Es ist der 15. April 1941. An seinem Geburtstag fahren Erich und Katja Arendt an die provenzalische Küste. "In Cassis", schreibt Katja in ihr Tagebuch, "erwartet uns eine Bouillabaisse und herrlicher Wein u. nachdem wir viel davon getrunken haben, gehen wir in eine kleine wilde Bucht und hören die Zikaden singen u. machen Pläne für die Zukunft. Auswanderung oder nicht? Es ist so schwer, Europa verlassen zu müssen!" Sie hatten Deutschland schon 1933 verlassen, weniger der jüdischen Herkunft Katjas als Erichs wegen; er hatte als Kommunist bereits vor der Machtübernahme durch die Nazis Übergriffe zu fürchten. Nach Aufenthalten in der Schweiz, Südfrankreich und Barcelona musste das Paar 1936 von Mallorca fliehen, als die Insel von Franquisten eingenommen wurde. Auf Umwegen nach Katalonien zurückgekehrt, kämpften sie im Spanischen Bürgerkrieg; Erich an der Front, Katja im Verwundetendienst. Als der Krieg für Republikaner und Internationale verloren war, wichen sie nach Frankreich aus. Bald nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird Erich dort interniert, kurz auch seine Frau. 1941 gelingt die Flucht. Sie treffen sich in Marseille und wollen nach Südamerika emigrieren.
Die Fähigkeit, trotz der widrigsten Umstände zu genießen, was der Tag bietet, bleibt dem Ehepaar Arendt erhalten. Das Unstete, Nomadenhafte, ist es auch von außen aufgezwungen, wird mit Stolz bejaht. Grenzüberschreitungen bestimmen Leben und Arbeiten des Schriftstellers, Übersetzers, Lehrers und Fotografen, der Mitte der 20er-Jahre von Neuruppin nach Berlin zog. Auch die Heirat mit Katja Hayek war eine "Überschreitung", denn sie stammte aus einer großbürgerlichen, kunstsinnigen Familie. Ohne sie hätte das "Fenster zur Welt", das der 1950 remigrierte Arendt dem jungen Fritz J. Raddatz in der "grauen, biederärmlichen DDR" öffnete, wohl ein kleineres Format gehabt. Über 30 Jahre lang war Katja das Beständige im Leben Arendts und hatte bedeutenden Anteil an seiner Arbeit, so den ersten deutschen Übertragungen Pablo Nerudas oder Vicente Aleixandres. Der Vagant hat sich, spät und nicht ganz entschieden, auch von ihr gelöst: "Windleere meines,/ ach, ihres/ Herzens! Wo?" ("Odysseus Heimkehr")
Die Grundspannung zwischen Getriebenheit und Flanierlust findet sich bei Arendt allerorts. Leitmotivisch zieht sie sich in der Figur des Albatros, Odysseus oder eben des Vaganten durchs gesamte Werk. Hermes fehlt - merkwürdigerweise, war doch Arendt für die jüngeren DDR-Schriftsteller wie Adolf Endler, Elke Erb und Sarah Kirsch Vermittler von Weltliteratur und -kunst, an die man sonst nicht herankam.
Die Nähe zu den Jüngeren unterschied Arendt von anderen Schriftstellern seiner Generation. "Das Schwert über die Greise, die nicht jung werden wollen!", schreibt er 1960 an Bobrowski, erbost über die verknöcherte (Kultur-)Politik in der DDR. Erstarrungen und Versteinerungen sind omnipräsente Bilder seiner seither entstehenden Lyrik. Gegen die eigene Verknöcherung hält er sein Credo von der "Unabschließbarkeit" des Gedichts: die Weigerung, es zu Ende kommen, es "sesshaft" werden zu lassen, es stattdessen immer wieder in die jeweilige Situation zu übersetzen.
Zum Eindrücklichsten der Gedichte Arendts zählt, wie er der Spannung zwischen Hoffen und Verzweifeln Gestalt gibt. In seiner Metaphernwelt ist der Fixpunkt des menschlichen Strebens der Horizont, trotz der schmerzhaften Erkenntnis, dass die Wirkung des "Prinzips Hoffnung" auf die Realität gering bleiben wird. Die Entfernung zum Horizont kann mithilfe der Imagination wahrgenommen werden, erreicht werden kann er nicht. Bereits in "Vergänglicher Tag" noch im Exil entstanden, heißt es: "Hört ihr,/ wie durchs Dunkel (.) der unsichtbare, der kaum geahnte/ Horizont/ uns langsam zerbricht?" Indem offen bleibt, wer hier zerbricht, "wir" oder der Horizont, drückt sich die Erfahrung des Verzweifelns treffend aus. Für die Verwirklichung der Utopie zu kämpfen, scheint die Entfernung zu ihr schließlich nur zu vergrößern. In dem 1976 Artur London gewidmeten Text "Hafenviertel II" schließt Arendt: "sieh: der durchs Fahnentuch geht, im Riss: meerblau ein Streif, dahinter die winzige Ande Hoffnung: fatamorgan." London, Spanienkämpfer, Mitglied der französischen Résistance, Sekretär des Auswärtigen Amtes der CSSR, wurde 1952 in den Slanskí-Prozessen Opfer stalinistischer Verleumdung.
Das düstere Pathos in Arendts später Poesie des Scheiterns wirkt oft befremdlich und irritierend. Aus der Entfernung wird der scharfe Kontrast deutlich zu den Naturalismen, Zynismen oder der gewollten Beiläufigkeit zeitgenössischer Literatur auf beiden Seiten der Mauer. Den Pathosbegriff hat eine Kritik, die Literaturgeschichte linear zu verstehen pflegt, auf Werke der Moderne gern despektierlich angewendet. Inzwischen bemüht sich die Literaturwissenschaft um ein differenzierteres Bild der Moderne(n).
Der Autor ist zusammen mit Manfred Schlösser Herausgeber der Kritischen Werkausgabe, die im Berliner Agora-Verlag erscheint.
Die Geburtstagsausstellung "Menschen sind Worttiere" ist vom 16.4. bis 1.6. im Schloss Rheinsberg zu sehen.
FOTO BARBARA MORGENSTERN Erich Arendt (1903-1984)