Unequal, but fair, so lautet einer der zentralen Slogans von Tony Blairs New Labour Politik. Die SPD formuliert es weniger scharf, wenn sie von Chancen- statt Verteilungsgerechtigkeit spricht. Wer scheitert, der trägt die Verantwortung dafür selbst. Das Bild von der Leistungsgesellschaft und ihren Leistungseliten, das hier entworfen wird, hat allerdings einen kleinen Schönheitsfehler: Es stimmt nicht. Die Berufskarriere und vor allem der Zugang zu den Toppositionen hängt nach wie vor sehr stark davon ab, in welchem Elternhaus man geboren wird. Das ist das eindeutliche Ergebnis einer Studie, die die Berufsverläufe von 6 500 promovierten Ingenieuren, Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern der Promotionsjahrgänge 1955, 1965, 1975 und 1985 untersucht hat.
Zweifel an dem Versprechen, jeder könne ganz nach oben gelangen, kommen schon beim ersten Blick auf die soziale Herkunft der deutschen Eliten auf. Immerhin stammen über vier Fünftel der Topmanager, ca. 60 % der hohen Richter und Beamten und gut die Hälfte der Professoren aus dem Bürgertum, d. h. den oberen 3,5 % der Bevölkerung. Fast jeder 2. Spitzenmanager kommt sogar aus dem Großbürgertum, den obersten 0,5 %. Das aber könnte, so der Einwand der meisten Beobachter, schließlich auch daran liegen, dass die Sprösslinge des deutschen Bürgertums einfach tüchtiger und begabter oder zumindest bildungsbeflissener sind als ihre Konkurrenten aus der Arbeiterschaft und den breiten Mittelschichten, ihre Möglichkeiten also besser nutzen.
So plausibel dieses Argument klingt, es entspricht nicht der Realität. Wäre es zutreffend, so müssten Arbeiterkinder, die es bis zur Promotion geschafft haben, wenigstens danach die gleichen Karrierechancen haben wie ihre Kommilitonen aus den bürgerlichen Kreisen. An fehlendem Engagement oder mangelndem Talent kann es bei ihnen ja nicht liegen. Wenn die Kinder von leitenden Angestellten oder größeren Unternehmern dennoch zehnmal häufiger die Chefetagen eines großen Unternehmens erreichen als sie, dann kann an der Geschichte von den Leistungseliten etwas nicht stimmen.
Noch nachdenklicher stimmt, dass sich die Aussichten für den Nachwuchs der Arbeiterklasse und der breiten Mittelschichten durch die Bildungsexpansion seit den 60ern nicht verbessert, sondern ganz im Gegenteil verschlechtert haben. Zwar haben die akademische Bildung und auch die Promotion eine soziale Öffnung erfahren, der Vorsprung der Bürgerkinder bei der Besetzung von Toppositionen ist dessen ungeachtet aber weiter gewachsen. Er hat sich im Verlauf der Zeit fast verdoppelt.
Bei der Besetzung von Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft ist letztendlich ausschlaggebend der "richtige" Habitus. Entscheidend jene Selbstverständlichkeit im Auftreten, die für "Eingeweihte" den entscheidenden Unterschied zwischen denen, die dazugehören, und denen, die nur dazugehören wollen, markiert. Diese Souveränität weist in der Regel nur derjenige auf, dem das Milieu von Kindesbeinen an vertraut ist, der sich in den "besseren Kreisen" nicht fremd, sondern zu Hause fühlt.
In die Chefetagen der Gesellschaft gelangen in erster Linie diejenigen, deren Väter auch schon dort residierten. Wer von Chancengerechtigkeit spricht, sollte das nicht vergessen. Chancengerechtigkeit hat wesentlich mehr mit Klassenstrukturen und damit auch Verteilungsgerechtigkeit zu tun, als die Protagonisten der neuen Sozialdemokratie wahrhaben wollen.
Professor Michael Hartmann lehrt Soziologie an der TH Darmstadt. Letztes Jahr erschien von ihm: Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Campus-Verlag, 19,90 Euro.