Ich bin gerade vierunddreißig Jahre alt geworden, die Hälfte des Lebens." Was, zumindest im chronologische Sinne, dann nicht ganz stimmen sollte. Denn immerhin wurde Michel Leiris, der Schriftsteller, Ethnologe, der Wissenschaftler und Essayist, der merkwürdige Eigenbrötler in der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts, fast neunzig Jahre alt. Doch darauf kommt es nicht an. Worauf es ankommt, macht Leiris gleich zu Beginn seines autobiografischen Essays "Mannesalter" klar: auf genaue, im hohen Maße präzise Beurkundung des gelebten Lebens. Mit großer Energie gibt hier einer seine eigene Existenz zu Protokoll - als ginge es um sein Leben.
Und im gewissen Sinne geht es genau darum: Literatur als Möglichkeit und Chance, das Dasein zu rechtfertigen, ja zu retten. Literatur als Selbsterhaltung, als Notwehr. Michel Leiris "Mannesalter", zwischen 1930 und 1935 entstanden, 1939 erstmals veröffentlicht, ist das verwegenste Stenogramm eines Selbstseins und -werdens, das sich nur denken lässt. Man hat es mit André Bretons "Nadja" verglichen, auch mit Sartres "Die Wörter"; man hat es als Literatur der Selbstentblößung in die Reihe von Augustinus bis Jean-Jacques Rousseau und darüber hinaus gereiht; man hat es mit Prousts "Recherche" in einem Atemzug genannt - und verfehlte bei alledem doch das Unvergleichliche von Leiris Schriftstellerei. In ihrer Schonungs- und Schmucklosigkeit, in ihrer fragilen Obszönität bar jedweden Sentiments zelebriert sie eine Apokalypse der Innerlichkeit, die auf rätselhafte Weise zugleich das Inkognito wahrt; die gerade im Moment rückhaltloser Selbstenthüllung Scheu zu erkennen gibt, eine Zurückhaltung und gewisse Reserve.
Michel Leiris ist ein Meister der gläsernen Maske. Das hat auch mit der methodischen Finesse zu tun, das Eigene, das vermeintlich ganz und gar Vertraute, als das eigentlich Fremde und Befremdende erscheinen zu lassen. Im Augenblick der äußersten Preisgabe seiner selbst erscheint dieses Selbst somit als jenes "innere Afrika", von dem Freud immer sprach, als schwarzer, dunkler, undurchdringlicher Kontinent.
Das verrät womöglich etwas vom Geheimnis der Schriftstellerei Leiris : als wäre der Blick des Ethnologen, geschult in der Wahrnehmung fremder Kulturen und Ethnien, gleichsam nach innen gebogen, um nicht das Fremde vertraut, sondern das Vertraute fremd erscheinen zu lassen. Was sich leicht anhört. Doch ist die Selbstfremdheit bedrückend, gefährlich, beängstigend. Leiris wusste um das Risiko, das er einging und eingehen musste. Weshalb er den literarischen Exhibitionismus, der seine Zeitgenossen verstörte, in einem 1946 verfassten Aufsatz mit dem Titel "Literatur und Stierkampf" verteidigte. Er stellte ihn der zweiten Auflage von "Mannesalter" voran. Wäre Literatur nicht nur "ästhetisch", sprich "harmlos und straffrei", so fragt Leiris, wenn es in dem Vorgang, ein Werk zu schreiben, nicht etwas gäbe, "das dem entspräche, was für den Stierkämpfer das spitze Horn des Stieres ist?" Das Bild erweist nicht nur Pablo Picasso, dem Freund, die Reverenz. Es dramatisiert überdies das Selbstverständnis einer Literatur, die um den Preis der Lebensgefahr am unbedingten Ernst ihres Anliegens festhält. Und das auf eine heutzutage schwer nachzuvollziehende Weise.
Alles sagen, so Leiris, "und dabei jede Emphase verschmähen, nichts dem Belieben überlassen, gleichsam einer Notwendigkeit gehorchen, darin bestand sowohl der zufall, den ich akzeptierte, als auch das Gesetz, das ich mir fixiert hatte, die Etikette, um die ich nicht herumkam." Vielleicht ist es diese Etikette, die Leiris Text heute fremder - und verlockender - erscheinen lässt als zum Zeitpunkt der ersten Publikation.
Michel Leiris: Mannesalter. Übersetzt von Kurt Leonhard. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2003. 218 S. , 14,80 Euro.