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GESPRÄCH

"Die Gewalt ist gerechtfertigt. Nichts geschieht ohne Grund. "

CITY OF GOD - In den Baracken von Rio leben Kinder als Mörder und Drogenhändler. Ihr Elend zeigt Fernando Meirelles in einem virtuosen und erschreckenden Film.

Marcus Rothe

Mit "City of God" ist Fernando Mereilles ein überraschender Erfolg gelungen; in seinem Heimatland Brasilien hat sein Erstlingswerk mittlerweile über 3 Millionen Besucher gehabt. Wir sprachen mit dem Regisseur über seinen Film.

Sie haben Ihre Karriere als Werbefilmer begonnen. Wie sind Sie dazu gekommen, einen Film über das Leben in den Favelas zu drehen?

Ein Freund hatte mir das Buch "Cidade de Deus" von Paulo Lins gegeben. Ich war überrascht und schockiert. Denn obwohl ich seit 47 Jahren in Brasilien lebe, wusste ich nicht, was sich in den Favelas wirklich abspielt. Der Autor des Buches hat selber in der Favela gelebt, er liefert eine ungewöhnliche Innensicht. Über diese Realität wollte ich einen Film machen.

Haben Sie mit dem Erfolg gerechnet?

Nein, ich war äußerst überrascht. Normalerweise wollen die Brasilianer aus der Mittelklasse nicht mit dem "armen" Brasilien konfrontiert werden. Dass der Film sein Publikum gefunden hat, zeigt, dass sich das allmählich ändert, dass viele Brasilianer ihr eigenes Land besser kennen lernen wollen. Immerhin wohnen über 20 Prozent der Bevölkerung in den Favelas, da sollte auch der Rest wissen, was sich dort abspielt. Anders als viele glauben, sind die Favelas auch nicht das "hässliche Gesicht" Brasiliens. Im Gegenteil! Ich wollte zeigen, dass die Favela-Bewohner und selbst die Drogenhändler in erster Linie Menschen sind, die von unserer Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Im Film geht es um die Formen der Ausgrenzung.

Braucht man die Erlaubnis der Drogenhändler, um im Innern der Favelas zu drehen ?

Ja, denn sie stehen ganz unter ihrer Kontrolle. Man muss sie um eine Dreherlaubnis fragen und gleichzeitig die Polizei bitten, die Dreharbeiten nicht zu "schützen", um Konflikte zu vermeiden. Seltsam: Man muss die Polizei bitten, nicht einzugreifen. Aber nachdem wir mit beiden Seiten verhandelt hatten, liefen die Dreharbeiten reibungslos. Schließlich kamen alle Statisten, Friseure, Bühnenbildner und die meisten der Hauptdarsteller selber aus der Favela.

Im Film spielt die Gewalt eine große Rolle, ohne dass die Motive dahinter immer sichtbar werden. Wollten Sie die harte Realität nicht beschönigen ?

Die Gewalt in "City of God" ist gerechtfertigt, nichts passiert ohne Grund. In der Favela tötet man, um sein Territorium zu erweitern und mehr Macht zu bekommen. Zum Beispiel tötet Zé Pequeno, der "Böse" in unserem Film, alle Drogenhändler in der Umgebung, um die Kontrolle zu übernehmen. Dann zeigen wir, wie er mit dieser Umgebung umgeht, wie hart er die Bewohner behandelt, um die Kinder vom Stehlen abzuhalten und die innere Ordnung der Favela zu garantieren. Er tötet, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.

Tote sind den Dealern egal.

Das gehört zum Geschäft. Jeder Junge, der sich auf den Drogenhandel einlässt, weiß, dass er fünf Jahre später erschossen wird. Bei unseren Dreharbeiten in der Favela liefen eine Menge junge Drogenhändler herum. Oft sagte ich ihnen: "Was machst du eigentlich? In fünf Jahren bist du tot." Und sie antworteten mir: "Ja, ich weiß, aber wenigstens habe ich dann fünf außergewöhnliche Jahre erlebt." Tragisch ist: Sie wissen, dass sie sterben werden. Mit sechzehn sind die Dealer schon erwachsen und ihnen bleiben höchstens noch drei Jahre zu leben. Sie sagen "Was soll ich denn sonst machen?"

Können kritische Filme wie "City of God" dabei helfen, die gesellschaftliche Lage zu verbessern?

Ich glaube nicht, dass "City of God" etwas verändern kann. Kein Film kann das. Er kann höchstens eine Debatte auslösen. Die Gewalt und die Armut der städtischen Bevölkerung sind mittlerweile zu den wichtigsten Aufgaben der brasilianischen Politik geworden. Alle Politiker reden davon. Und unser neuer Präsident Lula hat verstanden, dass die Favelas nicht mit staatlicher Gewalt befriedet werden können, sondern dass man die Infrastrukturen verbessern muss, also Schulen, Krankenhäuser und Sportplätze bauen sollte. Vielleicht hat der Film dabei geholfen, vielen Menschen diese Probleme klar zu machen.

Wollen Sie nach Ihrem Erfolg in Brasilien bleiben ?

Seitdem mein Film letztes Jahr im Wettbewerb von Cannes lief, bekomme ich jede Woche Drehbücher aus Hollywood geschickt. Die Studios wollen, dass ich für sie Filme mit großen Budgets drehe. Aber ich bin nicht interessiert. Denn ich arbeite mit meinem Drehbuchautor an einem neuen Film, der von der Globalisierung in fünf verschiedenen Ländern handelt. "City of God" handelte von der gesellschaftlichen Apartheid in Brasilien. Jetzt geht es um die weltweite Apartheid: die immer reicher werdende Erste Welt und die ausgegrenzte Dritte Welt. Eine Komödie in fünf verschiedenen Sprachen.

Das Gespräch führte Marcus Rothe.

"Ich will die Formen der Ausgrenzung zeigen. " Fernando Meirelles.

CONSTANTIN/SILKE REENTS Fernando Meirelles