In Brasilien sprechen die Menschen schon jetzt von einer Zeit vor Lula und einer Zeit nach dem Regierungsantritt des neuen Ministerpräsidenten. Die Ära Lula, die gerade erst begonnen hat, steht unter dem Zeichen des Ausgleichs. Den Interessen der Hungernden und der Kapitalmärkte soll gleichermaßen Genüge getan werden, die größte Nation Lateinamerikas soll zu einem global integrierten Gemeinwesen zusammenwachsen. Die Zeit davor stand im Zeichen wuchernder Gegensätze: Arme gegen Reiche, Stadt gegen Slum, Landlose gegen Großgrundbesitzer, Exekutive gegen Gesetzlose, Drogenhändler gegen Süchtige, Gottlosigkeit gegen Gnadenakte. Der Film "City of God", nach dem Roman "Cidade de Deus" von Paulo Lins, zeichnet eine epische Chronik dieses gewalttätigen Zeitalters. In der Regie von Fernando Mereilles bekommt es schon jetzt eine mythische Qualität.
In der "Stadt Gottes", einer Sozialsiedlung im Einzugsgebiet der Millionenstadt Rio de Janeiro, sind die Jugendlichen in den späten sechziger Jahren in Banden organisiert, die sich ihre Tätigkeitsfelder erst suchen müssen. Nachts verüben sie kleine Überfälle, tagsüber spielen sie Fußball im Straßenstaub. Der Junge Buscapé nimmt die Position des Beobachters und Erzählers ein. Er wird später Fotograf werden, schon zu Beginn ist er für Fernando Mereilles das Medium, mit dem er einen faszinierten Blick teilt, der von Riefenstahls Nuba-Fotografien ebenso geprägt ist wie von der Gangsta-Ikonik des HipHop.
Zum wichtigsten Mann in der Stadt Gottes entwickelt sich Zé Pequeno, genannt Locke. Der Nihilismus und die Amoral dieser Figur sind so schockierend, dass Mereilles damit nur allmählich herausrückt. Locke erfährt seine Initiation bei einem Überfall auf ein Bordell, der in einem Massaker endet. In den siebziger und achtziger Jahren wird er zum größten Drogenhändler in der Stadt Gottes. Mit seinen Schwadronen garantiert er die Ordnung im Viertel, um die sich die Polizei nicht kümmert. Er inspiriert jedoch auch die Heranwachsenden, es ihm gleichzutun. Eine Strafaktion gegen ein Rudel von Halbwüchsigen kulminiert in einem Moment radikaler Grausamkeit, im dem die ausweglose Entscheidungslogik der Straße deutlich wird: Die wimmernd in eine Ecke gedrückten Kinder können es sich aussuchen, ob sie sich von den Großen verstümmeln lassen, oder einen Freund opfern, indem sie ihn selbst töten.
Mereilles weiß um die Ambivalenz dieses Augenblicks, in dem die moralischen und die ästhetischen Probleme seines Films in aller Deutlichkeit sichtbar werden. Er schlägt sich mit der Kamera auf die Seite der Täter, weil ihm gar nichts Anderes übrig bliebt. Die Anarchie und ihre archaischen Regeln sind sein größtes Kapital. Während der Erzähler Buscapé (Alexandre Rodrigues, Synchronstimme: Xavier Naidoo) mit dem Fotoapparat eine Position zwischen den Fronten sucht (und findet), taucht Mereilles mit Locke und seinen Kumpanen ins Chaos.
Zur amerikanischen Funk-Musik eskalieren die Geschehnisse in einer Massenszene, in der Mereilles seine ganze Virtuosität beweisen kann. Kühn fragmentiert er die Geschichten und setzt sie nach den Kriterien neu zusammen, die Tarantinos "Pulp Fiction" entlehnt sind. Die Beschleunigungen und Verzögerungen, die distanzierenden Einschaltungen und das kalte Spiel der Laiendarsteller erweisen die Verfügungsmacht des Regisseurs über das Geschichtenmaterial. Tarantino ging es dabei um eine Welt, die nur auf dem Papier und in der Videothek existiert, die von schäbigen Gangstern und späten Femmes fatales bewohnt wird. Mereilles aber handelt vom Leben in den Favelas in einer Weise, als wäre dieses selbst "Pulp Fiction".
In den achtziger Jahren drehte er Werbung und Fernsehdokumentationen. "City of God" ist nun sein erster Spielfilm. Die Zeit der Handlung entspricht auch der, in der Brasiliens Kino mit Glauber Rocha ("Terra em transe") in den sechziger Jahren seine Moderne durchlebte, in den siebziger und achtziger Jahren praktisch zum Erliegen kam, während es seit den neunziger Jahren mit den Erfolgen von Walter Salles unter völlig veränderten Umständen eine Renaissance erlebt. Als Enzyklopädist der Stilmittel und Erfinder einer spezifischen "Favela Fiction" ist Mereilles schon jetzt die wichtigste Figur dieser Bewegung. Das Elend wird bei ihm zum Rohstoff, der ihn nicht so sehr aus der Perspektive der Betroffenen interessiert, sondern von einem überlegenen Standpunkt aus, in dem der Regisseur zum Souverän über einen Ausnahmezustand wird. Mit dessen Ende unter Lula müsste Mereilles eigentlich ganz neu ansetzen, denn für die Mühen der Ebene ist eine entfesselte Kamera kaum das richtige Instrument.
City of God // Brasilien 2002 128 Minuten, Farbe Regie: Fernando Meirelles und Katia Lund Drehbuch: Braulio Mantovani nach dem Roman "Cidade de Deus" von Paulo Lins Kamera: Cesar Charlone Musik: Antonio Pinto, Ed Cortes Darsteller: Luis Otavio, Matheus Nachtergaele, Seu Jorge, Douglas Silva, Alexandre Rodrigues, Leandro Firmino da Hora, Roberta Rodriguez Silvia u. a.
Weitere Filmrezensionen finden Sie auf den Seiten 2 und 3 im Kulturkalender der Berliner Zeitung von heute.
CONSTANTIN Beobachteter Beobachter: Buscapé (Luis Otavio) wächst in der "Stadt Gottes" auf. Später wird er Fotograf werden.