Mit Straßenfesten und Konzerten wird man am 1. Mai keine Krawalle verhindern. Das behauptet der Protestforscher Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Unter seiner Leitung erarbeiteten Soziologiestudenten der Freien Universität eine Studie mit dem Titel "Berlin, 1. Mai 2002 - Politische Demonstrationsrituale".
Gestern haben sie ihr Werk vorgestellt. Ihren Pessimismus stützen die Forscher auf die Erkenntnis, dass die Gewalt in Berlin den Charakter von Ritualen hat. Im Gegensatz zu Politikern und Polizei gehen die Forscher nicht davon aus, dass die Rituale sinnentleert sind. "Die Akteure kommen zusammen, um sich ihrer selbst zu vergewissern und für sich Sinn zu stiften und zu erneuern", so Rucht. Deshalb habe der 1. Mai aus Perspektive der Akteure eine ganz andere Bedeutung, als sie die Medien wiedergäben. "Der 1. Mai ist für die Teilnehmer kein langweiliges und sich stupide wiederholendes Ritual aus Protest und Krawall." Rucht zufolge benötigen die jeweiligen Gemeinschaften den 1. Mai, um eine eigene Identität zu schaffen, zu stärken und sich abzugrenzen gegen Rivalen.
Die Forscher glauben, dass der Automatismus dieser Krawalle schwer zu überwinden sein wird, weil die Proteste des 1. Mai als Stärkung des Gruppengefühls empfunden würden. Weil es also um ritualisierte Beschwörungen von Gemeinschaften gehe, sei die Übermittlung von politischen Botschaften an Außenstehende nicht der wichtigste Aspekt.
Rucht und seine Studenten waren im vergangenen Jahr am 1. Mai auf verschiedenen Veranstaltungen unterwegs, sie beobachteten Teilnehmer und dokumentierten das Geschehen. Dabei nahmen sie eine Art Gesellschaftsvertrag wahr: "Erlaubt scheint das revolutionäre Entglasen von Bushaltestellen, das Anzünden von Luxusautos und das Steinewerfen auf gepanzerte Polizisten", sagt Ruchts Mit-Autor Norbert Meyerhöfer. "Es werden aber keine Wohnungen angegriffen oder Waffen verwendet." Auch nach Zehlendorf oder Wilmersdorf, wo die Reichen wohnten, habe sich kein Krawall verlagert. Das alljährliche Rebellionsritual sei vergleichbar mit dem der Fastnacht, so Meyerhöfer. "Erstens: Einmal im Jahr die Sau rauslassen, zweitens: auflehnen gegen die Ordnung. Drittens: Es gibt keinen Umsturz der Regierung, anschließend werden die Pflastersteine wieder eingesetzt."
Massive Kritik übten die Forscher an den Medien, die als Teilnehmer der Rituale von der Lust am Ausnahmezustand gepackt würden. Sie würden sich nur auf das Thema Gewalt konzentrieren. Sachliche Informationen über die Akteure fehlten.
Als kennzeichnend für den 1. Mai sehen die Forscher auch die Zersplitterung in verschiedene ideologische Fraktionen. "Man kann vermuten, dass es an keinem Ort der Welt am 1. Mai ein derart vielschichtiges und zersplittertes Geschehen gibt wie in Berlin", sagte Rucht. Einen bisherigen Höhepunkt erreichte die Zersplitterung im vergangenen Jahr mit 16 Veranstaltungen. In diesem Jahr eskalieren die Konflikte zwischen den Gruppen weiter. In Kreuzberg reißen sich radikale Sektierer derzeit gegenseitig die Werbeplakate für ihre Demonstrationen ab.
Studie mit Mängeln
Obwohl sich die Studie mit der Reinszenierung von Ritualen beschäftigt, befassen sich die Forscher nur am Rande mit den Ereignissen in den Vorjahren. Sie stützen sich vor allem auf die Analyse von Medienberichten sowie "teilnehmende Beobachtungen". Die Studie konzentriert sich auf die Organisatoren von Veranstaltungen und auf deren Verlautbarungen. Sie beantwortet jedoch nicht, wer zu der großen Gruppe der unpolitischen Steinewerfer gehört. Freizügig räumt Rucht diese Mängel ein und entschuldigt diese damit, dass die Forschung in der Freizeit mit einem Null-Budget erfolgt sei.
Alljährliche Gewalt seit 1987 // Als Initialzündung für die Krawallrituale wird in der linksradikalen Szene der 1. Mai 1987 gesehen. Damals wurde in Kreuzberg ein Supermarkt geplündert.
Diese Ausschreitungen bildeten 1988 den Anlass zum Ausrufen des "Revolutionären 1. Mai", der fortan eine eigene gewaltsame Tradition bildete - auch um sich von den Gewerkschaften abzugrenzen.
1989 gab es die bislang schwersten Krawalle, bei der 350 Polizisten verletzt wurden. Der SPD-Innensenator, der Deeskalations-Strategie angeordnet hatte, musste zurücktreten.
1995-98 gab es Mai-Krawalle vor allem in Prenzlauer Berg.
1999-2000 verlagerten sich die Straßenschlachten wieder nach Kreuzberg.
2001 wurde die "Revolutionäre 1. Mai-Demo" von CDU-Innensenator Eckart Werthebach verboten. Trotzdem gab es in Kreuzberg schwere Ausschreitungen.
2002 versuchte der SPD/PDS-Senat es erneut mit der Deeskalationsstrategie. Die Krawalle in Kreuzberg liefen tatsächlich etwas glimpflicher ab. Es gab weniger Festgenommene und verletzte Polizisten.