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Der Berliner

Zum Tod des unermüdlichen Stadtspaziergängers, Feuilletonisten und Schriftstellers Heinz Knobloch

Cornelia Geissler

Seine Liebenswürdigkeit verwandelte Stress in Gelassenheit. Sollte Heinz Knobloch für diese Zeitung ein Buch rezensieren, und sollte es besonders schnell gehen, erklärte er, der Bote könne es ihm zu Hause gleich durchs Fenster reichen. Er erwartete den Kurier in seiner Wohnung in Pankow, nahm das Buch in Empfang und fing gleich an zu lesen, um bald zuverlässig den Text abzuliefern.

Aber die Tageszeitung war nicht sein eigentliches Geschäft. Heinz Knobloch, der gestern im Alter von 77 Jahren an Krebs gestorben ist, arbeitete bis 1991 bei der Wochenpost. Sie war beliebt und begehrt, und die Feuilletons von Heinz Knobloch standen wie die Gerichtsreportagen von Rudolf Hirsch für den Wiedererkennungswert des unterhaltsamen Blattes. Zwanzig Jahre lang enthielt jede Ausgabe ein Feuilleton von ihm, eintausend waren es insgesamt.

Deren Titel "Mit beiden Augen" konnte man durchaus symbolisch lesen. Denn das machte den Journalisten wie den Schriftsteller Heinz Knobloch aus. Er sah mit beiden Augen hin. Er ging Wege nach, die in der Geschichte von Bedeutung und inzwischen verwildert waren, er erforschte das Umfeld von Berühmtheiten und ist so zu einem großen Berlin-Kenner geworden.

Seine Feuilletons sind in mehreren Büchern gesammelt. Eines trägt den Titel "Stadtmitte umsteigen". So hieß es schon in seinem Erscheinungsjahr 1982, als es wegen der Mauer unmöglich war, in Stadtmitte die Linie zu wechseln. Der Umsteigebahnhof war nur eine Geisterstation. Knobloch weigerte sich, die Mauer zu ignorieren, wie es in der DDR üblich war. Er durchquerte die Stadthälften in der Fantasie. Er wusste ja, wie die Stadt aussah. Außerdem durfte er seit den siebziger Jahren auch mit der S-Bahn in den Westen fahren. Seine Mitbringsel von dort waren Beobachtungen, Mosaikstücke für Recherchen.

Ein anderer Feuilleton-Band heißt "Misstraut den Grünanlagen", und dieser Titel lässt sich auch als Wahlspruch des Autors verstehen. Ihm missfiel einerseits das Herausgeputzte, das man nicht betreten sollte, andererseits die Vorstellung, dass mit dem Rasen oft Geschichte zugedeckt wurde. Doch die Attitüde des Reporters war ihm fremd. Seine liebenswürdige Art öffnete ihm manche Türen, weil aus seinen Fragen Neugier sprach statt Ehrgeiz.

Diese Neugier auf Berlin begründete er selbst damit, dass er gar nicht aus Berlin kam. Heinz Knobloch wurde 1926 in Dresden geboren und zog erst 1935 mit den Eltern nach Berlin. Er absolvierte eine Lehre als Verlagskaufmann, wurde 1943 Soldat und desertierte ein Jahr später in der Normandie. Wieder in Berlin, arbeitete er zunächst beim Illus Bilderdienst, dem Vorläufer der DDR-Agentur Zentralbild, dann als Redakteur bei der Berliner Zeitung. Als die Wochenpost 1953 gegründet wurde, wurde er deren Redaktionsmitglied und verantwortlich für Literatur. Seit er 1968 regelmäßig seine Feuilletons veröffentlichte, blieb sein Schreibtisch im Hochhaus am Alexanderplatz oft leer. Er ist unterwegs, sagten dann respektvoll seine Kollegen.

Seine Vorbilder waren Victor Auburtin, Alfred Polgar und Alfred Kerr. Doch weil er auch den naiven Blick schätzte, nannte er den braven Soldaten Schwejk seinen Adoptiv-Großvater. Er sah im Feuilleton, seinem Lieblingsgenre, das "Etwas-Mitteilen des Journalisten mit dem Sich-Mitteilen des Dichters" verschränkt.

Heinz Knobloch war nicht nur ein Flaneur, der Muße hat, Beobachtungen zu skizzieren. Er war zugleich ein überaus gründlicher Rechercheur, der jeden Hinweis nutzte, um Lebenswege und Handlungen zu verstehen. So verfolgte er die Spuren von Moses Mendelssohn, dem jüdischen Philosophen, der Ende des 18. Jahrhunderts in Berlin für Toleranz zwischen den Religionen kämpfte ("Herr Moses in Berlin", 1979). Er rekonstruierte das Leben von Mathilde Jacob, der Sekretärin und engen Freundin Rosa Luxemburgs, die bis zu seinem Buch "Meine liebste Mathilde" (1985) von der Geschichtsschreibung vergessen war. Und er setzte dem Polizisten Wilhelm Krützfeld ein Denkmal. Dieser hatte den Mut, in der Pogromnacht vom 9. November 1938 das Niederbrennen der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße zu verhindern ("Der beherzte Reviervorsteher", 1990).

Heinz Knobloch hat zunächst die Berliner Stadtgeschichte spannend beschrieben und erst in den letzten zehn Jahren sein eigenes Leben zum Thema gemacht. Er erzählte von der Kindheit in Dresden und den Erfahrungen des sächselnden Kindes in Berlin, er berichtete von seiner Jugend, in der er zur Wehrmacht eingezogen wurde, und er schrieb über das Zeitungmachen: "Das Lächeln der Wochenpost". Mehr als fünfzig Bücher hat Heinz Knobloch veröffentlicht. Jetzt wollte er über seine Kriegsgefangenschaft in den USA und Schottland schreiben. Dazu ist er nicht mehr gekommen.

BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Der Stadtflaneur Heinz Knobloch