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Hohes Drama im Gesang

Cecilia Bartoli bricht eine Lanze für den Komponisten Antonio Salieri - auf CD, und heute auch in der Philharmonie

Wolfgang Fuhrmann

Heute Abend wird Cecilia Bartoli im Großen Saal der Philharmonie ihre neueste CD - nun ja - promoten; ein denglischerr Begriff, der eher aus dem Popbereich bekannt ist. Dass die Bartoli einer jener Namen ist, mit denen jeder etwas verbindet, passt genau, denn die magische Gegenwart des Stars gewinnt ihre Aura gerade durch seine mediale Omnipräsenz. Wenn das Kunstwerk, wie eine berühmte These lautet, im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit seine Aura verloren hat, so hat sich die des Stars recht eigentlich dadurch erst potenziert.

Von hier aus lassen sich zwei Anschlussfragen stellen. Wie steht es denn nun unter den Bedingungen des Starprinzips mit dem musikalischen Kunstwerk? Und: Was hat der Star Bartoli eigentlich noch mit der Sängerin gleichen Namens zu tun? Beginnen wir mit der zweiten.

Gleich das erste Stück auf der CD ("Cecilia Bartoli - The Salieri Album", Decca/Universal) führt einige stimmliche Unregelmäßigkeiten überdeutlich vor: "Son qual lacera tartana" thematisiert, ein geläufiges Motiv der opera seria, den Aufruhr des Meeres als Sturm der Gefühle, und die Stimme wird entsprechend von den höchsten Wogenkämmen zu den tiefsten Wellentälern hinauf- und hinabgeschleudert. Gerade diese extremen Lagen aber verselbstständigen sich bei der Sängerin Bartoli auf problematische Weise: Die Tiefe klingt kehlig und knurrend, die Höhe eng, farblos und zugleich heftig tremolierend. Aber dann folgt ein Moment der Beruhigung, das Auge des Sturms sozusagen, und wie Bartoli bei den Worten "Dunque andiamo a discrezione/ d Euro, Noto, o d Aquilone" eine wunderbare Phrase im klangvollen Piano gelingt, die aber nicht einfach Selbstzweck ist, sondern gebrochene Klage, das ist hohes Drama im Gesang (etwas robust begleitet durch Adam Fischer und das Orchestra of the Age of Enlightenment).

Spätestens hier stellt sich Bewunderung ein, und man nimmt die skizzierten Schwächen hin wie jene der Callas: als Eigentümlichkeiten einer künstlerischen Individualität, die sich über das manchmal widerspenstige Material hinwegsetzt um der Wahrheit der Kunst willen. Ein großes Wort? Das Begleitheft zitiert aus einem Brief von Antonio Salieri: ". ich liebe in der Vokalmusik nur die Wahrheit, jene Wahrheit, die mir der unnachahmliche Gluck in seinen Tragödien so nahe bringt." Als Bekenntnis eines Komponisten, den der populäre Mythos zum Inbegriff eines Konfektionisten vergänglicher Dutzendware erklärt hat, ist das einigermaßen verblüffend. Es kommt hinzu, dass die Aufnahme Opernarien präsentiert, die in dieser Form wohl noch niemals erklungen sind - weil Salieri sie in seinen letzten Lebensjahren noch einmal überarbeitete, um sich seinen dramatischen Idealen noch mehr anzunähern. Er rechnete sehr wohl mit der Wertbeständigkeit seiner Kunst.

Der CD merkt man übrigens ihren revisionistischen Charakter etwas an, Bartoli übertreibt die Rollencharakterisierung manchmal bis an den Rand der Parodie. Dennoch lässt sich nur hoffen, dass das Album Salieris Musikdramen zu wirklich gut besetzten Aufnahmen verhilft (die bislang vorliegenden sind von eher durchwachsener Qualität). Dann hätte der Komponist gewissermaßen durch die List des Starprinzips seinen Weg in die musikalische Gegenwart gefunden. Der nächstliegende Kandidat ist seine letzte Oper "Palmira, regina di Persia", aus der Bartoli zwei Arien singt - insbesondere "Misera abbandonata" mit ihrer Einsamkeit suggerierenden Holzbläser-Begleitung und ihrer ausdrucksvollen Harmonik ist wirklich ergreifend.

Philharmonie, 20 Uhr. Ausverkauft.

"Ich liebe in der Vokalmusik nur die Wahrheit, jene Wahrheit, die mir der unnachahmliche Gluck in seinen Tragödien so nahe bringt. " Antonio Salieri (1750-1825).