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Da waren es plötzlich zehn

Im niedersächsischen Wattenmeer ist eine Sandbank zwischen Borkum und Juist zu einer kleinen Insel herangewachsen

Kerstin Viering

Deutschland ist um eine Insel reicher. Der Neuzugang heißt Kachelotplate und liegt zwischen Borkum und Juist vor der niedersächsischen Nordseeküste, meldet der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Küstenschutz (NLWK) in Norden. Damit gibt es nun zehn statt bisher neun ostfriesische Inseln.

Aus dem Nichts ist das 2,5 Kilometer lange und zwischen 0,3 und 1,2 Kilometer breite Eiland allerdings nicht aufgetaucht. "Eine Sandbank gibt es dort schon lange", sagt Birgit Weerts, Wattenmeerexpertin der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF). Naturschützer kennen die Kachelotplate seit Jahren als beliebten Rastplatz für Seehunde und Kegelrobben. Zwischen 300 und 500 der Meeressäuger nehmen dort bei Ebbe Sonnenbäder und kurbeln auf diese Weise ihre Vitamin-D-Produktion an. Im Sommer werden auf der Sandbank auch zahlreiche Jungtiere geboren und gesäugt.

Neu ist jedoch, dass immer größere Flächen der Kachelotplate nur noch bei Sturmfluten überspült werden. In den letzten dreißig Jahren haben Strömungen dort so viel Sand abgelagert, dass die Bank immer weiter in die Höhe wuchs. Inzwischen wird bereits eine Fläche von 160 Hektar von einer durchschnittlichen Flut, dem so genannten mittleren Tidenhochwasser, nicht mehr erreicht. Diese Fläche entspricht etwa drei Viertel der Fläche des Berliner Tiergartens. Dauerhaft trocken bleibendes Land unterscheidet eine Insel von einer Sandbank.

Der abgelagerte Sand stammt vor allem von den westfriesischen Inseln vor der niederländischen Küste. "Typisch in dieser Meeresregion ist eine Strömung von Westen nach Osten", erläutert Birgit Weerts. Diese Strömung reißt vor allem an den Westseiten der Inseln Sand weg und lagert ihn auf den geschützten Ostseiten wieder ab.

Diese Sandwanderungen haben sich in den letzten Jahren verändert: Material, das früher auf der Insel Juist landete, wurde zunehmend auf der Kachelotplate abgelagert. Ursache hierfür sind veränderte Meeresströmungen in der Region. Nördlich der Emsmündung fließt die Osterems in zahlreichen Wasserarmen durch das Wattenmeer zwischen Juist und Borkum. Diese so genannten Priele bilden komplizierte Strömungsmuster, die sich nur schwer untersuchen lassen. Warum sich die Strömungen in der Osterems in den letzten Jahren verändert haben, weiß daher niemand genau. Manche Experten vermuten, dass das Ausbaggern und Vertiefen der Ems daran schuld sein könnte. "Dafür gibt es bisher allerdings keine wissenschaftlichen Beweise", sagt Birgit Weerts.

Eins aber ist klar: Die Bildung einer neuen Insel vor der Nordseeküste ist ein äußerst seltenes Phänomen. "Vergleichbare Vorgänge hat man in den vergangenen Jahrhunderten nicht mehr beobachten können", sagt Achim Stolz vom NLWK. Um entsprechende Beispiele zu finden, müsse man weit in die Vergangenheit zurückblicken: "Durch ähnliche Prozesse sind vor 2 500 bis 3 000 Jahren zum Beispiel die Inseln Juist und Baltrum entstanden."

Warum aber sind derartige Inselneubildungen heutzutage so selten? Die Ansichten hierzu gehen auseinander. Achim Stolz und seine Kollegen glauben nicht, dass der Mensch dabei seine Hände im Spiel hat. Birgit Weerts sieht das etwas anders: "Schließlich hat der Mensch in der Vergangenheit stark in die Dynamik des Wattenmeeres eingegriffen", sagt die Naturschützerin. Inselküsten wurden befestigt, um Häuser und Land der Bewohner zu schützen. Dämme und Pfahlkonstruktionen im Wasser, so genannte Buhnen, leiten die Strömung an den Inseln vorbei, so dass dort möglichst wenig Material abgetragen wird. Die Lage der Inseln wurde dadurch stabilisiert. "Wenn aber die Inseln nicht mehr wandern, gibt es weniger Raum für entstehende Sandbänke", meint Birgit Weerts.

In der neuen Insel sieht sie eine große Chance für den Naturschutz. Schließlich handelt es sich um eine relativ große Fläche, auf der kaum ein menschlicher Störenfried auftaucht. Entsprechend beliebt ist das Eiland bei verschiedenen Vogelarten. Ornithologen beobachten dort regelmäßig große Populationen von Silber- und Heringsmöwen sowie zahlreiche Kormorane. Mitarbeiter des NLWK haben in diesem und im vergangenen Jahr brütende Austernfischer entdeckt. Und wenn sich die Insel weiterhin stabil über der Hochwassermarke hält, könnten dort sogar die stark gefährdeten Seeregenpfeifer und Seeschwalben im Muschelschill gute Brutmöglichkeiten finden.

Niemand weiß allerdings, wie lange die Kachelotplate in ihrer jetzigen Form bestehen bleiben wird. Im Moment ist sie in einem Stadium, das Experten als Primärdüne bezeichnen. "Solche Strukturen können entstehen, nachdem der Wind den ausgetrockneten Sand zu Babydünen zusammengeweht hat", erläutert Birgit Weerts. Zu einer Primärdüne wird ein solcher Sandhaufen, wenn sich erste Pionierpflanzen wie die Strandquecke ansiedeln. Deren Wurzeln stabilisieren das Sandgebilde. Auf der Kachelotplate ragen die bewachsenen Primärdünen bei mittlerem Hochwasser inzwischen etwa zwei Meter über dem Meeresspiegel auf.

Noch würde eine Sturmflut genügen, um Lage, Größe und Form der Insel wieder zu verändern. Wenn die Primärdünen hingegen über längere Zeit stabil bleiben, können sie zu so genannten Sekundärdünen heranwachsen, denen auch eine Sturmflut nur wenig anhaben kann. Auf solchen Dünen siedelt sich dann zum Beispiel Strandhafer an, später kommen Sträucher wie Sanddorn, Weißdorn und Holunder dazu. "Im Moment kann man nicht sagen, wie schnell sich die Kachelotplate in welche Richtung entwickeln wird", sagt Birgit Weerts. Das Schicksal von Deutschlands jüngster Insel bleibt also spannend.

BERLINER ZEITUNG/RITA BÖTTCHER Bei Ebbe ist die Kachelotplate schon seit langem ein beliebter Rastplatz für Seehunde. Mittlerweile werden immer größere Flächen der Sandbank auch bei Flut nicht mehr überspült. Dadurch konnten sich erste Pflanzen ansiedeln.