Früh am Morgen gehört New York den Einzelgängern. Sie laufen ihre Meilen oder gehen mit dem Hund, sie sitzen auf einer Parkbank oder sie suchen verzweifelt einen Schuss. Es ist die erste Stunde des Tages oder die überschüssige der letzten Nacht. Es ist die Stunde, die nicht zählt, weil alles schon vorher entschieden ist. Es ist die Stunde, in der für kurze Zeit alles kristallklar ist. Spike Lees neuer Film "25 Stunden" ist der Versuch, aus diesem Moment melancholischer Reflexion heraus einen ganzen Tag im Leben eines Mannes zu erfassen, über den auch das Urteil bereits gesprochen ist.
Montgomery Brogan (Edward Norton) sitzt an einem Kai und denkt nach. Der alte Bekannte, der sich ihm nähert, gehört der Vergangenheit an. Er will Drogen kaufen, dringend und um jeden Preis. Aber Brogan ist nicht mehr im Geschäft. Er ist ausgestiegen, er hat ein bürgerliches Leben mit der schönen Naturelle Riviera (Rosario Dawson) begonnen. Eines Tages stand trotzdem die Polizei im Wohnzimmer, schnitt zielsicher das Sofa auf, und fand dort beträchtliche Restbestände aus dem alten Umfeld. Jemand muss Brogan verraten haben.
Das Urteil lautet: sieben Jahre Gefängnis. Anzutreten am Ende jenes Tages, von dem der Film "25 Stunden" erzählt. Im Original heißt er "The 25th Hour", ein Titel, der präziser zum Ausdruck bringt, wie sich die Zeit in dieser Geschichte verdichtet. Der eigenwillige Tonfall hat hier sein Motiv. Die Frist setzt alle Dinge in den Konjunktiv. Die Erzählstruktur aus Rückblenden und Umwegen entzieht Brogan den Boden unter den Füßen. Wenn er zurückkommen wird, wird nichts mehr so sein, wie es war, weil jeder Tag eine neue Welt schafft. Eine plötzliche, gewalttätige Veränderung ist dieser Verfilmung eines Romans von David Benioff schon eingeschrieben wie ein Geheimnis: Die Stadt New York, der sich Spike Lee hier von den Rändern her nähert, hat ihr symbolisches Zentrum verloren. Die Türme stehen nicht mehr, und es ist ein wenig so, als wären die Menschen dadurch zu Trabanten geworden, die aus der Bahn geraten sind.
Vielleicht ist dies der Grund für Brogan, sich an seinem letzten Tag in Freiheit noch um einen Hund zu kümmern, den er nachts unter einer Brücke aufliest. Das Tier geleitet ihn auf seinen Wegen, es wird am nächsten Morgen, wenn er zu seinem Vater James Brogan (Brian Cox) in den Wagen steigt und die Fahrt in die Haft antritt, sein einziges Vermächtnis sein.Die Freunde, die er trifft, sind alle eingesponnen in ihre eigene Welt, und Spike Lee lässt sie auch filmen wie hinter Glas: den unbeholfenen Lehrer Jacob Elinsky (Philip Seymour Hoffman), der sich von der Schülerin Mary D Annunzio (Anna Paquin) sexuell provozieren lässt; den bis zur Lächerlichkeit seinen Berufsklischees gehorchenden Finanzmann Francis Xavier Slaughtery (Barry Pepper); den Gangster Kostya Novotny (Tony Siragusa), auf dessen Geheiß hin sich Brogan noch einmal den alten Komplizen stellen mus s, im Hinterzimmer einer Diskothek, in einer Kammer, aus der kein Ton nach draußen dringt.
"25 Stunden" ist die Symphonie einer Großstadt, ein Querschnittsfilm nicht so sehr aus dem Geist der Objektivität, sondern des Solipsismus. Denn Brogan ist allein, hoffnungslos einsam noch in den intimsten Momenten. Die Beziehung zu Naturelle ist überschattet von dem Verdacht, sie könnte der Polizei einen Tipp gegeben haben. Der Vater ist ein lebendiger Vorwurf. Die Freunde sind schlechte Ratgeber. Vor dem Spiegel macht Brogan die Sache mit sich aus: Er verflucht jede Bevölkerungsgruppe von New York einzeln, kommt am Ende aber nicht umhin, sich als deren verlorenen Sohn zu begreifen. Er muss sich stellen, er muss die Wahrheit über sich und sein verpfuschtes Leben finden, und er muss sich vorbereiten auf die Torturen, die im Gefängnis auf ihn warten. Unter keinen Umständen darf er dort als ein attraktiver Mann erscheinen, deswegen ist der letzte Freundschaftsdienst, den ihm Elinsky und Slaughtery erweisen, besonders brutal.
Es ist die einzige Szene, in der "25 Stunden" ganz konkret wird, in der Spike Lees Trauerwelt aufbricht, und der Körper sein Recht über die Seele zurückgewinnt. Denn über weite Strecken ist dies eher ein gedachter als ein gefühlter Film. Mit erhabener Distanz folgt Lee den Figuren. Sie erscheinen wie unter einem Teleskop, das überscharf gestellt ist. In der Diskothek, im Neonlicht und zu den Beats der neuesten HipHop-Hoffnung, treiben Brogan und seine Freunde aneinander vorbei. Manchmal schweben sie tatsächlich, aber nicht schwerelos, sondern wie auf dem Grund eines Ozeans, der mit dem ganzen Pathos von New York gefüllt ist.
Spike Lee hat darauf natürlich ein erworbenes Anrecht. Er hat von den Serienmördern und Basketballstars der Stadt erzählt, von ihren Fahrradboten, Ehebrechern und Fotomodellen, und - in "Clockers" - auch von den Crack-Dealern, deren Existenz noch viel brutaler ist als die von Brogan. Neben Martin Scorsese hat Spike Lee, unter den Filmemachern der Gegenwart, die größten Verdienste um die Mythologie von New York. In "25 Stunden" wird diese allerdings übermächtig. Montgomery Brogan bleibt klein und introvertiert, ein Mann mit einer Vorgeschichte, und doch ohne Vergangenheit, weil er in einer Zeitfalle sitzt. "The 25th Hour" ist nämlich so sehr mit Bedeutung aufgeladen, dass aus den vierundzwanzig Stunden des Montgomery Brogan kein Tag wird. Sie bleiben ein seltsamer Traum, aus dem es nur ein ratloses Erwachen gibt.
25 Stunden (The 25th Hour) // USA 2002 135 Minuten, Farbe Regie: Spike Lee Drehbuch: David Benioff, nach seinem eigenen Roman Kamera: Rodrigo Prieto Musik: Terence Blanchard Darsteller: Edward Norton, Philip Seymour Hoffman, Barry Pepper, Rosario Dawson, Anna Paquin, Brian Cox, Tony Siragusa, Levani Outchaneichvili, Mischa Kuznetsov, Isiah Whitlock jr. , Michael Genet, Tony Devon, Paul Diomede, Aaron Stanford u. a.
Weitere Filmrezensionen finden Sie auf den Seiten 2 und 3 im Kulturkalender der Berliner Zeitung von heute.
BUENAVISTA Verpfuschtes Leben hinter Glas: Monty Brogan (Edward Norton, r. ) im Gespräch mit seinem Freund Slaughtery (Barry Pepper).