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Inselträume

Wolf Hilbertz will im Indischen Ozean ein Korallenriff erschaffen und darauf einen Staat gründen

Thorkit Treichel

BERLIN, im Oktober. Auf dem Festland baut der Architekt Wolf Hilbertz schon lange keine Häuser mehr. Sein Bauland sind seit mehr als dreißig Jahren die Ozeane. Vor den Küsten von Mexiko, Jamaika, Papua Neuguinea und Japan stellt der 65-jährige Hilbertz wieder her, was Umweltverschmutzung und einheimische Dynamitfischer einst vernichtet haben. Hilbertz errichtet künstliche Korallenriffe. Den Baustoff gewinnt er aus dem Meer. Mit Hilfe eines von ihm entwickelten, patentierten und recht einfachen Verfahrens namens Biorock: Er versenkt Stahlgestelle und setzt sie unter schwachen Gleichstrom. Nach und nach lagert sich an den Stahlmatten Kalkstein ab, der ideale Lebensraum für Korallen und andere Schalen- und Meerestiere.

Künstliche Riffe, irdische Träume

Mit dem simplen Biorock-Verfahren versucht er auch, seinen Lebenstraum zu verwirklichen. Im nordwestlichen Indischen Ozean, auf halbem Weg von den Malediven nach Madagaskar, baut Hilbertz seine eigene Insel. Dort soll sich seine Arche aus dem Wasser erheben. Besonders lang wird das vermutlich nicht mehr dauern, denn den Grundstein für die Insel, eine drei Meter hohe Stahlpyramide, hat er vor sechs Jahren an einer Untiefe gelegt, an der Bank Saya de Malha, wo das Meer nur elf Meter tief ist.

In ein paar Jahren könnte Hilbertz dort einen neuen Staat gründen. "Die Insel liegt in internationalen Gewässern. Das ist ein rechtsfreier Raum, der dem gehört, der ihn beansprucht", sagt er. Auch einen Namen für seine Insel hat er schon. Er nennt sie Autopia, was übersetzt bedeutet: Der Platz, der sich selbst baut. Denn die Insel wächst von allein. Der Architekt, der einen Lehrstuhl an der US-Universität in Houston hat, hat lediglich den Anstoß dazu gegeben, als er die Stahlstruktur auf den Grund ließ. Den Rest besorgt die Natur.

Im vergangenen Jahr war er erneut mit einem Team von Architekten, Kartografen und Meeresbiologen aus mehreren Ländern in Saya, um ein weiteres Stahlgestell zu versenken. Von Victoria aus, der Hauptstadt der Seychellen, stachen sie mit drei Segelbooten in See und waren drei Tage und drei Nächte unterwegs. Das Team stand unter hohem Zeitdruck: Innerhalb von sechs Tagen musste eine fünf mal fünf mal zwei Meter hohe Stahlstruktur gebaut und mit einer Batterie am Meeresboden befestigt werden. Denn ein Zyklon zog heran, und etwas nördlich liegt zudem ein bevorzugtes Revier von Piraten.

"Mit einer Million Euro könnte ich noch eine große Struktur versenken, und in zwei Jahren wäre dann eine Insel von der Größe eines Fußballfeldes entstanden", sagt Hilbertz. Er träumt von einer autarken Siedlung im Meer, "die den Bewohnern gehört, die dort leben und arbeiten, einem lebenden Laboratorium, in dem neue Umwelttechniken entwickelt werden". Doch bislang fließen kaum Sponsorengelder.

Auch in der Vergangenheit musste Hilbertz viele seiner Projekte selbst finanzieren. "Riffe sind den Unternehmen nicht sexy genug. Die geben eher Geld für die Erforschung von Meeresschildkröten", sagt er. Jedes dritte Korallenriff sei weltweit bereits abgestorben. Doch ihm geht es nicht nur um Umweltschutz, sondern ebenso um den Baustoff, den er durch sein Biorock-Verfahren gewinnt. Er sei auch für Bauten auf dem festen Land geeignet. "Er ist dreimal so stark wie Gießbeton und kommt für Steine und tragende Bauteile wie Pfeiler infrage."

Blaue Stunden in Dubai

Wenigstens die Tourismusbranche hat die künstlichen Korallenriffe als Standortvorteil entdeckt. Seit 1996 erhielt Hilbertz mehrere Aufträge, Riffe vor den Malediven und Bali zu renaturieren. "Die wollen ihr Hausriff haben, damit die Gäste schnorcheln können. Außerdem liefern die Riffe Sand für die Strände und verhindern Erosion", sagt er.

Hilbertz, der in Detmold aufgewachsen ist und nach seinem Studium in Berlin 1965 in die USA ging, lebt inzwischen in Dubai. Dorthin wurde seine Frau versetzt, die in der deutschen Botschaft arbeitet. Auch Hilbertz hat in Dubai viel zu tun. Der Architekt: "Ich soll für einen Scheich, der ein Hotel auf dem Meeresboden errichten will, die Unterwasserlandschaft gestalten." Weitere blaue Träume also, die im Wasser heranreifen.

Ein Land namens Autopia // Architekt Wolf Hilbertz hat einen Traum: Im Indischen Ozean will er ein künstliches Riff aus dem Meer wachsen lassen (s. Karte). Auf dem Archipel soll ein neuer Staat entstehen: Autopia - der Platz, der sich selbst baut.

Die künstlichen Riffe entstehen nach dem von Hilbertz entwickelten Biorock-Prinzip. Mit Strom wird Wasser gespalten. Im Meer bildet sich dabei als Folgeprodukt Kalkstein, ein idealer Lebensraum für Korallen.

Staatengründer Hilbertz, 65, wurde in Detmold geboren. Er studierte in Berlin Architektur und siedelte später nach Amerika über. Dort hat er in Texas eine Professur an der Universität Houston. Seine Biorock- Methode lässt sich auch zum Neuaufbau zerstörter Riffe nutzen. Zusammen mit Freiwilligen will er im Januar 2004 in Bali eine Korallenbucht renaturieren.

Mehr zur Renaturierung unter: www. globalcoral. org.

BLZ/RITA BÖTTCHER Karte Saya de Malha Bank im Indischen Ozean.

GLOBALCORAL/WOLF HILBERTZ Keimzelle eines neuen Landes: das kleine Riff, aus dem später einmal der Staat Autopia erwachsen soll.