Mit Pauken, Trompeten und schräg schrammelnden E-Gitarren verschaffte die Hamburger Rockband "Les Robespierres" dem Performance-Festival "Reich und berühmt" einen zumindest unüberhörbaren Auftakt. Kurzzeitig verwandelten sie über Megafon die Klosterstraße in das "große Theater Oklahoma", jene fantastische Arbeitsvermittlungsstelle aus Franz Kafkas "America", die jedem Arbeit verspricht und doch nur Schwindel ist. Die Band präsentierte damit zugleich ihr eigenes Konzept: Theater machen, ohne Theater zu machen.
Seit acht Jahren sucht die "Werkstatt-Schau" im Podewil nach der Darstellungskraft neuer Medien jenseits des konventionellen Spiels. In diese Programmatik passt so ein Rock-Sprech-Wechselspiel wie "L Amerique, eine Propaganda-Operette" von der Regisseurin Angela Richter und den "Les Robespierres". In dem Eröffnungs-Zitaten-Patchwork-Klamauk treten nacheinander auf: Gestalten aus T. C. Boyles Roman "The Tortilla Curtain" (die von den Gefahren der mexikanischen Einwanderer erzählen), die schwarze Black-Panther-Aktivistin Angela Davis (die einen Anti-Weiße-Männer-Vortrag hält) und ein dänischer Amerikareisender und Hobbyfotograf (der Eine-Welt-Versöhnungsgeschichten zum Besten gibt). "L Amerique" legt ein schnelles Tempo vor und schrulligen Witz, aber vor allem ruft es von Klu-Klux-Klan zu Martin Luther King Schemen ab, deren Sarkasmus man nur begreift, wenn man die viel interessanteren Urquellen kennt.
Auch die schweizerische Gruppe "Schauplatz International" fokussierte die USA. Ihr Schauprozess zum 11. September "9/11 - The Trial" aber überflog nicht nur happeningmäßig einen bekannten Bilderteppich, sondern schraubte fleißig an den Bildherstellungsverfahren. Die Vorstellung vollzieht sich als knochentrockene, sarkastische Lektion: "Glaubhaftigkeit erklären - leicht gemacht". Ein Tier wird zu einem glaubhaften Richter erklärt, ein Daherlaufender zu einem glaubhaften Gutachter: Ein Bild erklärt einen Jemand zu einem glaubhaften Präsidenten, ein Medium erklärt ein Etwas zu einem glaubhaften Beweismittel. Das Genre von "Schauplatz International" ist die oft begriffsstutzige, naive Zerlegung von Wahrheiten in Arbeitsprozesse, man kann auch sagen: ihre Umwandlung in Manipulation. Die irrsinnige Willkür an diesem Weltprozess über die Turm-Stürze, in dem jeder jeden zum Zeugen, Gutachter und Richter erklären kann, kommt einem fatal bekannt vor. Leider ist die dreistündige Arbeit an der Wahrheit dennoch aus den Fugen und teilweise in die Banalität gerutscht (auf die Hälfte gekürzt wäre sie sicher wirksamer). Wie Angela Richters Rock-Theater verliert sich die Aussage in der Methode.
Als wohltuende Oasen setzen sich dagegen die Videoinstallationen von Friederike Koch und Sven Mundt ab. Allein ihretwegen lohnt es sich unbedingt, ins schön renovierte Podewil zu gehen. Man sieht auf Geschichten und in Gesichter, die sich den Weg bahnen durch alle Bildtechniken und Neonlichtschemen hindurch. Je länger man die Menschen in Friederike Kochs Video-Triptychon beobachtet, wie sie in verschiedenen Sprachen versuchen, Zungenbrecher zu sprechen, und scheitern, scheinen hinter der Sprachhemmung plötzlich elementarste Dramen auf: Ohnmacht, Überlistung, Verzweiflung. In "Faces L.E." von Sven Mundt sieht man Menschen Fragen nach dem Wichtigsten in ihrem Leben, ihren Wünschen, ihren Enttäuschungen beantworten, langsam, jeder zwanzig Minuten lang. Nichts driftet hier in Voyeurismus ab. Man hört einem achtzigjährigen Mann oder einem fünfzehnjährigen Mädchen zu, studiert sie und findet vielleicht in beiden etwas von sich wieder.
Reich und berühmt 16.-21. Juni im Podewil; Karten, Termine: 24 74 97 77
"Ich beglückwünsche die Organisatoren des Festivals zu ihrem Mut. " Thomas Flierl