Der heimlich mutige Blick des Betrachters darf diesen Skulpturen vom Menschen so nah kommen, wie er es bei lebenden Menschen nicht oft wagen würde: Man zählt die Bartstoppeln, sieht die Pickelchen und Schrammen dazwischen, man lässt die Augen an Faltentälern zwischen Nase und Mund entlangwandern, man tastet mit den Augen die Amorbögen der Lippen ab und registriert die ringsherum erschlaffende Haut, man sieht schrundige Fersen, eingewachsene Fußnägel, käsig blasse Bäuche, Narben, blaue Flecken und Schwangerschaftsstreifen. Bei "Mother and Child" (2001) kann man verfolgen, wo die nicht abgeklemmte Nabelschnur in der weiblichen Anatomie verschwindet. Es ist eine Geburtsszene, das Kind liegt krebsrot und knautschig auf dem Bauch der Mutter, die noch viel zu erschöpft ist, um ihre Mimik mit liebevollen Gefühlen aufzuladen. Und weil man diesem konservierten intimen Moment so auf die Pelle rückt, fühlt man sich auch schuldbewusst dabei: wie ein Voyeur eben, der sich Körperdetails visuell derart gierig inhaliert, als wandere er gerade durch ein pathologisches Kabinett.
Die Arbeiten des in London lebenden Bildhauers Ron Mueck, 45, sind von einem irritierend perfektionistischen Realismus. Jener ist in feinsten Hautfarben den noch fast unversehrten Figuren aus Silikon und Fiberglas aufgeschminkt, die Mueck anfertigt, nachdem er von modellierten Bewegungsstudien erst eine maßstabsgetreue Tonplastik und von dieser dann eine Gussform hergestellt hat. Sein Werk zeigt den menschlichen Makel, in äußerlicher Hinsicht wie in der psychologisierenden Aussage, dass man in den existenziellen Momenten seines Lebens wohl immer allein sein wird - und diesen wehrlos und vielleicht auch gar nicht so tapfer ausgeliefert ist.
Von den riesenhaften Selbststudien abgesehen (bei denen sich Mueck vorstellt, wie drohend sein Kopf über seinen kleinen Kindern schweben mag), geht es hier stets ganz groß um den Anfang und das Ende des Lebens. Mit der Geburts-Thematik befasst sich Mueck erst neuerdings, der Tod hingegen begleitet ihn schon immer: Die "Dead Dad"-Skulptur, ein Abbild seines nackt aufgebahrten Vaters war in Saatchis "Sensation"-Ausstellung (1998 in Berlin zu sehen) eines der leisesten, erschreckendsten Exponate. Und mit diesem ersten offiziell gezeigten Objekt wurde er in der zweiten Hälfte der 90er schlagartig bekannt.
Den Vater verkleinerte er in den Proportionen um die Hälfte, eine Hochschwangere machte er zur zweieinhalb Meter hohen Gigantin: Damit entzieht Mueck sich wieder einem allzu leicht konsumierbaren Realismus, den er sonst mit feucht glänzenden Glaspupillen, akribisch imitierten Hühneraugen und dem Einsetzen eigener Haare in Männerbeine bis auf die Spitze treibt: Die Illusion dient einer - poetischen oder auch grausamen - Fiktion. Sichtbar gemacht, manifestiert sie die grüblerische Sinnsuche des Künstlers.
Zehn seiner Arbeiten sind nun im Hamburger Bahnhof zu erleben; die Kosten für diese erste deutsche und bisher weltweit größte Einzelausstellung trägt die Schering-Stiftung. Heiner Bastians Monografie dazu enthält ein erstes Werkverzeichnis; 30 Posten umfasst es bisher - verständlich bei Muecks Aufwand, außerdem arbeitet er erst seit 1996 als freischaffender Künstler. Zuvor war der Sohn deutscher, nach Australien ausgewanderter Spielzeugmacher als Puppenmacher für Werbung und Film tätig, so etwa für Jim Hensons "Muppets"-Show.
Bis 2. November im Hamburger Bahnhof, Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr.
Die Monografie (Hatje Cantz Verlag) kostet in der Ausstellung 20 Euro.
ANTHONY D OFFAY Der Künstler schlafend - als überlebensgroßes Abbild (2001).