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Die Zertrümmerung des Zusammenhangs

Stewart O'Nans Roman "Der Zirkusbrand" erzählt eine wahre Geschichte, akribisch, aber ohne Spannungsdramaturgie

Stephan Speicher

Anfang August 1942 gastierte Ringling Bros. and Barnum & Baily, "The greatest Show on Earth", in Cleveland. Amerika befand sich im Krieg. Es war eine schlimme, aber keine karge Zeit. Die große Depression war überwunden, die Rüstungsindustrie suchte Arbeitskräfte und zahlte gut. Davon profitierte auch der Zirkus. Die Leute arbeiteten hart und wollten sich auch etwas gönnen, und die Konkurrenz war nicht groß. Die Weltwirtschaftskrise hatten nur zwei Eisenbahn-Zirkusse überlebt, Ringling Bros. and Barnum & Baily beherrschte das Feld. Für die Elefantengruppe hatte Strawinsky komponiert und Balanchine die Choreografie entwickelt. Zu behaupten, dies sei die größte Show der Erde, war keine Übertreibung.

Das Gastspiel in Cleveland hatte gut begonnen. Am Morgen nach der Premiere schien bei strahlend heißem Wetter alles gut weiterzugehen. Schon sollte zum ersten Einlass in das Abnormitätenkabinett getrommelt werden, da stand plötzlich das Menageriezelt in Brand. Innerhalb von Minuten war das Zelt verschwunden, von den Flammen "wie Seidenpapier" verzehrt. Die Tiere folgten nicht etwa einem natürlichen Fluchtinstinkt. Die Elefanten warteten auf ihren Dompteur, die Kamele legten sich ins Stroh, wo das Feuer auf sie hinabfiel. Ein großer Teil der Tiere, die noch aus dem Zelt geführt werden konnten, hatten schon so starke Verbrennungen, dass sie erschossen werden mussten. Die Pfleger weinten, und der Tierarzt sagte später, er werde "nie vergessen, dass die Tiere während der ganzen Zeit keinen Laut von sich gaben".

Es ist eine eindrucksvolle Geschichte, mit der Stewart O Nan sein Buch "Der Zirkusbrand" beginnt. Aber das Unglück in Cleveland ist nur ein Vorspiel, so traurig es schien. Zwei Jahre später, am 6. Juli 1944 in Hartford, Connecticut, ereignet sich ein neuer Zirkusbrand. Diesmal ist es nicht die Menagerie, diesmal ist es das Hauptzelt, nicht am Vormittag, sondern während der Vorstellung. Aber es bestätigt sich, was in Cleveland zu sehen war: "Es ist unmöglich, ein Zirkuszelt zu retten . Sie haben keine Vorstellung, wie schnell so ein Zirkuszelt abbrennt." Trotz der Erfahrungen, die man zwei Jahre zuvor gemacht hatte, war der Zeltstoff nicht feuerhemmend präpariert worden. Von den rund neuntausend Besuchern starben 167, davon 67 Kinder.

Das war die größte Katastrophe in der Geschichte Connecticuts. Als Stewart O Nan nach Hartford zog, begann er sich dafür zu interessieren. Seine Nachbarn und Bekannten beschäftigte das Feuer auch, jeder hatte etwas darüber zu berichten. Aber ein Buch dazu gab es nicht. O Nan fand das merkwürdig. "Die Vorstellung von einem brennenden Zirkuszelt und den darin sterbenden Kindern erschütterte mich." Er begann, das archivierte Material durchzusehen und neues zu sammeln. Zuletzt schrieb er das Buch selbst, "eine wahre Geschichte".

Wahr ist sie, insofern wohl nichts erfunden ist. Mit ungeheurer Akribie hat O Nan sich der Sache angenommen, und wenn einem kleinen Jungen der Schnürsenkel aufgeht, bevor die Familie sich auf den Weg in den Zirkus macht, dann wird auch das dem Leser präsentiert. Als "wahr" wird der Autor wohl auch den Verzicht auf eine kunstgerechte, spannungssteigernde Dramaturgie nennen. Helden, an deren Taten sich Autor und Leser durch die Geschehnisse hangeln könnten, fehlen, auch wenn eine Reihe von Leuten sich heldenhaft benommen hatten, wie die Musiker, die eine Panik verhindern wollten und deshalb auf ihrer Empore so lange wie möglich, immer wieder, "Stars and Stripes forever" spielten, statt sich auf die schnellste Weise zu retten.

Das alles kommt vor bei O Nan, die Familien, die sich einen fröhlichen Nachmittag machen wollten, die Artisten, die Polizei- und Feuerwehrleute, die möglichen Brandstifter, die Verantwortlichen des Zirkus und die der zuständigen Behörden. Die Ordnung aber, in der sie auftreten, ist die einer strengen Chronologie. Das könnte zunächst ganz natürlich klingen, das Frühere vor dem Späteren zu berichten. O Nans Chronologie aber ist eine ganz kleinteilige. Auf einem feinskalierten Zeitpfeil werden die Informationen, die er gesammelt hat, angeordnet und das heißt: es werden Informationen um dieses Prinzips willen auseinander gelegt, die man naiv als zusammenhängend ansehen würde. Ein Opfer ringt mit dem Tode; wir neigen dazu, seine Geschichte durchlaufend von der Verletzung über die Behandlung und die Krisen bis zur Genesung oder dem Tod zu erzählen. O Nan bringt die einzelnen Daten der Krankengeschichte nach dem Ablauf der Uhr. Daher gibt es auch wenig Psychologie. Die Figuren werden erzählerisch zersplittert, bevor sie ein Profil, eine Geschichte bekommen könnten.

Wer trug die Schuld an der Katastrophe? Warum war die Zeltbahn nicht feuerhemmend beschichtet? O Nan ordnet die Einlassungen der Beteiligten an, wie sie im Laufe der Untersuchungen nach und nach vorgetragen wurden, er will nicht selbst ein Gutachten abgeben. (Tatsächlich hatte sich niemand, weder die Zirkusdirektion noch die öffentliche Aufsichtsbehörde, um den Feuerschutz gekümmert.) Es ist aber auch nicht so, dass zusammenhängende Dokumente, Verhörprotokolle etwa, zitiert würden. O Nans Prinzip ist die Zusammenhangszertrümmerung. Richtiger: die Zertrümmerung unserer Vorstellungen von in sich schlüssigen Zusammenhängen.

"Die Wahrheit ist oft seltsamer als jeder Roman", erklärt der Autor im Vorwort seine Entscheidung für die "Strenge und Nüchternheit eines Sachbuchs". Der Zirkusbrand in Hartford - die Ursache wurde nie aufgeklärt - ist für O Nan "nicht nur eine Tragödie, sondern auch ein unlösbares Rätsel". Durch diese Mischung behalte die Geschichte "ihre Faszination, aber auch ihr Frustrierendes". Von beidem hat "Der Zirkusbrand" viel. In seinen späteren Teilen, wo es um das weitere Schicksal der Brandopfer, die Identifizierung der Leichen und die Suche nach den Schuldigen geht, verdämmert das Buch, als nehme es teil an der nachlassenden Kraft der Aufklärung und Erinnerung.

Was wie das Natürlichste aussieht, die strenge Chronologie, ist das Künstlichste. Man kennt die Strategie des Autors aus seinem wohl berühmtesten Buch, "Speed Queen", wo eine Serienmörderin in der Todeszelle ihre Geschichte für Steven King aufs Band spricht. Es scheint, als spräche das Leben selbst, von allem Beiwerk befreit durch den Blick auf die Hinrichtung, die in den nächsten Stunden stattfinden soll. Und doch erzählt die Heldin ihre Geschichte als Steven-King-Leserin, sie erzählt sie Steven-King-förmig.

Aber was ist im "Zirkusbrand" mit der Methode gewonnen? Was sie wegräumt, ist offenbar, aber was gewinnt sie? Das fein gepulverte Tatsachenmaterial ist von Staub nicht leicht zu unterscheiden. Zuletzt sind uns der Brand der Menagerie 1942 und ihre lautlos verendenden Tiere näher als die unglücklichen Zirkusbesucher in Hartford, Connecticut, am 6. Juli 1944.

Stewart O'Nan: Der Zirkusbrand. Eine wahre Geschichte. Deutsch von Thomas Gunkel. Rowohlt, Reinbek 2003. 509 S. , 24,90 Euro.

AUS "Der Zirkusbrand" Ralph Emerson fotografierte von der Barbour Street aus den Rauch von den Tribünen. Rechts im Vordergrund führen Tierpfleger die Elefanten weg.