Zwei Probleme tauchen beim Schreiben immer wieder auf: Der erste Satz. Und die folgenden Sätze. Der erste Satz muss einem einfallen, und die folgenden Sätze müssen sich ergeben. Beim zweiten Buch potenzieren sich diese Probleme und führen zu schweren Krisen bei Autoren, die schon ein Spiel gewonnen haben, aber noch keinen Satz, und schon gar nicht das Match. - Zum Beispiel Charlie Kaufman. Er ist ein Wunderkind, seit er das Drehbuch zu "Being John Malkovich" geschrieben hat. Aus dem Erfolg hat er eine radikale Konsequenz gezogen: Er hat sich zweigeteilt, in den echten Charlie Kaufman, der Drehbücher zu "Human Nature" und "Adaption" (im Original: "Adaptation") nachgelegt hat, und in einen fiktiven Charlie Kaufman, der in "Adaption" auftritt, und von Nicolas Cage gespielt wird.
Wie in einer asexuellen Reproduktion teilt sich der fiktive Kaufman gleich noch einmal und bekommt einen Zwillingsbruder namens Donald, der alle Qualitäten eines ruchlosen Draufgängers hat, die dem Mann ohne vorteilhafte Eigenschaften, Charlie Kaufman, fehlen. Der schwitzt. Denn "Adaption" ist ein Film über Skrupel. Damit ist jeder Autor allein, während er mit dem Erfolg unter Menschen ist.
Weil Spike Jonze für seinen Film aber nicht nur einen inneren Monolog, sondern auch eine äußere Handlung braucht, beginnt die Geschichte mit einem Auftrag: Charlie soll aus einem Bestseller ein Drehbuch machen. Die Vorlage ist ein Buch, wie es nur im Umfeld der Zeitschrift "New Yorker" entstehen kann: Susan Orlean (Meryl Streep) beschreibt darin die Orchideen in den Sümpfen Floridas und die Außenseiter, die vom halblegalen Verkauf der geschützten Pflanze leben. Susan entdeckt in Florida nicht nur exotische Pflanzen, sondern auch verdrängte Gefühle. Sie entwickelt eine Leidenschaft für den bodenständigen John Laroche (Chris Cooper). Der Mann hat eine Zahnlücke und eine traurige Vergangenheit, aber viel mehr Sexappeal als die kultivierten Freunde in Manhattan, die sich beim Dinner über Susans Erzählungen von Johns unaufgeräumtem Pick-Up-Wagen amüsieren. Über ihre Faszination für Laroche schweigt Orlean sich aus, und während sie all dies in ihr Buch hineinsublimiert, muss Charlie Kaufman es an die Oberfläche holen, um nicht das Drehbuch für einen Dokumentarfilm abzuliefern.
Mehrere Handlungsstränge bewegen sich in "Adaption" auf eine Schreibblockierung zu, aus der nur die neurotische Abspaltung Donald Kaufman souverän hervorgeht. Er sieht Charlie zum Verwechseln ähnlich: das Haar dünnt aus, der Bauch wächst, die Transpiration wird intensiver. Aber Donald gibt sich mit einfachen Weisheiten zufrieden, reiht Plot-Point an Plot-Point und einen dämlichen Spruch an den nächsten - mit einem Wort: Er verrät die Tradition der europäischen Selbstreflexion an die billigsten Instinkte Hollywoods.
"Adaption" ist, getreu dem naturhistorischen Interesse des richtigen Charlie Kaufman, ein Film über die evolutionäre Anpassung. Die Literaturverfilmung ist nur ein Spezialfall jener nahezu goetheschen Auffassung von Chemie, mit der hier Anziehung und Abstoßung, Nachahmung und Eigensinn ineinander übergehen. Der Regisseur Spike Jonze, am Musikvideo geschult, findet das Surreale dieser wilden Jagd nach dem ersten Satz (und der schönsten Orchidee) ganz normal. Und so ist es auch. Die Haken schlagende Intelligenz des Originaldrehbuchs entfaltet sich überzeugend, bis schließlich alle in Florida angekommen sind.
Nun hilft keine Abschweifung mehr, nun geht es zur Sache, und wenn "Adaption" es nicht ganz bis zur Krone der Schöpfung schafft, dann liegt dies daran, dass der Showdown so konventionell ist, dass er hinter dem grandios gescheiten Ende der Malkovich-Werdungen deutlich zurückbleibt. Es ist aber auch zu schwierig: Tier werden und Mensch bleiben, und dann noch darüber schreiben - das braucht einen ganz neuen Ansatz.
Adaption (Adaptation) USA 2002. Regie: Spike Jonze, Drehbuch: Charlie Kaufman, Kamera: Lance Acord, Darsteller: Nicolas Cage, Meryl Streep, Chris Cooper u.a.; 115 Minuten, Farbe.
COLUMBIA TRISTAR Können diese Füße lügen? Meryl Streep scheint es nicht anzunehmen.