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LEIPZIGER BUCHMESSE

Anarchie in den Zeiten des Spätkapitalismus

Die ersten zwei Romane der Werkausgabe von B. S. Johnson garantieren rabenschwarze Unterhaltung

Uta Beiküfner

Jedes Land hat seine Dichter, über die es jahrzehntelang schweigt, um sie plötzlich in den höchsten Tönen zu loben. Das ist insofern verständlich, als nicht selten die Stummheit von dem Schrecken herrührt, den ihr Werk den Zeitgenossen einjagte. Und bis sich gelähmte Zungen wieder lösen, verstreichen nun mal Jahre.

Auch der englische Schriftsteller Bryan Stanley Johnson polterte und stolperte durch den Literaturbetrieb der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, von den meisten geächtet, von wenigen geachtet. Dreißig Jahre nach seinem Tod zählt er zu den Großen seiner Kunst, und das zu Recht. Johnson verweigert sich wie Beckett, er monologisiert wie Joyce und ist so närrisch wie Sterne. Zu entdecken ist er nun in einer Werkausgabe, die der Argon Verlag im vergangenen Jahr in Angriff nahm. Eröffnet wurde sie mit Johnsons letztem Roman, "Christie Malrys doppelte Buchführung", fortgesetzt in diesem Jahr mit seinem Debüt, "Albert Angelo".

Wie ein roter Faden zieht sich Johnsons Biografie durch seine Bücher. Trotzdem ist das Leben erlogen, von dem da berichtet wird. "Geschichten erzählen heißt Lügen erzählen", lautete Johnsons Maxime. Er lügt und betrügt seine Leser, weil er selbst in diesen Geschichten belogen und betrogen wird. Geboren 1933 in London gehörte er zu jener Generation, deren Kindheit vom Krieg beendet und deren Schulbildung durch den Krieg unterbrochen wurde. Erst Mitte der fünfziger Jahre wird aus seiner Liebhaberei für Bücher ein systematisches Studium. Da er mittlerweile in einem Büro angestellt ist, kann er nur nebenbei studieren. Nach seinem Abschluss am Kings College in London arbeitet er als Aushilfslehrer, Sportreporter und Drehbuchschreiber. 1964 erscheint "Albert Angelo".

Als Aushilfslehrer arbeitet auch Albert Angelo, obwohl er eigentlich Architekt ist. Alles hat sich gegen ihn verschworen: sein Beruf, der ihn zum brotlosen Künstler erhöht und ihn gleichzeitig um des Brotes willen zum Lehrer erniedrigt. Seine Freundin, die ihn wegen eines Krüppels verlässt, weil der sie nötiger braucht. Und seine Schüler, die ihn für einen Verlierer halten und zwischen denen er verloren ist. Gegen dieses Schicksal stemmt sich Albert, auch das "Fettschwein" genannt, mit seinen vielen Pfunden vergeblich. Sein Tod lugt lange vor dem Ende durch ein Loch, das in die Seiten des Buches gestanzt ist.

Was Albert an seine Schüler austeilt, steckt er vom Autor vorher ein. Seinen Witz und seine Zweifel, seinen Hass und seine Liebe richtete Johnson nicht gegen die Welt, sondern gegen sich selbst. So lässt er Albert einmal sagen: "Dichtung entsteht aus Leid, die Dichtung ist das Einzige, was mich weiteres Leid ertragen lässt." Albert registriert, ohne mitzufühlen, und reflektiert mitleidlos. Das treibt ihn an die Grenzen seiner Existenz.

Johnsons Debüt lebt von den Extremen, sowohl inhaltlich als auch formal, ist heiß und kalt, mal Monolog mal Dialog, mal einspaltig mal zweispaltig. Er spielt mit den Erwartungen seiner Leser, schürt sie, enttäuscht sie und übertrifft sie. Die letzte Wahrheit des Buches besteht darin, dass es keine Wahrheiten gibt und dass die Lüge dergestalt wahrhaftiger als alle Wahrheit ist.

Auf dem Rücken Albert Angelos hat Johnson die hohen und tiefen Töne menschlicher Existenz spielen gelernt. Sein letzter Roman, "Christie Malrys doppelte Buchführung" überrascht da kaum noch. Schlicht fängt er an: "Christie Malry war ein einfacher Mensch." Wer nun eine mit einfachen Worten erzählte Geschichte über einen einfachen jungen Mann lesen will, der sollte dieses Buch beiseite legen. Johnson erzählt weder einfach noch linear.

Seine Lügengeschichte aus dem Jahre 1973 wirkt heute wie die vergessene Reliquie eines englischen Anarchisten aus den Zeiten des Spätkapitalismus. Öffnet der Leser den Schrein, findet er eine Anleitung zur Herstellung von Molotowcocktails, ein paar Stangen Gelatinedynamit und eine Lkw-Ladung Zyanid nebst der genauen Beschreibung, wie er damit eine Fabrik sprengt, eine Anwaltskanzlei auslöscht und 20 000 Londoner vergiftet. Die Gebrauchsanweisung ist in Form einer Heiligenlegende abgefasst, die von einem Buchhalter erzählt.

Alles in allem ein rabenschwarzer Roman, der seinem Leser wie Pfeffer in die Nase steigt und das Wasser in die Augen treibt. Und das, obwohl die hier vorgeführte Maschinenstürmerei wie die harmlose Tat eines netten jungen Mannes wirken müsste, wenn, ja wenn Christie Malry nur eine einfache Rechnung aufgemacht hätte. So aber redet Johnson selbst in seinem Roman ein Wörtchen mit. Das Original, das in der Figurenrede und der Widerrede durch den Erzähler durchscheint, ist kein geringerer als Sterne. Der sagte über seine Bücher "es war mehr Galle als Grundsätze in meinem Projekte, und ich ward seiner müde vor der Ausführung".

Johnson übertrifft ihn noch. Um wieder wach zu werden, jagt er halb London lautstark in die Luft.

Alles beginnt damit, dass Christie Malry eines Tages auf die Idee kommt, reich zu werden. Er lässt sich von einer Londoner Bankfiliale anstellen und schnuppert dort dem Geld hinterher, riecht aber nichts, sieht auch nichts und hört lediglich von Aktienwerten. Um seinem Ziel näher zu kommen, bewirbt sich der junge Mann bei der Kuchenfabrik Tapper s als Fakturist. Bei Tapper s gibt es sowohl etwas zu riechen als auch zu sehen, wenn auch nicht Geld. Christie schreibt sich in einen Fernkurs für Buchhaltung ein und lernt dort das System der Doppelten Buchführung kennen, die auf Paciolis 1494 erschienene "Summa de Arithmetica, Geometrica Proportioni et Proporzionalità" zurückgeht. Ausgerechnet diese bringt ihn auf seine "tolle Idee". Nach dem Prinzip von Debet (Empfänger) und Kredit (Geber) rechnet Christie nun auf, was er an persönlichen Beleidigungen empfängt und "wie sich das Konto bereinigen lässt". Schurigeleien durch Vorgesetzte sowie ein Käfer im Essen und die Erkenntnis, dass "der Sozialismus keine Chance bekommt", reichen aus, damit sich die buchhalterischen Talente des jungen Mannes donnernd und krachend entfalten. Die Zahlen summen und die Summen brummen. Dann naht auch schon das Ende. "Der Versuch, irgendetwas verstehen zu wollen, ist eine vergebliche Anstrengung", spricht der Erzähler, hext seinem Helden eine Geschwulst in die Brust und lässt ihn einfach sterben.

Einfach so starb auch Albert Angelo, doch nicht der Tod verbindet beide Bücher. In Johnsons erstem Roman schlendert ein arbeitsloser Architekt durch London und schichtet für den Leser Stein auf Stein; so entstehen der Percy Circus, wo Lenin einmal gewohnt hat, eine Straßenüberführung in Hammersmith, deren Bogen sich "wie auf Zehenspitzen" davonschwingt und die Gemischtwaren-Gardinen und Geschirrläden um den Chapel Market. In Johnsons letztem Roman tobt ein angestellter Buchhalter durch die Stadt und reißt die aufgeschichteten Steine alle wieder ein. Der konstruktive Wille endet in der destruktiven Tat.

Wenn Dichtung gleich Architektur ist, dann hat Johnson am Ende all dem abgeschworen, was sich für ihn in der Sprache und mit der Sprache erfinden, erschaffen und erzählen ließ. Wenige Monate nachdem "Christie Malrys doppelte Buchführung" erschienen war, schied sein Autor freiwillig aus dem Leben.

B. S. Johnson: Christie Malrys doppelte Buchführung. Argon, Berlin 2002. 222 S. , 18 Euro.

Albert Angelo. Argon, Berlin 2003. 232 S. , 18 Euro.

COLIN JONES/PHAIDON VERLAG London 1962. Colin Jones begann seine Laufbahn als Balletttänzer, bevor er die Würde des Malochers in seinen Fotografien der englischen Arbeiterklasse, der Bergleute und Werftarbeiter dokumentierte. Colin Jones: Grafters. Englische Ausgabe. Phaidon Verlag, Berlin 2002. 144 S. , 59,95 Euro.

ESTATE OF B. S. JOHNSON, ARGON B. S. Johnson (1933 - 1975).