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Fälle zwischen den Fronten

Zum 80. Geburtstag des amerikanischen Krimiautors Joseph Hansen

Jörg Sundermeier

Gerald Dawson war beliebt - ein Familienmensch, der sich in der Kirche engagierte. Er hatte eine halbseitig gelähmte Frau geheiratet, die er offensichtlich nie betrog, hatte mit ihr einen Sohn und betrieb einen Laden für christliche Filme. Gerald Dawson war aber auch sehr unbeliebt - bei den Betreibern von Sexshops, die er mit einer militanten Bürgerwehr heimsuchte. Nun ist er ermordet worden. Klar, einer der schmierigen Sexshopbetreiber war der Täter. Die Lebensversicherung jedoch will wissen, an wen sie ihr Geld überweist, daher schickt sie einen Versicherungsdetektiv, Dave Brandstetter, in die Gemeinde. Der wiederum ist nicht überzeugt, dass sich der Fall so einfach klären lässt.

So beginnt der Roman "Nabelschau". Joseph Hansen, sein Autor, wird heute 80 Jahre alt. In den Vereinigten Staaten ist Hansen hochgelobt, er gilt, wie die Los Angeles Times schrieb, als einer der besten "Private-Eye Novel"-Autoren der Gegenwart und wird mit Chandler und Hammet verglichen. Dennoch ist Hansen hier zu Lande nur einer kleinen Gruppe von Krimifreunden bekannt. Was unter anderem daran liegt, das Hansens Helden schwul sind. Allerdings hatte er, wie er in seiner Autobiografie einräumt, mit Schwierigkeiten zu kämpfen, da selbst Liberale anfangs mit seinem unverschreckten Schwulsein nicht umgehen konnten. Dennoch, oder gerade deswegen: Hansen gehört zu den Wegbereitern der selbstbewussten schwulen Öffentlichkeit in den USA.

Hansen, der verheiratet und Vater ist, der sich als Folksänger, Vertreter, Buchhändler und Sekretär durchschlug, ehe er 1970 seinen ersten großen Erfolg feiern konnte, machte nie einen Hehl aus seiner sexuellen Orientierung. Er hat in den 60er-Jahren für diverse Schwulenmagazine gearbeitet, ist als Lyriker in der Tradition Walt Whitmans in Erscheinung getreten und hat in seinen Krimis stets das Schwulsein des Helden betont.

Bröckelnde Fassaden

Die Leser von "Nabelschau" erfahren zunächst, dass Brandstetter, der den souveränen Helden gibt, ein zerrüttetes Privatleben hat. Seine große Liebe ist tot, die nachfolgende Beziehung gescheitert, der Vater, sein bisheriger Auftraggeber, ist gestorben und die neuen Manager der väterlichen Versicherung haben ihn aus der Firma herausgemobbt. So ist Brandstetter zwar vermögend, aber einsam. Er arbeitet weiter als freier Detektiv, nicht weil er muss, sondern weil es ihn treibt. Die Fälle führen ihn zwischen die Fronten - immer fällt ein erfolgreicher Mann mit Geheimnis einem Mord zum Opfer. Bei Brandstetters Recherche dann zerbröckelt die Fassade des anständig-bürgerlichen Lebens, hinter dem die Hinterbliebenen sich zu schützen suchen. Insofern ist Brandstetter, der Homosexuelle, stets derjenige, der das normale Leben repräsentiert und in eine Sphäre der Verdrängung eindringt. Was nicht selten zum Amoklauf eines Beteiligten führt.

Es ist ein Verdienst des Argument Verlages, die Brandstetter-Romane, von denen ein Teil Mitte der 80er- Jahre in einer gekürzten Fassung schon einmal auf Deutsch erschienen ist, nun vollständig wieder herauszubringen. Jetzt erst erschließt sich, dass Hansen nicht nur spannende Plots entwerfen kann, sondern selbst seinen hässlichsten Figuren Sehnsüchte zugesteht - die Bigotten sehnen sich nach sexueller Libertinage, während allzu penetrante Freigeister gern auch einmal ein ruhiges Leben führen würden. Hansens Romane malen ein Sittenbild ihrer Epoche, in diesem Fall die USA der 70er-Jahre. Hansens Detektiv begegnet seinen Mitmenschen mit herzlichem Zynismus - zynisch ist er, um sich zu schützen, herzlich, weil er die Sehnsüchte seiner Mitmenschen zulässt. In dieser Mitmenschlichkeit wiederum scheint auf, wie die Welt sein könnte, wären die Menschen souverän genug, sie sich schön zu machen.

Joseph Hansen: Nabelschau. Argument, Hamburg 2003. 220 S., 9,90 Euro.