Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Franziska Eichstädt-Bohlig nannte das neue Stadtviertel am Potsdamer Platz anfangs ein "furchtbares Monstrum". Der Bauhistoriker Bruno Flierl sah dort tadelnd "realkapitalistische Verhältnisse" am Werk. Architekturkritiker schmähten die Hochhäuser, die im einstigen Niemandsland zwischen Ost und West entstanden. Doch die Besucher des DaimlerChrysler Quartiers scheren sich nicht um die Kritik. "Dieses Viertel ist ein Erfolg", sagt Projektsprecherin Ute Wüest von Vellberg. "Tag für Tag kommen 70 000 bis 100 000 Menschen hierher" - inzwischen schon seit fünf Jahren. Dieses Jubiläum wird am 2. Oktober gefeiert. Als Geburtstagsgruß sollen mehr als 80 riesige "Himmelsblumen" aus Kunstharz und Glasfaser das Viertel schmücken.
"1998 war unser Stadtquartier noch wie eine Insel. Oder wie ein Raumschiff im märkischen Sand", erinnert sich die Sprecherin. Baustellen, Brachflächen und Verkehrswege schotteten das 68 000 Quadratmeter große Grundstück vom Rest der Innenstadt ab. "Am ersten Wochenende dachten wir, bei der Kälte kommt kaum jemand. Dann waren plötzlich anderthalb Millionen da", sagt Wüest von Vellberg. "Der U-Bahnhof wurde wegen Überfüllung geschlossen."
Doch viele Berliner mochten das Viertel mit den 120 Geschäften, 19 Kinosälen und 30 Restaurants auf Anhieb. Die Bedenken, am Landwehrkanal wachse eine Kunst-City empor, waren bald vergessen. "Dies ist schon lange keine Retortenstadt mehr", meint Wüest von Vellberg heute. An Wochentagen bevölkern vor allem die Einheimischen das Viertel. Am Wochenende dominieren dagegen die Einkaufsbummler von außerhalb - zu 70 Prozent. "Für die Touristen ist dies die dritte Shopping-Meile von Berlin, neben dem Kurfürstendamm und der City Ost", berichtet Natascha Kompatzki von der Gesellschaft Berlin Tourismus Marketing. "Viele Gäste sind fasziniert, dass mitten in der Stadt ein neues Zentrum entstanden ist." Zu erleben gibt es viel. Im Kollhoff-Haus (Potsdamer Platz 1) bringt der schnellste Aufzug Europas Besucher mit einer Geschwindigkeit von 8,5 Meter pro Sekunde auf die Aussichtsplattform. Im Imax-Kino hängt eine tausend Quadratmeter große Leinwand, eine Tonanlage mit 24 000 Watt sorgt für angemessene Dröhnung.
"Der Mix ist gelungen. Und es ist gut, dass ein europäisches Zentrum geplant worden ist - mit Straßen zum Flanieren", sagt Stefan Siebner von der Industrie- und Handelskammer (IHK). Das Stadtquartier, das zwei Milliarden Euro gekostet hat, ist auch ökonomisch ein Erfolg. Für Ladenflächen gibt es Wartelisten, bei Büros und Wohnungen sei kaum Leerstand zu verzeichnen. "Dies ist nun einmal eine 1a-Lage", erklärt die Sprecherin.
Die Feier am 2. Oktober beginnt mit einem Kinderfest. Wer am Eröffnungstag 1998 geboren worden ist, darf gratis feiern (Anmeldung: Tel. 20 61 02 17). "Wir wissen, dass es in Berlin 99 dieser Geburtstagskinder gibt", so Wüest von Vellberg. Am Abend gibt es dann ein Open-Air-Konzert - der Name des Stargastes ist noch geheim. An 85 Stellen prangen bis zu 3,20 Meter große Kunststoffrosen, die der Künstler Sergej Alexander Dott zurzeit in seinem Eichwalder Garten bemalt. Eine davon wird am Kollhoff-Haus im 22. Stock befestigt. Der 43-Jährige schuf auch die Kuhplastiken, die lange Zeit an einer Hauswand an der Kollwitzstraße prangten.
Die IHK sagt dem Viertel eine gute Zukunft voraus. "Die ohnehin schon gute Verkehrsverbindung wird noch besser, wenn 2006 der Regionalbahnhof eröffnet wird", sagt Siebner. "Dieser Teil Berlins hat noch eine Menge Potenzial."
Tanz der Kräne // Spätsommer 1989: Daimler-Benz entscheidet sich für ein Grundstück am Potsdamer Platz, damals noch an der Mauer in West-Berlin.
11. Oktober 1993: erster Spatenstich. 2,3 Millionen Tonnen Erde werden bewegt. Die Baustelle wird oft dem Publikum geöffnet. Aufsehen erregt 1996 der "Tanz der Baukräne". Leitung: Daniel Barenboim.
2. Oktober 1998: Eröffnung. Zehn neue Straßen und 17 von 19 Gebäuden sind fertig - ein Mix aus Wohnen, Büro und Einzelhandel. Es gibt rund 4 000 Parkplätze.
BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Lasst Rosen blühen: Künstler Sergej Alexander Dott und seine "Himmelsblumen". Später werden sie versteigert.
BLZ/PAULUS PONIZAK Zentrum im Zentrum: der neue Potsdamer Platz.