesberg, der Kontakt zur Akademie haben soll, Materialien für einen Bombenbau. Nachgewiesen werden konnte ein Bezug zur Akademie jedoch nicht. Deshalb ist man im nordrhein-westfälischen Innenministerium, dem der Landesverfassungsschutz unterstellt ist, auch vorsichtig mit Bewertungen. Es gebe keine Einschätzung darüber, "ob das Böse aus der Schule kommt oder hineingetragen wird", sagt eine Sprecherin. Einem wichtigen Hinweis gehen jedoch die Verfassungsschützer nach: Im Gesellschaftervertrag der gemeinnützigen GmbH, die hinter der Akademie steht, ist fixiert, dass die "Islamische Gemeinschaft in Deutschland" (IGD) bei einer Auflösung das gesamte Vermögen erhalten solle. Die IGD aber wird als verfassungsfeindlich eingestuft.
Wenn man die König-Fahd-Akademie besucht, hat man den Eindruck, alles liefe unbeirrt von den Geschehnissen weiter. Kinder kommen aus dem Gebetsraum, rangeln im Flur, laufen durch die Gänge. Der Gebetsraum ist hell erleuchtet, Wasserflaschen und Gläser stehen an den Säulen. Auf den Gängen und in den Büros sind immer wieder Porträts des Namensgebers König Fahd zu sehen. Auf Journalisten sind die Mitarbeiter in der Akademie allerdings schlecht zu sprechen. Wer bei Heinrich Löchtefeld anklopft, bekommt erst einmal seinen Ärger zu spüren. Was die ganze Aufregung soll, fragt er barsch. "Hausmeister" steht auf dem Schild neben seiner Tür. "Es ist doch nicht so, dass wir im Keller irgendwelche Bomben bauen", sagt Löchtefeld mit knarzender Stimme. Ein Lehrer habe Dschihad gerufen, jetzt dürfe er nicht mehr unterrichten, reiche das denn nicht? "Wenn jemand rechtsradikale Parolen an einer deutschen Schule schreit, wird ja auch nicht gleich die ganze Schule geschlossen", sagt Löchtefeld.
Der Direktor der Schule reagiert auf telefonische und schriftliche Anfragen überhaupt nicht mehr. Die saudische Regierung habe es nicht so mit der in Deutschland üblichen Öffentlichkeitsarbeit, heißt es im Mitarbeiterstab. Dafür sind die Eltern vor einigen Wochen in die Öffentlichkeit getreten. Sie haben demonstriert. Sie haben sich über die Verdächtigungen beschwert. Ein Redner warnte in lauten Worten davor, dass der soziale Frieden in Bonn gefährdet werde. Obgleich in der Schule die Demonstration nicht gutgeheißen wurde, ist man sich in der Sache einig: "Ich möchte mir nicht vorstellen", sagt eine Mitarbeiterin leise, "was passieren würde, wenn wir den Gebetsraum schließen müssten."
Geschlossen wird die Schule vorerst nicht - aber einiges soll anders werden. Der Präsident der zuständigen Kölner Bezirksregierung, Jürgen Roters, entschied am Dienstag, dass die König-Fahd-Akademie unter Auflagen weiter geöffnet bleibt. Die Einhaltung des Auflagenkataloges nannte Roters "eine letzte Chance". Eigentlich hatte er vor, die Akademie zu schließen. Am Montagabend reiste er jedoch zu Gesprächen in die Botschaft Saudi-Arabiens nach Berlin. Beamten des Auswärtigen Amtes verdeutlichten Roters, welche schwerwiegenden Folgen eine Schließung der Akademie für die saudisch-deutschen Beziehungen haben könnte. Also einigete man sich auf einen "Maßnahmenkatalog". Dazu gehört, dass die Kinder ausreichend Deutschunterricht erhalten. Außerdem muss sichergestellt werden, dass es im Umfeld der Akademie nicht zu islamischen Aktivitäten kommt. Der Gebetsraum soll schrittweise nur noch Schülern oder Mitarbeitern zur Verfügung stehen.
Die Ermittlungen von Polizei und Verfassungsschutz gehen jedoch weiter.
"Wenn jemand rechtsradikale Parolen an einer deutschen Schule schreit, wird ja auch nicht gleich die ganze Schule geschlossen. " Heinrich Löchtefeld, Hausmeister an der König-Fahd-Akademie.
DDP/HENNING KAISER "Es gibt einen Stimmungswandel seit den Anschlägen vom 11. September 2001. " Die König-Fahd-Akademie im Bonner Ortsteil Lannesdorf.